Kommentar: Ein Tag zum Vergessen

Nach der 0:4 Niederlage in Berlin stellen sich die Roten Teufel den Fans.
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Wie schon vor rund einem Jahr im Auswärtsspiel gegen Aufsteiger Türkgücü München (0:3) gerät der FCK zu Saisonbeginn wieder einmal bei einem Aufsteiger unter die Räder. Die 0:4 Klatsche gegen Viktoria Berlin dürfte wohl die schlechteste Leistung der Roten Teufel seit Antwerpens Amtsantritt sein.


Mit nur einem mickrigen Punkt aus drei Spielen und noch keinem eigenen Tor wettbewerbsübergreifend, kann zurecht von einem Fehlstart gesprochen werden. Dabei sah die Ausgangssituation zu Beginn der Saison doch relativ gut aus. Der FCK konnte beinahe alle Leistungsträger halten und verstärkte sich nominell ordentlich - auch die Ergebnisse in den Testspielen waren ordentlich. Das alles hat jedoch keinen Wert, wenn die Mannschaft im entscheidenden Moment kollektiv versagt und von einem Neuling regelrecht vorgeführt wird. Letztendlich hätte sich niemand über ein noch höheres Ergebnis beschweren dürfen.

Teufel im Kollektivschlaf

Eigentlich erstaunlich. So wollten die Roten Teufel den Schwung der guten Leistung aus dem Pokalspiel gegen Gladbach mitnehmen und engagiert auftreten. Stattdessen waren wohl zum Anpfiff einige FCK-Spieler gedanklich im Mannschaftsbus geblieben, anders lässt sich eine Passivität und ein Zweikampfverhalten wie beim frühen 1:0 der Berliner nicht erklären. Fünf Spieler in Rot versuchen einen Mann aufzuhalten, der letztendlich im Fallen die Führung erzielt. Nach dem frühen Rückstand war der FCK natürlich bemüht, Sicherheit im eigenen Spiel zu erlangen. Mehr als ein Bemühen wurde es allerdings nicht, der FCK schaffte es kaum etwas zustande zu bringen. Das Spiel der Roten Teufel war geprägt von Fehlpässen und schwachem Zweikampfverhalten. Ganz selten schafften es die Lauterer vor das gegnerische Tor - die beste Chance hatte Marius Kleinsorge, aber auch er konnte den Ball im Kasten der Berliner nicht unterbringen. Mit zunehmender Spieldauer kam der FCK letztlich doch besser ins Spiel.


Kurz vor der Pause unterlief ausgerechnet Felix Götze - zu diesem Zeitpunkt der beste Lauterer auf dem Feld - ein haarsträubender Ballverlust, den die Hausherren eiskalt zur 2:0 Pausenführung nutzten. Wieder einmal fehlten in einem entscheidenden Moment Konzentration und das Bewusstsein für die Situation.

Zahme Teufel

Ans Aufgeben dachte Trainer Marco Antwerpen nicht, er wechselte zur Pause mit Kiprit und Sessa offensiv ein und setzte damit ein deutliches Signal. Dieses kam bei seiner Mannschaft scheinbar nicht an. Auch nach dem Seitenwechsel präsentierten sich die Roten Teufel völlig von der Rolle. Fehlpass über Fehlpass und einfache Ballverluste. Durch die offensiven Wechsel entstanden natürlich auch Räume zum Kontern, den die Berliner hervorragend zu nutzen wussten. Nach zahlreichen Hochkarätern war es nur folgerichtig, dass die Viktoria nach einem Konter auf 3:0 erhöhte.


Vom 1. FC Kaiserslautern kam in der Offensive herzlich wenig. Das Spiel war zu umständlich, zu verspielt und zu behäbig. Gelang es den Lauterern dann einmal gefährlich vor das gegnerische Tor zu kommen, scheiterte die Offensive entweder durch einen ungenauen letzten Pass oder durch einen kläglichen Abschluss. Besser machten es die Berliner auf der Gegenseite, die kurz vor dem Ende sogar auf 4:0 erhöhten und die Blamage für den pfälzischen Traditionsverein perfekt machten. Der Aufsteiger machte es den Roten Teufeln vor, was es braucht, um in dieser Liga zu bestehen. Die Leistung des FCK war an diesem Tag jedenfalls nicht drittligatauglich.

Die erneute Charakterfrage

Die so genannte 'Charakterfrage' gehört zum 1. FC Kaiserslautern wie die Meisterschale zum FC Bayern. Läuft der FCK seine eigenen sportlichen Ansprüchen hinterher und tritt die Mannschaft auf wie am Sonntag in Berlin, kommt es zur entscheidenen Charakterfrage. Ist es also womöglich eine Frage der Einstellung? Vergleicht man die beiden Auftritte aus dem Pokalspiel und der Auswärtspartie in Berlin, muss man dies wohl oder übel bejahen. Während die Männer in Rot im Pokal aufopferungsvoll fighteten und auch fußballerisch zu überzeugen wussten, glich das Spiel gegen Berlin einem einzigen Offenbarungseid. Kein Biss, keine Gier und kein Aufbäumen. Anstatt vorne weg zugehen, tauchten so genannte Führungsspieler wie Jean Zimmer und Mike Wunderlich komplett ab.


