Sechzig und der FCK: Auf die Freundschaft

Wenn die Roten Teufel nächsten Samstag nach Giesing ins altehrwürdige Stadion an der Grünwalder Straße reisen und auf den TSV 1860 München treffen, dann ist das mehr als ein normales Drittligaspiel. Es ist ein Aufeinandertreffen zweier Fanlager, die eine lange Fanfreundschaft verbindet. Im Rahmen dessen beginnt heute auf Treffpunkt Betze unsere „Woche der Freundschaft“, in der wir bis zum Spieltag täglich über Fans, Geschichten und Besonderheiten beider Vereine berichten werden.


Im Fußball gibt es natürlich unzählige Rivalitäten, es gibt Derbys, und es gibt ganz besondere Spiele. Und zwischen manchen Vereinen haben sich auch Freundschaften entwickelt. Die meisten dieser Fanfreundschaften entstanden in den 70er und 80er Jahren, als viele Fans noch Kutten trugen. Dabei lagen sich Fans unterschiedlicher Vereine in den Armen, sangen gemeinsam für ihre Clubs und tauschten ihre Aufnäher. Die meisten dieser Freundschaften zogen sich sogar bis in die 90er Jahre hinein. Einige wenige haben auch die 2000er Jahre überlebt, werden heute aber gewiss nicht mehr so stark zelebriert wie früher. Auch die Münchner Löwen und die Roten Teufel verbindet eine jahrzehntelange Freundschaft. Dabei hat sie manch einer noch aktiv miterlebt, für andere wiederum hatte sie nie eine Bedeutung.

Sie haben nicht vergessen, sich die Rübe einzuhauen - die Entwicklung einer liebevollen Freundschaft

Während sich einige andere Fanfreundschaften aus der eher amüsanten Situation heraus entwickelt haben, dass sich Anhänger zweier unterschiedlicher Lager mal nicht gegenseitig verdroschen haben, begann die Freundschaft zwischen Löwen und Teufeln etwas anders. Es geschah im Jahr 1984. Beim Aufstiegsspiel zwischen dem FC Homburg und dem TSV 1860 München werden Anhänger der Löwen von Homburgern Hooligans angegriffen, Lautrer Fans solidarisierten sich mit den 60ern und kommen ihnen zur Hilfe. Seither fielen sich Anhänger und Fans beider Vereine bei zahlreichen Gelegenheiten in die Arme und schworen sich mit Freudentränen ewige Treue. Freundschaftsfahnen wurden geschwenkt, Freundschaftsschals in die Höhe gehalten, echte Liebe eben. Was also mit Solidarität begann, entwickelte sich und endete mit einer intensiven Freundschaft zwischen zwei Traditionsclubs. Natürlich sollte an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, dass auch die Rivalität zum großen FC Bayern München beide Vereine miteinander einte. Gerade in den 80er und 90er Jahren galt ein bestimmter Verhaltenskodex: Neben den üblichen Begegnungen vor einem direkten Duell, oder gemeinsamen Fahrten zu den jeweiligen Spielen, ging es vor allem darum, die beliebten Schmähgesänge in Richtung der gegnerischen Kurve zu unterlassen. Stattdessen sollte in gemeinsamen Fangesängen Treue und Freundschaft herauf beschworen werden. Oder einfach mal ein gemeinsames: "Scheiß FC Bayern, wir singen scheiß FC Bayern, ...".


Viele dieser Verbindungen zwischen ganzen Fanclubs oder vereinzelten Fans erfreuten sich damals einer hohen Akzeptanz und Wertschätzung. Doch auch Liebe und Freundschaft zueinander können auseinanderdriften. Die Gründe hierfür dürften sehr vielfältig sein, oder aber auch kaum erklärbar. Und sicherlich trägt auch die Entwicklung der Ultra-Kultur zu dieser Veränderung bei: Denn schließlich dürften freundschaftliche Beziehungen, die zu Rücksichtnahme verpflichten, für Beleidigungen anderer Vereine, für das eigene Abgrenzen, für die Konkurrenz zwischen den Kurven eher hinderlich sein. Auch wenn viele andere Fanfreundschaften nicht überlebt haben, die Sechziger und die Roten Teufel haben es bis heute geschafft, diese Freundschaft - wenn auch nur im geringeren Maße - aufrecht zu erhalten. Dafür sorgten unter anderem auch die Münchner bei einem Testspiel im Jahr 2008, als sie folgendes Spruchband entrollten: "Der Teufel mit uns und wir gegen alle". Chapeau!

