Legendär: "Habe mir einfach gesagt, bleib' ruhig Ruben"

Neckarsulm, Hertha BSC und Union Berlin hatte der FCK heute vor sieben Jahren bereits aus dem Pokal geworfen. Die Aufgabe im Viertelfinale des DFB-Pokals schien noch einmal eine andere Hausnummer zu sein. Als einzig verbliebender Zweitligist war bereits vor der Auslosung klar, dass es in der Runde der letzten Acht gegen eine höherklassigere Mannschaft geht. Das Auswärtsspiel bei Champions League-Teilnehmer Bayer Leverkusen war jedoch alles andere als ein Wunschlos.

Aufstiegskampf vs. Pokalsensation

In der Liga waren die Lautrer mitten im Aufstiegskampf. Nur der 1. FC Köln und Greuther Fürth standen in der Tabelle noch vor dem FCK. Der Sieg im Spitzenspiel gegen eben jene Fürther wenige Tage vor dem Pokalduell gab der Truppe von Kosta Runjaić zusätzliches Selbstvertrauen. Trotz guter Verfassung und aussichtsreicher Position im Aufstiegskampf fuhren die Roten Teufel als klarer Außenseiter ins Rheinland. Die Bayern spielten mal wieder ihre eigene Saison - dahinter führte Leverkusen die Tabelle der Bundesliga an. Die Werkself tanzte mit Bundesliga, Champions League und DFB-Pokal noch auf allen drei Hochzeiten und hatte mit Sicherheit nicht vor, das im Viertelfinale gegen den einzig verbliebenden Zweitligisten zu ändern.


Tobias Sippel, Florian Dick, Jan Simunek, Marc Torrejon, Chris Löwe, Markus Karl, Enis Alushi, Alexander Ring, Ruben Jenssen, Karim Matmour und Oliver Occean. Die elf Roten Teufel, die es richten sollten. Ihnen gegenüber standen klangvolle Namen wie Bernd Leno, Emre Can und Heung-Min Son und damit jede Menge Qualität. Das Viertelfinale im DFB-Pokal – für die Leverkusener an diesem Mittwochabend vor sieben Jahren die klassische Pflichtaufgabe.

Unterschätzter Faktor Kurve

Auf dem Feld waren die Rollen also weit vor Anpfiff des Spiels klar verteilt. Dass Fans jedoch auch einen gewissen Einfluss auf den Verlauf eines Spiels nehmen können, stellten 5.000 mitgereiste Lautrer an diesem Abend eindrucksvoll unter Beweis. So klar die Ausgangslage auf dem grünen Rasen, so klar war sie in den Kurven. Zugegeben ist das in Leverkusen nicht die aller höchste Herausforderung – den Support der Gästekurve soll das jedoch nicht mindern. Schon der Empfang von Tobias Sippel und kurz darauf der gesamten Mannschaft bescherte den Leverkusener Tribünengästen eine unbekannte Geräuschskulisse. Und so sangen sich 5.000 FCK-Fans Mut zu. Mit jedem einzelnen Lied, jeder einzelnen Minute Unterstützung wuchs der Glaube an eine Sensation. Und wer da an diesem Abend gegen unseren FCK antrat, wurde immer mehr zur Nebensache. Zweiter der Bundesliga, Champions-Leauge Teilnehmer, Top-Spieler wie Son oder Can in ihren Reihen – alles egal. Denn an diesem Abend vor sieben Jahren spielten elf Topspieler gegen elf plus 5.000 Lautrer.


Ein mutiger Beginn ließ vermuten, dass nicht nur die Roten Teufel auf den Rängen, sondern auch die auf dem Platz an eine Sensation glaubten. Der FCK schaffte es, die Partie offen zu gestalten, trat diszipliniert auf und ließ im gesamten Spiel kaum Chancen zu. Dass ein solcher Spielverlauf für eine Pokalsensation wie gemacht ist, war selbstverständlich auch dem Anhang auf der Tribüne bewusst, der die Dynamik des Spiels nutzte, wenn nicht gar selber beeinflußte.


