Kaderanalyse: Gute Anlagen, wenig Konstanz, viel Potential

Während die Profis des 1. FC Kaiserslautern zumindest bis zum 05. August (Trainingsstart) im Urlaub verweilen, arbeiten FCK-Cheftrainer Boris Schommers und Sportdirektor Boris Notzon währenddessen an einem schlagfertigen Kader für die kommende Spielzeit. Die Marschrichtung dabei ist klar: Leistungsträger wie Florian Pick, Christian Kühlwetter und Carlo Sickinger sollen gehalten werden. Auch sollen 2-3 weitere Führungsspieler dazu kommen, um einerseits "die Schwäche bei Standards zu beheben", und andererseits besser mit Drucksituationen umgehen zu können. Im Fokus aller sportlichen Überlegungen stehen ein Außenverteidiger, ein zentraler Defensivspieler sowie ein offensiver Mittelfeldspieler. Darüber hinaus muss der FCK seine Kadergröße reduzieren. Denn trotz der Abgänge von Jan-Ole Sievers und Lennart Grill (beide Tor), Alexander Nandzik (Abwehr), Christoph Hemlein und Gino Fechner (beide Mittelfeld) stehen derzeit 32 Spieler (inklusive der beiden Neuzugänge Winkler und Kleinsorge) unter Vertrag. Ob die bereits ausgelaufenen Verträge mit Andre Hainault und Matheo Raab verlängert werden, ist noch nicht bekannt gegeben worden.

Kaderanalyse: Stärken, Schwächen und Potenziale

Ob die Mannschaft von Trainer Boris Schommers wirklich aufstiegsreif ist, welche Stärken und Schwächen sie hat und welche Potenziale noch im Verborgenen liegen, all das hat Treffpunkt Betze Redakteur Wolfram Wuttke analysiert und unter die Lupe genommen. Zu Beginn stellt er jedoch fest, dass ihm bei der Aussage, man wolle "die Leistungsträger halten", regelmäßig ein Schauer über den Rücken fährt. Er hat in der abgelaufenen Spielzeit nämlich kaum Leistungsträger in den Reihen der Roten Teufel erkennen können. Paradoxerweise sieht er den Kader für die kommende Saison trotzdem auf einem sehr guten Weg.

Tor: Spahic und jede Menge Youngster

Lennart Grill: Nach einer alles in allem starken Saison verlässt mit Lennart Grill der letzte voll ausgebildete Ehrmann-Schützling den FCK in Richtung Leverkusen. Ihn zeichnen die klassischen Merkmale eines Absolventen von „Gerrys Flugschule“ aus: Teilweise überragende Reflexe auf der Linie, aber auch Schwächen in der Strafraumbeherrschung. Der 21-jährige war anderthalb Jahre lang ein sicherer Rückhalt für die Roten Teufel. Aber, wie fast immer in den letzten Jahren, ist die „Planstelle Tor“ längst schon wieder adäquat besetzt.


Avdo Spahic: Nach Grills Abgang wird der 23-jährige Bosnier die neue Nummer eins im Lauterer Tor. So sicher und reaktionsschnell wie er sich in den letzten Saisonspielen präsentiert hat, scheint auch niemand im Verein an der Richtigkeit dieser Entscheidung zu zweifeln. Einen echten Konkurrenzkampf um den Platz zwischen den Pfosten scheint es jedoch erstmal nicht zu geben. Hinter Spahic lauern mit Lorenz Otto, Jonas Weyand (beide 19), Matteo Raab (21) und dem letztjährigen A-Jugend-Keeper Elija Wohlgemuth (18) gleich vier Youngster mit viel Talent, aber ohne Drittligaerfahrung. Der Vertrag des erfahreneren Jan-Ole Sievers (25) wurde kürzlich erwartungsgemäß aufgelöst.


Wird der Verein den jungen Nachwuchskeepern zutrauen, Avdo Spahic, zur Not auch über eine längere Zeit, vertreten zu können? Oder wird noch ein „alter Hase“ vom Typ „Wolfgang Hesl“ verpflichtet?

