Kommentar: Ein versöhnlicher Saisonabschluss

Es läuft gerade die 23. Spielminute. Der FCK führt bereits mit 2:1, die Zuschauer sehen ein flottes Spiel auf dem Betzenberg. Da spielt Janek Sternberg den Ball auf Christoph Hemlein, der kommt kurz ins Straucheln, doch verwandelt dann kaltschnäuzig in die untere linke Ecke. Doch für Hemlein ist es kein gewöhnliches Tor. Er dreht sofort ab, rennt Richtung Auswechselbank. Nicht zu einem Betreuer, nicht zu Trainer Sascha Hildmann. Sein Weg führt zum Kapitän der Roten Teufel, zu Florian Dick. Sie umarmen sich, jubeln, Hemlein streckt Dicks Trikot mit der Nummer 23 in die Luft. Dass ausgerechnet Hemlein, der mit Dick viele gemeinsame Spiele gemacht hat und mit dem er eng befreundet ist, dieses Tor schießt und dann auch noch ausgerechnet in der 23. Minute, es war nicht der erste und nicht der letzte Moment an diesem Tag, der für Gänsehaut sorgte.


Dabei ging es im Duell gegen den SV Meppen eigentlich um nichts mehr. Auch folgte auf die 90 Minuten keine ausgelassene Aufstiegsfeier wie 1997, als die Niedersachsen das letzte und bis dato einzige Mal auf den Betzenberg kamen. Doch einmal mehr zeigten die Fans, dass auch eine gebrauchte Saison und selbst die beispiellosen Schlammschlachten der vergangenen Wochen und Monate ihrer Unterstützung keinen Abbruch tun. Im Gegenteil: Sie waren es, die noch vor Anpfiff für eines der Saisonhighlights sorgen sollten. Vier eindrucksvoll aufwändig gestaltete überlebensgroße FCK-Fan Figuren, umgeben von einem rot-weißen Fahnenmeer und dazu zwei Banner mit der Aufschrift: „Egal in welcher Liga, egal mit welchen Sorgen. Gemeinsam für ein besseres Morgen!“, die ein großes „WIR SIND DER FCK!“ umrahmten. Es war eine Choreografie über nahezu die komplette Westkurve, die auch bei Sascha Hildmann auch noch lange nach Schlusspfiff Gänsehaut auslöste. Aber auch die Meppener, sie feierten und sorgten für sehr gute Stimmung im Gästeblock. Über 2.000 Fans nahmen die über 470 Kilometer auf sich, feierten schon freitags in der Kaiserslauterer Altstadt und freuten sich einfach, auch nächstes Jahr wieder drittklassig zu spielen.


Die Aussage der Choreo in der Westkurve, sie ist so passgenau auf die aktuelle Situation beim FCK gemünzt wie vielleicht noch nie zuvor. Die letzten Tage und Wochen, sie waren nicht spurlos an der Fangemeinde vorbei gegangen. Nicht nur der Beirat spaltete sich an der Frage, ob lieber der luxemburgische Investor Flavio Becca oder die regionalen Investoren in den FCK investieren sollten, auch die Anhänger waren darüber überaus geteilter Meinung. Und so zeigten die Fans der Westkurve an diesem Samstag, dass alle Querelen, jeder Personalwechsel und jegliche Machtspiele nicht zerstören können, was den 1. FC Kaiserslautern und seine stolze Geschichte ausmachen. Nämlich die bedingungslose Unterstützung seiner unerschütterlichen Fans. Gleichzeitig sollte es als Lehrsatz für alle im Verein dienen, die Verantwortung tragen. Sie müssen jetzt an einem Strang ziehen und aus der Vergangenheit lernen. Denn eine weitere Spaltung, sie könnte der FCK wohlmöglich nicht aushalten.


Offenbar wurden auch die Spieler von der eindrucksvollen Performance motiviert. Die Hildmann-Elf spielte befreit und erfrischend wie seit Wochen nicht mehr, erspielte sich Chancen und erfreute seine Anhänger mit Offensivfußball. So hätte man sich das öfter gewünscht! Sicherlich machte es Meppen den Roten Teufeln insbesondere in der ersten Halbzeit auch einfach. Auch Meppens Trainer Christian Neidhardt sprach von einem „Tag der offenen Tür“ seiner Mannschaft, doch durch die muss eine Mannschaft ja auch erst mal gehen. Und so freuten sich die Lautrer Fans am Samstag zu Recht, versöhnten sich ein Stück weit mit ihrer Mannschaft, die sie unter dem Strich in dieser Saison sehr oft enttäuscht hatte. Manch ein neutraler Zuschauer mag die Szenen nach Abpfiff nicht verstanden haben, dass da eine Elf gefeiert wird, die ihr Saisonziel so klar verfehlt hat. Doch wer den FCK kennt oder Teil seiner Familie ist, der versteht es. Es braucht eben nicht viel, damit die Mannschaft die Westkurve hinter sich versammelt. Einsatz, Mut und Leidenschaft. Manch ein Fan wies in Bezug auf diese Betze Tugenden in den letzten Wochen schon starke Entzugserscheinungen auf. Und so war der Saisonabschluss ein Stück weit Balsam auf die geschundene Seele, auch weil man sich endlich einmal wieder auf Fußball konzentrieren und vor allem an Fußball auf dem Betze freuen konnte.


Einer der Einsatz, Mut und Leidenschaft verkörpert wie kein Zweiter ist Florian Dick. Vor der Saison war er aus Bielefeld auf den Betze zurückgekehrt, doch seine viel geschundenen Sprunggelenke verhinderten, dass er nochmal zum Stammspieler werden konnte. Doch wie wichtig er für diese Mannschaft und für diesen Verein ist, das zeigten nicht nur die Reaktionen auf Hemleins Tor in jener 23. Minute. In der 80. Spielminute signalisierte Hildmann seinem Kapitän, dass es jetzt so weit sei, dass er nochmal auf „seinem“ Betze ran dürfe. Als er dann für seinen Kumpel Hemlein den Platz betritt, kennt der Jubel im Fritz-Walter-Stadion keine Grenzen mehr. Die Mannschaftskollegen applaudieren, laute „Dick, Dick, Dick“ Rufe schallen auf den Rasen. Und als ob das nicht schon genug wäre, bekommt Dick gleich einen seiner schon fast berühmt gewordenen Einwürfe, mit denen er einst in der Bundesliga beim Gegner durchaus des Öfteren für Angst und Schrecken sorgte. Flo Dick schritt lächelnd, angefeuert von der Westkurve zur Tat und um ein Haar wäre daraus auch noch ein Tor entstanden. Es wäre wohl zu viel des Guten gewesen.


Doch auch so war es am Ende ein gelungener Tag, ein versöhnlicher Abschluss einer zweifellos unglaublich enttäuschend verlaufenden und emotionalen Saison. Und zudem sicherlich ein Motivationsschub, denn ganz vorbei ist die Saison noch nicht. Am Samstag steht für den FCK noch das überaus wichtige Verbandspokalfinale in Pirmasens gegen Worms an, bei dem ein Sieg eigentlich Pflicht ist. Denn es geht um nicht weniger als die Teilnahme am DFB-Pokal. Die Fans werden auf jeden Fall wieder dabei sein. Denn sie gehen mit, „egal mit welchen Sorgen, gemeinsam für ein besseres Morgen.“


Quelle: Treffpunkt Betze