Simpel, aber effektiv: Das Erfolgsrezept der Roten Teufel

Foto: Imago Images / Langer

Der 1. FC Kaiserslautern hat eine fantastische Hinrunde gespielt und sich mit dem letzten Spiel des Jahres sogar auf den 4. Tabellenplatz vorgeschoben. Eine Leistung, die so wohl niemand prognostiziert hätte. Doch ist diese Platzierung auch verdient? Kann Schusters famose Zeit in Darmstadt als Blaupause für den FCK dienen? Und was zeichnet den Spielstil der Roten Teufel aus, der zu diesem aktuellen Zwischenerfolg führte? Eine datenbasierte Analyse.

Rote Teufel mit klarer Achse in bekannter Anordnung


Will man die Spielweise und das Auftreten einer Fußballmannschaft analysieren, fällt der erste Blick meist auf die Grundformation. In aller Regel lässt Dirk Schuster seine Männer im 4-2-3-1-System auflaufen, welches sich in den 2000er-Jahren zunehmend etabliert hat. In dieser Formation (oder in leichter Abwandlung im 4-4-2 mit hängender Spitze) feierte Schuster vor einigen Jahren den größten Erfolg seiner Trainerlaufbahn, als er mit Darmstadt von der dritten in die erste Liga durchmarschierte und dort auch noch sensationell die Klasse hielt. Ein großer Vorteil dieser Formation: Jeder Spieler hat sie schon mehrmals gespielt, die meisten sind wahrscheinlich sogar damit aufgewachsen und kennen daher viele Abläufe aus dem Effeff. Komplizierte Positionswechsel oder ungewohnte Halbraumbesetzungen finden in dieser Grundordnung nur selten statt.


Logischerweise ist jedoch auch die passende Besetzung der elf vakanten Positionen entscheidend. Aus einem großen Kader einzelne Spieler hervorzuheben ist nicht einfach und auch nicht immer gerecht. Jeder Akteur hat einen Anteil am aktuellen Erfolg - selbst diejenigen, die kaum oder gar nicht zum Einsatz kamen. Ein objektiver Indikator, der für die Bewertung der Rolle eines Spielers im Team herangezogen werden kann, ist die Spielzeit, die ihm vom Trainerteam vergönnt wird. Hier fallen neben Boris Tomiak, der als einziger Spieler jede Minute absolvierte, Marlon Ritter, Andreas Luthe, Erik Durm und Terrence Boyd auf. Sie bilden das Grundgerüst für ein funktionierendes Kollektiv, das in der Hinserie sehr viel richtig gemacht hat.

Lautrer Passivität bis zur gefährlichen Zone


Viel wichtiger als die Formation auf dem Papier ist allerdings das tatsächliche Auftreten des Teams. Ein 4-2-3-1 kann sowohl defensiv als auch offensiv interpretiert und umgesetzt werden. In diesem Fall passiert tendenziell ersteres, denn kein Team der Liga spielt ein weniger intensives Pressing als der FCK, wofür zwei Kennzahlen ausschlaggebend sind: Vor allem der PPDA-Wert besitzt eine große Aussagekraft. Er gibt an, wie viele Pässe das gegnerische Team spielen „darf“, bevor eine Defensivaktion erfolgt (Passes Per Defensive Action). Der Wert der Roten Teufel liegt hier bei 15,2 und damit am höchsten im Vergleich mit der gesamten Liga-Konkurrenz. Die zweite für die Bewertung von Pressingintensität relevante Kennzahl ist die „Challenge Intensity“, welche die „Defensivaktionen pro Minute gegnerischen Ballbesitzes“ misst. Der FCK kommt hier auf 4,7 – und damit wiederum auf den niedrigsten Wert der Liga. Passend dazu wird der Ball pro Spiel nur 3,4 Mal im letzten Drittel erobert – Platz 15. Gegen den Ball könnte die Roten Teufel also kaum passiver auftreten. Allerdings lässt sich daraus nicht ableiten, dass gegnerische Teams überdurchschnittlich häufig gefährlich vor das Tor der Lautrer kämen. Tatsächlich beißt der FCK oft genau im richtigen Moment zu: Im Vergleich mit allen Mannschaften der letzten vier Zweitliga-Saisons gehören die Pfälzer zu den besten fünf Prozent in Hinsicht auf gegnerische „Penalty Area Entries“ - also wie häufig sich die gegnerischen Akteure bis in den Strafraum kombinieren oder in ihn hineindribbeln können. Die Lautrer verdichten den Raum vor dem eigenen Sechzehner also derart gut, dass es dort kaum ein Durchkommen gibt.