Dabei kann das Pokalspiel gegen Gladbach eigentlich keine Eintagsfliege gewesen sein. Schließlich zeigte das Team von Marco Antwerpen bereits in der jüngsten Vergangenheit ansprechende Leistungen. Doch nach einer guten Leistung folgte in den letzten Jahren erfahrungsgemäß eine schlechte. Als Außenstehender kommt man nach Spielen wie in Berlin zur Erkenntnis, dass sich einige Spieler auf der Leistung des vergangenen Spiels ausruhen und glauben, es läuft 'nun an von alleine'. Doch in dieser dritten Liga müssen Trainer und Spieler in jedem Spiel über ihre Leistungsgrenze gehen, um erfolgreich zu sein.

System geht noch nicht auf

Obwohl eine für den Betzenberg typische Trainerdiskussion nach drei Spieltagen noch deutlich zu früh ist und auch nicht angemessen wäre, ist es nötig, entlang der bisherigen Punkteausbeute und des Torverhältnisses das neue System "Antwerpen" unter die Lupe zu nehmen und gar zu kritisieren. Noch gegen Ende der vergangenen Saison schien das vom Trainerteam präferierte 5-2-3 System mit zwei schnellen Schienenspielern auf dem Flügel immer mehr zu fruchten. Auch die Mannschaft fühlte sich damit wohl und bewies dies nicht nur mit guten Leistungen, sondern vor allem mit einer hohen Gefährlichkeit und Effizienz vor dem gegnerischen Tor.


In dieser Saison - auch bedingt durch die Neuzugänge - tritt der FCK vermehrt mit einer anderen Grundordnung auf. Für Mike Wunderlich, der neben seiner Erfahrung auch über spielerische Qualität verfügt, wurde die Position des 10er geschaffen und das System auf ihn zugeschnitten. Während die Lauterer zuvor vermehrt über die Außen spielten, geht der Weg jetzt oft durch die Mitte. Mit einem Punkt und einem Torverhältnis von 0:5 aus drei Spielen wäre es möglicherweise sinnvoller das bereits funktionierende System der Vorsaison zu praktizieren. Darin würden im Besonderen die Stärken von Jean Zimmer und Phillip Hercher besser zur Geltung kommen. All zuviel Zeit zum Einstudieren und Experimentieren wird Marco Antwerpen nicht mehr haben.

Gute Besserung, Felix!

Die Hiobsbotschaft im Auswärtsduell mit Berlin war nicht einmal das Ergebnis. Nach einem Zusammenprall von Felix Götze und Marvin Senger wurde das 0:4 gar zur Nebensache. Götze blieb, nachdem er am Kopf getroffen wurde, benommen und teilweise sogar bewusstlos liegen und wurde umgehend ausgewechselt und ins Krankenhaus gefahren. Die Diagnose: Haarriss im Schädel. Ein rabenschwarzer Tag für den FCK, der voraussichtlich mehrere Wochen auf einen seiner Schlüsselspieler verzichten muss.

Vorbei mit der Komfortzone

Mit der zweiten Niederlage in Folge stehen die Roten Teufel bereits am 3. Spieltag gehörig unter Druck. Im kommenden Heimspiel gegen 1860 München ist der FCK fast schon zum Siegen verdammt, ansonsten droht die Stimmung rund um den Betzenberg endgültig zu kippen. Das weiß natürlich auch Trainer Marco Antwerpen, der nach dem Spiel bereits erste Änderungen und Maßnahmen ankündigte. Womöglich wird die kommende Trainingswoche für die Mannschaft zum wiederholten Male nicht gerade angenehm.


Gut möglich ist auch, dass die Roten Teufel nochmal auf dem Transfermarkt aktiv werden. Denn die bisher absolvierten Spiele zeigten eines sehr deutlich: In der Offensive drückt der Schuh, es fehlt ein gefährlicher Stoßstürmer, der die Bälle halten und Räume für seine Mitspieler schaffen kann. Und in der Defensive fehlt eine echter Abwehrchef, der in der Abwehr den Ton angibt.


Auf alle Fälle müssen die Verantwortlichen an den richtigen Stellschrauben drehen, um die Abwärtsspirale der vergangenen Wochen zu stoppen. Dabei empfängt der FCK im nächsten Heimspiel ausgerechnet Topfavorit 1860 München. Es wäre nicht untypisch für die Eigenheit der dritten Liga, sollte die Lauterer ausgerechnet hier die ersten drei Punkte einfahren.


Quelle: Treffpunkt Betze