Abwehr: Mindestens ein neuer Abwehrchef

Kevin Kraus: In der Saison 2018-19 war der ehemalige Heidenheimer noch die Zuverlässigkeit in Person in der Lauterer Defensive. In der abgelaufenen Spielzeit präsentierte er sich mitunter deutlich weniger souverän. Zusammen mit Hainault bildete Kraus eine verwundbare, weil äußerst sprintschwache, Innenverteidigung. An der Seite von Carlo Sickinger stabilisierten sich seine Leistungen. Nach Dominik Schad verlängerte auch Kraus kürzlich seinen Vertrag. Er könnte nächste Saison zusammen mit dem Hachinger Neuzugang Alexander Winkler das Innenverteidigerduo bilden. Im worst case könnte sich der 27-jährige aber auch auf der Bank wiederfinden, z.B. dann, wenn Sickinger wieder in die Abwehr rückt oder der Hallenser Sebastian Mai noch verpflichtet wird.


André Hainault: In seiner zweiten Saison beim FCK wurden die Schnelligkeitsdefizite des 34-jährigen Kanadiers noch deutlicher als bereits im Jahr zuvor. Dass die Abwehr viel zu oft - meist aufgrund mangelnder Zuordnung - ins Schwimmen geriet, geht zu einem Teil auch auf seine Kappe. Vom damaligen Zweitligisten Magdeburg kommend, wurde der kopfballstarke Innenverteidiger wohl als Leader im Defensivbereich geholt und wird auch dementsprechend entlohnt worden sein. Lediglich als Back-up für die Profis und erfahrener Mann für die U23 könnte man seinen Vertrag, zu allerdings deutlich reduzierten Bezügen, eventuell noch einmal verlängern. Allerdings wäre das natürlich auch ein deutliches Zeichen für die jungen Defensivspieler wie Lukas Gottwalt, Jonas Scholz oder Kevin Klein - und zwar kein positives.


Jonas Scholz: Am ersten Spieltag gegen Unterhaching stand der 21-jährige überraschend in der Startelf, wo er gemeinsam mit Kevin Kraus das Innenverteidigerduo bildete. Im schwachen Spiel einer nervösen Lauterer Mannschaft war ausgerechnet er es, der durch einen kapitalen Schnitzer den Hachinger Ausgleich ermöglichte. Anschließend musste Scholz 33 Spieltage lang warten, ehe er wieder einen Kurzeinsatz beim Auswärtsspiel in Rostock bekam. Zum Saisonende hin konnte er sich dann gleich mehrfach als zuverlässiger Linksverteidiger präsentieren, was Trainer Boris Schommers für die kommende Saison eine weitere Alternative offeriert. In seinem dritten Jahr beim FCK könnte Scholz nun der dauerhafte Sprung in den Profikader gelingen.


Lukas Gottwalt: Was für ein Seuchenjahr musste der 22-jährige erleben! In der vorangegangen Spielzeit noch so etwas wie der Senkrechstarter, begann die Saison 2019-20 für den Innenverteidiger bereits in der Vorbereitung mit einer Verletzung (Knochenödem). Anschließend durfte er nur dreimal über 90 Minuten ran (+120 Pokalminuten gegen Nürnberg), danach war er auch sportlich eher außen vor. Damit leider nicht genug: In der Vorbereitungsphase nach der Coronapause zog sich der Frankfurter einen Verrenkungsbruch des Sprunggelenks zu, was nicht nur die abgelaufene Saison für ihn beendete, sondern auch im Hinblick auf die neue Serie nicht gut aussieht.


Sollte Sebastian Mai noch für die Innenverteidigung verpflichtet werden, wird der 1,93 Meter große Riese in der kommenden Saison kaum eine Chance auf regelmäßige Einsatzzeiten haben. Eine Leihe zu einem Dritt-oder Regionalligisten würde hier für alle Seiten Sinn machen. Der Zeitpunkt hierfür hängt in erster Linie mit seinem Heilungsverlauf zusammen.


Dominik Schad: Im Kader der Roten Teufel war Dominik Schad in der abgelaufenen Saison der mit Abstand konstanteste Spieler. Immer zweikampfstark und stets mit hohem Laufpensum. Über seine rechte Abwehrseite ließ er wenig zu und suchte nach Ballgewinnen immer wieder den direkten Weg in die gegnerische Hälfte. Hut ab, dass FCK-Vorstand Soeren-Oliver Voigt den Vertrag mit dem 23-jährigen Leistungsträger ausgerechnet inmitten der Insolvenz verlängern konnte!