Mit zunehmender Spieldauer wuchs auf der einen Seite also der Glaube, auf der anderen die Nervosität und die Angst davor, sich in einem Heimspiel gegen einen Zweitligisten zu blamieren. Die zweite Halbzeit war inzwischen angepfiffen worden und der Ausgang der Begegnung weiterhin völlig offen. Im Block wurde jeder gewonne Zweikampf bejubelt, jeder ankommende Pass gefeiert. Fußballerisch attraktiv war das nicht über die gesamte Spielzeit, kämpferisch jedoch in jeder einzelnen Minute herausragend. Elf in weiß gekleidete Lautrer taten das, was FCK-Fans sehen wollen: kämpfen, kratzen, beißen. Und das Ganze mit einer großen Portion Glaube an sich selbst. Sie taten es so gut, dass auch beim Abpfiff der zweiten Halbzeit der Ausgang der Begegnung völlig offen war.

„Ruben, bleib ruhig“

Es ging in die Verlängerung. Während sich bei den Hausherren die Dreifachbelastung zeigte, wirkten die Lautrer weiterhin frischer und mutiger. Acht Minuten waren gespielt, als Karim Matmour im Strafraum der Werkself vom für Leverkusen debütierenden Andres Guardado gelegt wurde. 98. Minute: Elfmeter für den FCK und die riesige Chance auf den Führungstreffer. Die riesige Chance für Mo Idrissou den Gästeblock endgültig zum Beben zu bringen. Doch Mo Idrissou schaffte es, im Gästeblock für Ruhe zu sorgen. Sein Schuss ging rechts am Tor vorbei. Und die Pokalsensation war plötzlich doch wieder ein weites Stück entfernt. Die Ruhe hielt jedoch nur wenige Sekunden an und auch die Jungs auf dem Rasen zeigten sich wenig beeindruckt vom verschossenen Elfmeter.


Getreu dem Motto „Jetzt erst recht“ legte Runjaics Truppe im zweiten Durchgang der Verlängerung noch einmal eine Schippe drauf, erhöhte den Druck. Es sind keine zehn Minuten mehr auf der Uhr, als ein Leverkusener Angriff zum wiederholten Male von der Lautrer Hintermannschaft niedergekämpft wird. Gerade den Ball erobert, schaltet Florian Dick mit einem Pass auf Karim Matmour sofort ins Offensivspiel um. Der lässt gleich mehrere Leverkusener stehen, zieht ins Zentrum und nimmt Idrissou auf der rechten Seite mit. Dass in diesen Sekunden ein Tor in der Luft liegt, ist am steigenden Geräuschspegel im Gästebereich zu erahnen. Und tatsächlich beweist der Kameruner Übersicht und bedient den anrennenden Ruben Jenssen, der die Kugel noch einmal annimmt und dann mit voller Wucht ins Glück jagt.


Sein Glück konnte der Torschütze auch nach dem Spiel nicht wirklich fassen. Nervös war er, erzählte am Mikrofon, als der Ball auf ihn zu kam. „Ich habe mir einfach nur gesagt: Bleib ruhig, Ruben".


Ein Momemt, der in die jünste Geschichte des 1. FC Kaiserslautern eingehen sollte. Jenssen blieb ruhig und sorgte damit auch weit nach Abpfiff der Partie für extatische Zustände im Auswärtsblock. Der FCK war ins Halbfinale eingezogen. Neben der Hertha schlug man mit Leverkusen den zweiten Bundesligisten und das noch nicht einmal unverdient. Nur noch ein Schritt nach Berlin und der Traum von Europa war auch nicht mehr weit. Man hatte plötzlich wieder Träume. Auch wenn die nicht lange anhielten.


Quelle: Treffpunkt Betze





Das Spiel in der Zusammenfassung: Bayern 04 Leverkusen - 1. FC Kaiserslautern (0:1)



Mannschaft und Fans feiern die Pokalsensation