Mit 23 Gegentreffern stellt der 1. FC Kaiserslautern grundsätzlich eine für einen Aufsteiger gute Verteidigung. Der Erwartungswert für Gegentore liegt bei 23,4 (xG-against) und damit sehr nah am realen Wert, sodass sich nicht behaupten lässt, der FCK hätte viel Glück bei gegnerischen Torabschlüssen gehabt. Ebenso hatten die Lautrer in der Hinrunde keinen Torwart, der stark überdurchschnittlich performte. Andreas Luthe strahlt zwar viel Ruhe aus und bringt unter dem Strich gute Leistungen, den Wert der erwarteten Gegentore nach Schüssen, die auch wirklich auf sein Tor kamen (xGOT bzw. xGC), konnte er allerdings nur leicht unterbieten. Außerdem muss er bei Torversuchen des Gegners oft gar nicht eingreifen, da in der 2. Liga nur drei Teams mehr Schüsse pro 90 Minuten abblocken als die Hintermannschaft der Roten Teufel (3,3).


Außerdem spannend: Mit nur neun Fouls pro Spiel stellt der 1. FC Kaiserslautern das fairste Team der Liga. Das ist angesichts des großen Einsatzes und des mitunter provokanten Gebarens von Spielern wie Marlon Ritter oder Jean Zimmer durchaus überraschend.

Höchste Zielstrebigkeit bei ausbaufähiger Präzision im Passspiel


Neben allen Defensivqualitäten braucht es zum Erfolg gleichermaßen ein schlüssiges Offensivkonzept und vor allem eine gelungene Umsetzung dessen. Dass die Pfälzer unter Schuster (wie auch schon unter Antwerpen) auf wenig Ballbesitz setzen, ist hinlänglich bekannt. In dieser Spielzeit sind es bisher 39,5%, was nur von Mitaufsteiger Eintracht Braunschweig unterboten wird. Doch mittlerweile sollte ebenso bekannt sein, dass Ballbesitz isoliert betrachtet kein Qualitätsmerkmal oder ein Indikator für gefährliches Offensivspiel ist. Vielmehr kommt es darauf an, wie zielstrebig eine Mannschaft mit dem Ballbesitz umgeht und auf welche Art und Weise sie Chancen generieren kann.


Bei einem ersten Blick auf die Daten ließe sich vermuten, der FCK hätte hierbei große Probleme. Die Passquoten bei Bällen ins letzte Drittel (59,3%) und bei progressiven Pässen (69,2%) sind erschreckend schwach. Die generell zweitschlechteste Passquote von nur 77,2% kann aber zumindest in Teilen dadurch erklärt werden, dass der Anteil an langen Pässen mit 16,4% außerordentlich hoch ist. Die Lautrer spielen also gerne direkt weit nach vorne (in erster Linie auf Zielspieler Boyd), anstatt den Ball lange durch die eigene Vierkette zirkulieren zu lassen. Außerdem liegt der PPDA-against-Wert (wie viele Pässe „darf“ der FCK spielen, bis eine Defensivaktion des Gegners erfolgt?) mit 8,2 am viertniedrigsten in der Liga. Die Lautrer Aufbauspieler werden also außergewöhnlich früh attackiert. Hierbei könnte eine Wechselwirkung vorliegen: Zum einen greift der Gegner gerne früh an, da die großen Qualitäten nicht im Kurzpass-Aufbauspiel von hinten heraus liegen. Zum anderen wird die Passquote eben genau dadurch schlechter, dass man häufig früh angelaufen und dadurch zu Fehlpässen oder langen Bällen gezwungen wird.


