Aufholjagd Teil 1/10: „Wiederauferstehung an Ostern“

Die Roten Teufel bejubeln einen eminent wichtigen Heimsieg.

Das gestrige Spiel in Kurzform: Der FCK ist spielerisch überlegen und trotz guter Chancen nur 1:0 in Führung, kassiert dann ein 'saudummem' Platzverweis und keine zwei Minuten später gar den Ausgleich. Der Spielverlauf der ersten 63 Minuten gegen Halle ist geradezu exemplarisch für die gesamte Saison der Roten Teufel. So kann man einfach nur absteigen! So oder ähnlich hätte mein Fazit wohl noch kurz vor Spielende ausgesehen. Doch dann präsentieren sich die Pfälzer plötzlich in perfekter Osterform: Sie zeigten Eier und schafften die Wiederauferstehung.

Die Aufstellung: Viele Änderungen und zwei Startelfdebütanten

Nach einer "hammerharten Trainingswoche" bietet die Aufstellung von Coach Marco Antwerpen jede Menge Neuerungen gegenüber dem letzten Match: Für den verletzten und alleinigen Sechser Hikmet Ciftci starten Tim Rieder und Felix Götze als „hart, aber herzliche“ Doppelsechs. Götze gibt, ebenso wie Marvin Senger in der Innenverteidigung, sein Startelfdebüt, Alexander Winkler hingegen ist nicht einmal im Kader. Marvin Pourié läuft dieses Mal als Einzelspitze auf und Jean Zimmer und Philipp Hercher tauschen im Vergleich zum Magdeburg-Spiel die Positionen: Zimmer startet im Mittelfeld und Hercher als rechter Außenverteidiger. Allerdings rochieren beide während des Spiels immer mal wieder und bekommen jede Menge Gelegenheit zum Flanken – mit durchaus wechselhaften Resultaten.

Unprofessionell auf (fast) allen Ebenen

Die sportlichen Resultate der letzten Wochen, das peinliche Gebahren des Aufsichtsrats, der Brief von Boris Notzon: Im FCK-Umfeld gibt es in den beiden Wochen vor dem Spiel nur sehr wenig, was nicht auf „Amateurfußball“ hindeutet. Lediglich die Fans scheinen die Zeichen der Zeit erkannt zu haben und beflaggen die Westtribüne mit motivierenden Spruchbändern. Und siehe da: In einer etwas zerfahrenen, aber insgesamt ordentlichen ersten Hälfte geht ein spielerisch und kämpferisch überlegener FCK durch Marvin Pourié, der nach 10 Spielen - inklusive „individueller Fitnesspause“- erstmals wieder trifft, mit 1:0 in Führung.


Bis auf einen Eckball kurz vor der Pause, in dessen Folge die Gäste gleich mehrere Einschussmöglichkeiten haben, lässt der FCK defensiv kaum etwas zu. Wer nach der Pause eine Leistungssteigerung der Sachsen-Anhaltiner erwartet, wird enttäuscht: Der 1. FC Kaiserslautern bestimmt weiter das Spiel, hat die besseren Tormöglichkeiten, versäumt es aber wie gewohnt „den Sack zuzumachen“.

Typisch FCK 2020/21

Was dann kommt ist einfach „typisch FCK 2020/21“. Als man das Spiel eigentlich komplett im Griff hat, dezimiert sich die Mannschaft zunächst durch Redondos unnötigen Platzverweis selbst. Anschließend beginnt das bekannte Lauterer Nervenflattern. Der Lattenkopfball von Halles Dehl nach einem Freistoß hat ebensowenig mit der Lauterer Unterzahl zu tun wie die Tatsache, dass Halles Toptorjäger Terence Boyd völlig ungedeckt zum Ausgleich einnetzen kann. Das ist einfach nur eine Frage der Konzentration und zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte Saison.


Ungewöhnlich für diese Spielzeit ist allerdings, wie der FCK sich nach kurzer Schockstarre zurückmeldet. Der überragend kämpfende Kapitän Jean Zimmer bereitet zunächst dem eingewechselten Elias Huth eine Großchance vor, bevor er schließlich Kevin Kraus den 2:1 Führungstreffer auflegt. Die Maßnahme Zimmer ins Mittelfeld zu ziehen zahlt sich definitiv aus. Schließlich ist die „Problemzone“ der Mannschaft nicht die Abwehr, sondern die Offensive.

Werden Ouahim und Ritter endlich effektiv?

Sein bisher bestes Spiel im Trikot der Roten Teufel absolviert Anas Ouahim. Zwar konnte die Leihgabe vom SV Sandhausen bisher bereits mehrfach seine spielerische Extraklasse andeuten, allerdings fehlte es ihm stets an Effektivität. Am Samstag gelingt es ihm fast permanent, sich in den richtigen Momenten vom Ball zu trennen und seine Mitspieler in schnelle Kurzpasskombinationen einzubeziehen. Die Torvorlage zu Pouriés 1:0 Führungstreffer ist erst sein zweiter Scorerpunkt im achten Spiel. Er hat das Potential zu deutlich mehr. Auch der eingewechselte Marlon Ritter muss sich fragen lassen, warum er seine Fähigkeiten, wie den großartigen Assists zum 3:1 durch Hercher, nicht viel öfter zeigt.