Philipp Hercher: Nicht ganz so konstant wie Dominik Schad auf der rechten Seite, aber durchweg solide präsentierte sich der von der SG Sonnenhof Großaspach gekommene Linksverteidiger. Ab der nächsten Saison wird sein Job auch wieder etwas dankbarer: Mit Elias Huth wird sich endlich ein potentieller Abnehmer für hohe Flanken im gegnerischen Strafraum wiederfinden. Nirgendwo ist der Kader aktuell so zuverlässig aufgestellt wie auf den beiden Außenverteidigerpositionen. Es mangelt lediglich an Back-Ups. Jonas Scholz präsentierte sich zuletzt als brauchbare Option für die linke Seite, sollte Hercher selbst ausfallen oder den Kollegen Schad auf der rechten Seite vertreten müssen.


Alexander Nandzik: Als Außenverteidiger für beide Seiten vertrat die Regensburger Leihgabe die beiden vorher genannten Außenbahnspieler ab der Winterpause. Weniger technisch beschlagen als Hercher, dafür mit mehr Körpereinsatz und Dynamik konnte er zunächst teilweise überzeugen, machte aber gegen Ende der Spielzeit gleich mehrere schwache Spiele. Die Kaufoption wurde seitens des FCK nicht gezogen und Nandzik wird den Verein wieder verlassen. Der ideale Nachfolger könnte ebenfalls auf beiden Seiten spielen. Vielleicht wird die neue Planstelle auch intern besetzt, etwa mit Jonas Scholz und Luca Jensen.


Neuzugänge: Mit Alexander Winkler (28 Jahre alt, 1,90 Meter groß) von der SpVgg Unterhaching wurde für die neue Saison ein Abwehrchef für die Innenverteidigung verpflichtet, der bisher schmerzlich vermisst wurde. Der Hüne ist im besten Fußballeralter, hat reichlich Drittligaerfahrung und war sogar Mannschaftskapitän seines ehemaligenTeams.


Gerüchten zufolge bemüht sich der FCK gerade auch um Sebastian Mai, der seinen Vertrag in Halle nicht verlängert hat. Die oben aufgeführten Attribute bzgl. Erfahrung, Körpergröße und Führungsqualität treffen allesamt auch auf den 26-jährigen Mai zu. Allerdings werden ihm auch Kontakte in seine Heimatstadt Dresden nachgesagt.


Fazit: Mit Kevin Kraus und dem neuen Abwehrchef Alexander Winkler stehen aktuell zwei erfahrene und klassische Innenverteidiger zur Verfügung. Schad und Hercher sind auf den Außenpositionen ohnehin gesetzt, und mit Avdo Spahic steht ein sicherer Rückhalt im Tor. Scholz wäre ein Back-Up für die linke Seite oder die Zentrale. Mit Allzweckwaffe Carlo Sickinger und Lukas Gottwalt in der Hinterhand wäre die Defensive deutlich stärker als in der Vorsaison. Einzig ein rechter Außenverteidiger fehlt den Lautrern noch. Hier könnte der Verein durchaus auf einen Nachwuchsspieler setzen. Die Rückkehr von Josè Matuwila scheint aktuell eher ausgeschlossen. Mit einem möglichen Transfer von Sebastian Mai würde der FCK nochmals ein dickes Ausrufezeichen für die Defensive setzen.

Defensives Mittelfeld: Mehr Stabilität in den Reihen des FCK?

Hikmet Ciftci: Der Start des Winterpausenneuzugangs aus Aue hätte mit zwei Kurzeinsätzen und einer anschließenden Rotsperre kaum schlechter laufen können. Ab dem Derby in Mannheim entwickelte sich Ciftci dann aber zu einer festen Größe im Team und innerhalb der Startelf. Der in Neuss geborene Deutsch-Türke präsentierte sich sehr ballsicher und offensiv wie defensiv zweikampfstark. Seine Stärken kann dabei im zentralen Mittelfeld sowohl auf der Sechs als auch auf der Acht ausspielen. Gegen Saisonende kam der 22-jährige immer besser ins Spiel und fungierte dabei als Hauptanspielstation in der Zentrale. Zumeist war er schon knapp vor der eigenen Abwehrreihe für den Spielaufbau zuständig. Für die neue Saison sollte er ein Eckpfeiler für das Lauterer Spiel werden.