Zum 61. Mal: Ein traditionsreiches Duell steht bevor

60 Partien, davon 28 Siege für den 1. FCK, 17 Remis, und 15 Siege für 1860 München. Das sind die nackten Fakten eines traditionsreichen Duells, welches sich in der Regel in der Bundesliga abspielte. Lang ist's her. Im Juli 2018, beim Auftakt der neuen Saison in Liga drei, traten beide Vereine auf dem höchsten Fußballberg Deutschlands aufeinander. Doch ist diese Paarung mehr als nur ein traditionsreiches Duell: Sie ist der Inbegriff einer jahrzehntelangen Fanfreundschaft, gehegt, gepflegt, jedoch in den letzten Jahren auch vermehrt etwas eingeschlafen.


"Meine erste bewusste Erinnerung an diese Begegnung und vor allem an ihre Besonderheit, datiert aus der Saison 2003/2004, 1. Spieltag, Saisonauftakt auf dem Betzenberg", erinnert sich FCK-Fan und Treffpunkt Betze Redaktionsmitglied Gerrit an seine damaligen Erlebnisse. "Der FCK musste mit einer Hypothek von -3 Punkten in die Saison starten. 1860 München, trainiert von Falko Götz gastierte in Kaiserslautern und ich, damals 10 Jahre alt, bekam die Fanfreundschaft vor dem Spiel erklärt. Das wäre aber gar nicht nötig gewesen, wurde einem während des Spiels schnell klar, dass an diesem Tag alles etwas anders war. Keine Schmähgesänge gegen den Gegner, Applaus beim Einlauf der Löwen und viele Freundschaftsschals auf den Tribünen. Der FCK verlor das Spiel am Ende vor 35.000 Zuschauern mit 0:1, doch die Stimmung blieb gut und vor allem freundschaftlich", erinnert sich Gerrit an längst vergangenen Tage.


"In den darauf folgenden Jahren gab es noch eine Reihe solcher Begegnungen, die oft damit endeten, dass wir gemeinsam mit Anhängern der Löwen in der Lautrer Altstadt versackten, plauderten, uns über unsere Vereine aufregten und in alten Erinnerungen schwelgten", beschreibt Gerrit seine viele Erlebnisse und Erfahrungen aus den letzten 15 Jahren.


Beide Vereine verbindet eine lange Tradition und Geschichte. In all den Jahren sind Bekanntschaften und Freundschaften entstanden. Es wurde Feste gefeiert und Lieder gesungen. Zeitgleich sind die Löwen und der FCK leidgeprüft, wirklich ernsthaft leidgeprüft. Frust kennen Anhänger beider Vereine deshalb ganz gewiss. Zuletzt erwischte es im Mai 2017 die Münchner Löwen, erst mit dem sportlichen Abstieg in Liga 3 und nur wenige Tage später mit dem finanziellen Kollaps und dem Zwangsabstieg in die Regionalliga. Und nur ein Jahr später traf es bekanntlich auch die Roten Teufel. Nun kommt es also in der 3. Liga mit dem Rückrundenauftakt in München zum Wiedersehen beider Vereine. An die gute alte Zeit erinnert dabei aber nur noch das Stadion an der Grünwalder Straße. Auf dem Platz wird es zur Sache gehen, keine Frage. Zu nötig haben beide Vereine die Punkte - doch auf den Rängen dürfte die Atmosphäre gewiss freundschaftlich werden.


Quelle: Treffpunkt Betze