Eine Reihe hinter Ouahim / Zimmer / Redondo ackern Rieder und Götze defensiv im Mittelfeld aufopferungsvoll und leiten durch Balleroberungen immer wieder Lauterer Gegenangriffe ein. Vorne ist Marvin Pourié auf dem besten Weg wieder an seine Hinrundenform anzuknüpfen, wo er in seinen ersten 12 Partien sechs Treffer erzielte. Es scheint, als haben Trainerteam und Mannschaft die Länderspielpause sinnvoll genutzt. Diese Einschätzung gilt zumindest bis Mittwoch, 17 Uhr.

Schiedsrichter Bacher möchte reden

Die Lauterer präsentieren sich zwar kampf-, lauf- und willensstark, aber eben auch mit der gewohnt hohen Fehlerquote. Aus dieser Mischung resultieren am Ende fünf gelbe und eine gelb-rote Karte, fast alle absolut berechtigt. Mehr noch: Eigentlich hätten auch Tim Rieder und Kevin Kraus bereits im ersten Durchgang gelb sehen müssen. Der überaus kommunikationsfreudige Schiedsrichter Michael Bacher liegt bei fast allen Karten lange Zeit richtig, tendiert im zweiten Durchgang aber leider immer mehr zur Selbstinszenierung. Sowohl Kevin Kraus, der ehemalige Lauterer Stipe Vucur als auch Lauterns Trainer Antwerpen müssen allesamt die spielunterbrechenden Monologe des Referees im Einzelgespräch über sich ergehen lassen.


Damit nicht genug: Irgendjemand auf der Lauterer Bank - ob Spieler, Sportdirektor oder Masseur ist nicht bekannt - sieht noch die gelbe Karte und Kenny Prince Redondo fliegt wegen Meckerns vom Platz. Dieser weist beim Zurücklaufen mehrfach auf ein Foul bzw. auf einen am Boden liegenden Lauterer Spieler hin - wobei der genaue Wortlaut nicht bekannt ist. Marco Antwerpen meint nach dem Spiel, in einer Bundesligapartie hätte Bacher hierfür garantiert keinen Platzverweis gegeben. In der Tat: Die Vorstellung, dass der 30-jährige Schiedsrichter in ähnlicher Situation "Radio Müller" vom FC Bayern des Feldes verweist, ist in der Tat mindestens so interessant wie es die anschließende Reaktion der Bayern-Granden auf der Tribüne wäre.

Tabellensituation und nächster Gegner

Während sich Mannheim, Duisburg und Magdeburg mit positiver Tendenz aus dem Keller herausarbeiten, sind Uerdingen, Bayern II und der Hallesche FC nach unten und damit in Richtung FCK unterwegs.


Der Lauterer Rückstand auf den rettenden 16. Tabellenplatz beträgt nun nicht mehr sieben, sondern noch vier Punkte – bei einem Spiel Rückstand. Dieses findet am Mittwoch um 17 Uhr gegen den FSV Zwickau statt. Die Sachsen haben sich mit zuletzt 11 Punkten in 5 Spielen eindrucksvoll aus der Abstiegszone herausgearbeitet. Mit einem Sieg beim SV Waldhof wäre der Klassenerhalt für die Schwäne wohl schon so gut wie fix gewesen, allerdings setzte es in der Quadratestadt eine 0:1 Niederlage. Somit hat der FCK, wie bereits gegen Halle, nun auch am Mittwoch die Chance, mit einem Sieg nicht nur drei wichtige Punkte zu sammeln, sondern gleichzeitig wieder einen Konkurrenten mit in den Abstiegsstrudel hineinzuziehen.


Dagegen spricht, dass der FCK in dieser Saison noch nie zweimal hintereinander gewinnen konnte. Auf jeden Sieg folgte entweder ein unerklärlicher Leistungseinbruch oder eine ordentliche Leistung ohne die nötige Punktausbeute. Andererseits: Nach einem Platzverweis zwei Tore zu erzielen, gelang den Roten Teufeln bis Samstag auch noch nicht.


Fakt ist: Die Mannschaft lebt noch. Inwiefern sich die Extra-Trainingseinheiten in der Länderspielpause und das Selbstvertrauen durch den Sieg nun auswirken, wird das Spiel am Mittwoch zeigen. Dort werden Torschütze Kraus (5. gelbe Karte) und Redondo ihre Sperren absitzen. Dafür kehrt wohl zumindest der wiedergenesene Anas Bakhat in den Kader zurück.


Quelle: Treffpunkt Betze