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Mit effektivem Torabschluss zum Erfolg


Neben dem Aufbauspiel im eigenen Ballbesitz kann auch das Konterspiel direkt nach Ballgewinn ein geeignetes Mittel sein, um in gefährliche Zonen einzudringen. Angesichts mehrerer Kontertore, die die Roten Teufel in dieser Saison bereits erzielt haben, scheint es verwunderlich, dass sie mit einem Wert von 2,2 Konterangriffen pro Spiel deutlich unter dem Schnitt der 2. Bundesliga von 3,0 liegen. Der entscheidende Unterschied zeigt sich bei der Betrachtung der Abschlussquoten der Konter: Während es der restlichen Liga nur in etwa 36% der Versuche gelingt, einen Konter mit einem Schuss abzuschließen, kommen die Pfälzer hier auf bockstarke 43,2%. Unter anderem wird dadurch ein Wert von 1,6 Großchancen pro Spiel erreicht (Platz 5). Insgesamt konnten bereits 29 Tore bei einem xG-Wert von 26,9 erzielt werden. Dies entspricht zwar einer leichten Überperformance, allerdings wären selbst 27 erzielte Tore für einen Aufsteiger immer noch hervorragend. Generell ist die Abschlussqualität sehr hoch: 41,5% aller Schüsse kommen auch wirklich auf das Tor. Liga-Bestwert.


Dem Team von Dirk Schuster gelingt es also immer wieder, trotz des geringen Ballbesitzes eine Vielzahl von guten Tormöglichkeiten herauszuspielen, da der Blick sehr zielstrebig in Richtung des gegnerischen Tores geht. Dass dies mit einer solchen Konstanz gelingt, war vor der Saison allerdings nicht zu erwarten.

FCK = Pragmatisch zum Maximum


Unter dem Strich sind die Mittel, zu denen Dirk Schuster aktuell greift, zwar verhältnismäßig simpel, aber äußerst effektiv. Den „Schuster‘schen“ Fußball nur auf Mauertaktik, Konter und lange Bälle zu reduzieren, würde allerdings der Detailverliebtheit, mit der der Lautrer Cheftrainer seine Mannschaft Woche für Woche auf den kommenden Gegner einstellt, überhaupt nicht gerecht werden. Des Weiteren ist es bei weitem keine Banalität, Konter mit einer solchen Zielstrebigkeit auszuspielen. Dass dies kaum einem anderen Team der Liga so gut gelingt, haben die Daten eindeutig aufgezeigt. Entsprechend darf auch von einem Verdienst des Trainerteams gesprochen werden. Und wenn es nötig ist, weicht Schuster auch von seiner Lieblingsformation ab und stellt wie beim HSV eine Fünferkette auf, um es individuell starken Gegenspielern besonders schwer zu machen, sich zu entfalten.


Schuster ist kein Dogmatiker, der aus Prinzip unanschaulichen Defensivfußball spielen lassen will. Schuster kann auch für Spektakel stehen, wie das 3:3 gegen Darmstadt oder das 4:4 gegen Magdeburg gezeigt haben. Seinen eigenen Anspruch an die fußballerische Qualität untermauert der 54-Jährige unter anderem dadurch, dass er schon mehrfach in dieser Saison die schwache Passqualität seines Teams monierte. Wenn Schuster ein Dogma hat, dann lautet es, möglichst viele Punkte zu holen. Manchmal braucht es dafür die feine Klinge, manchmal ein ‚highlightarmes‘ Spiel wie in Sandhausen. Würde es seinen Spielern gelingen, sich in den aufgezeigten Bereich merklich zu verbessern, so würde man bei gleicher Spielanlage noch mehr Torchancen generieren oder sich sogar zu einer im eigenen Ballbesitz reiferen Spielweise weiterentwickeln können.


Nichtsdestotrotz sollte davon ausgegangen werden, dass die Roten Teufel aktuell am Limit spielen, da die meisten Spieler in ihrer Karriere noch nicht gezeigt haben, dass es für mehr als ein ordentliches Zweitliga-Team reicht. Ohne einen weiteren großen Sprung dürfte es kaum gelingen, sich weiterhin in der Spitzengruppe festzusetzen. Der 1. FC Kaiserslautern steht zwar absolut verdient auf Rang vier. Ob er diese Platzierung halten (oder vielleicht sogar verbessern) kann, ist jedoch fraglich. Das muss er auch gar nicht. Aber mit Dirk Schuster hat der FCK derzeit einen Trainer, der wie die Faust aufs Auge passt und in der Lage ist, das Maximale aus seiner Truppe herauszuholen.


Quelle: Treffpunkt Betze

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