Anas Bakhat: Erst gegen Ende der Saison kam er zu seinen ersten Einsätzen und spielte sich prompt in die Startelf. In einer fast durchweg enttäuschenden Saison ist der Mittelfeldmann die positivste Entdeckung der gesamten Spielzeit. Schnell, dribbelstark und bissig in der Defensive bietet sich der 20-jährige für beinahe jede Mittelfeldposition an. Der vielseitige Youngster ist für die neue Saison ein Stammelfkandidat im Mittelfeld.


Carlo Sickinger: Seine Berufung zum Mannschaftskapitän kam für alle - ihn selber eingeschlossen - völlig überraschend. Der 22-jährige, eigentlich ein eher ruhiger Vertreter, bekam die Kapitänsbinde wohl weniger wegen herausragender Führungsqualitäten, sondern eher, weil es im Kader 2019-20 schlichtweg keine Führungsspieler gab.


Seine Leistungen im Mittelfeld waren überwiegend gut, wenn auch etwas schwankend. Als Innenverteidiger gab er der wackligen Abwehr mit seiner Schnelligkeit, Technik und starken Spieleröffnung allerdings fast immer den nötigen Halt. Möglich, dass der Karlsruher sich ohne die Last der Binde, idealerweise an der Seite eines erfahrenen Leaders, noch ein stückweit besser entwickelt hätte. Sollten in der kommenden Saison auch andere Spieler Verantwortung übernehmen, könnte Sickinger einen weiteren Sprung machen. Dank seiner Vielseitigkeit ist die Frage nicht „ob“ sondern „wo“ er nächste Saison spielen wird, und zwar sowohl auf die Position als auch auf den Verein bezogen. Es soll höherklassige Clubs geben, die sich seine Dienste sichern wollen.


Janik Bachmann: Gemeinsam mit Skarlatidis kam „Jay“ Bachmann im Sommer 2019 aus Würzburg zum Betzenberg und stand hier von Anfang an in der Startelf. Als robuster Balleroberer mit solidem Passspiel hatte er auf der Sechserposition lange Zeit ein Alleinstellungsmerkmal, über weite Teile spielte er eine ordentliche Saison. Gegen Saisonende tauchten mit Ciftci und Bakhat gleich zwei mögliche Konkurrenten für die neue Spielzeit auf. Beide sind dem 1,96 Mmeter großen Hünen zwar körperlich unterlegen, zeigen sich jedoch deutlich beweglicher und mit besseren Offensivqualitäten. Allerdings ist der 24-jährige Mittelfeldabräumer ein harter Knochen und wird seinen Platz im Team zu verteidigen wissen. „'Nen miese Bauchplatscher“ wird auch die nächste Saison nicht für ihn werden.


Theodor Bergmann: Er ist technisch stark und wahrscheinlich der beste Freistoßschütze im Kader der Roten Teufel. Dennoch schaffte der ehemalige Erfurter in seinem ersten Jahr am Betze nicht den erhofften Durchbruch. Entgegen aller Erwartungen verlief seine zweite Saison sogar noch weitaus enttäuschender. Unverständlich, dass ein Spieler mit seinen Fähigkeiten sich in einem durchschnittlichen Drittligateam nicht durchzusetzen vermochte und in der Liga lediglich auf 83 Spielminuten kam. Obwohl Bergmanns Vertrag noch ein Jahr läuft, stehen die Zeichen hier auf eine vorzeitige Trennung.


Gino Fechner: Defensives Mittelfeld, Innenverteider, Außenverteider – grundsätzlich kann der vielseitige Bochumer jede Position im Defensivbereich spielen. Trotzdem hat es in seinen drei Vertragsjahren am Betzenberg auch unter verschiedensten Trainertypen nie für einen Stammplatz gereicht. Sein Vertrag ist gerade ausgelaufen, Gino Fechner hat den FCK bereits verlassen. Schade, hier wäre für beide Seiten mehr drin gewesen.


Das war der erste Teil unserer sommerlichen Kaderanalyse. Am morgigen Dienstag erscheint der zweite Teil. Darin blickt Wolfram Wuttke auf das offensive Mittelfeld und die torhungrige Sturmreihe. Und er bennent drei Gründe, warum der FCK in der kommenden Spielzeit deutlich stärker sein wird.


Quelle: Treffpunkt Betze