Kommentar: Wo aus der Not geborene Pässe zu Gold werden

Ich bin ja von Herzen Zweckpessimist und leider gleichzeitig allzu schnell zu begeistern. Vor ungefähr sechs Monaten war ich der festen Überzeugung, der FCK steigt ab, geht insolvent und Michael Frontzeck kommt zurück. Den perfekten Plan – Wiederaufbau in Pirmasens – hatte ich mir in meinem Kopf schon zurechtgelegt. Doch dann kam das letzte Saisonspiel gegen Meppen, Flavio Becca und jetzt der Sieg gegen Großaspach. Leute, Champions League wir kommen! Das weiße Ballett Südwestdeutschlands.

Schnitt: Zurück zur Realität

Das Spiel gestern schaute ich in einer Kneipe in einer Stadt in Norddeutschland. Auf der großen Leinwand lief das Spiel Dresden – Nürnberg, was ohne Zweifel mehr Glanz versprühte als Kaiserslautern – die Provinzstadt schlechthin – gegen Großaspach, die Perle Südwestmitteloberschwabens. So saß ich mit meinem Tablet am Tresen und spürte neugierige Blicke hinter mir. Nach zweimaligem Jubeln binnen zehn Minuten gesellten sich ein paar gelangweilte Franken zu mir und hätte ich einen Euro bekommen für jedes Mal, als mir jemand mit rollendem „R“ versicherte, dass der FCK in die erste Liga gehören würde, hätte ich die Bar mit mehr und nicht mit weniger Geld verlassen.


Aber schauen wir auf das Spiel. Ich werde von Treffpunkt Betze schließlich nicht für Bargeschichten bezahlt. Genau genommen werd ich gar nicht bezahlt. Der Beginn war nicht minder gesagt fulminant und furios. Zwei Konter binnen zehn Minuten. 2:0 Führung für den FCK. Alles nach Plan. Der Pass von Christian Kühlwetter auf Florian Pick zum 1:0 war von solcher Präzision und der Schuss von letzterem bewies ... nun ja ... Mut zur Lücke? Es ist nicht abwegig beim 1:0 von einem Zufallsprodukt zu sprechen. Zudem war der FCK phasenweise nicht daran interessiert irgendwie in Ballbesitz zu gelangen. Und inzwischen frage ich mich, ob diese Mannschaft jemals, wirklich jemals defensive Standard-Situationen trainiert hat. Glücklicherweise flog kurz vor Ende der ersten Halbzeit Dominik Martinovic vom Platz. Daraufhin stellte der Aspachs Trainer Oliver Zapel in der zweiten Halbzeit auf eine Dreierkette um, auf die die Offensivabteilung der Roten Teufel keine Antwort hatte. So tat sich der FCK gegen zehn verbleibende Aspacher schwerer als vorher. Und wer weiß, wie das Spiel ausgegangen wäre, hätten die Schwaben nicht noch einen Platzverweis hinnehmen müssen. Das 3:1 kurz vor dem Schlusspfiff unterstreicht die Konterqualitäten des FCK und zeigt wie hungrig und torgefährlich Florian Pick diese Saison auftreten wird.

Es folgt: Eine echte Bewährungsprobe

Im nächsten Spiel trifft der FCK auf einen potentiellen Aufstiegskandidaten. Und der wird zielstrebiger und konsequenter spielen als Großaspach. Ob der FCK damit nicht sogar besser umgehen kann, als mit den teilweise sehr ungefährlich agierenden Unterhachingern und Großaspachern, bleibt abzuwarten. Gute Konter zeigten die Jungs von Sascha Hildmann schon letzte Saison und auch in dieser Spielzeit setzt der FCK auf schnelles Umschaltspiel und viele Steilpässe. Und ich hätte trotz meines Zweckpessimissmus nichts gegen ein schönes 4:0 gegen die Schanzer.


Die Bar habe ich dann doch mit mehr Geld verlassen, als ich sie betreten habe. Ab der 60. Minute stand ich nämlich hinterm Tresen. Mit einem Auge auf das Tablet fixiert und den Franken und Sachsen durchweg antwortend: „Ja, Becca macht das schon. Ja, Champions League ist circa nächste Saison drin. Ja, es gibt immer noch Weinschorle auf dem Betze.“


Und solange es auf dem Berg noch Weinschorle in authentischen Plastikbechern gibt, ist doch wirklich alles in Ordnung.


Quelle: Treffpunkt Betze