Kommentar: Die gleichen Fehler wie letzte Saison auch?

„Ich hab 'nen Hals von hier bis nach Unna!". Der Spruch ist nicht von mir, sondern von Kabarettist Herbert Knebel. Es beschreibt mein Gefühl nach der mehr als unnötigen 2:3 Niederlage in Münster allerdings recht treffend. Auf wen genau ich denn jetzt sauer sein soll, weiß ich nach längerem Nachdenken aber auch nicht. Auf unseren Torhüter, der nach 355 überragenden Saison-Minuten seinen ersten richtigen Bock schießt, leider gleichbedeutend mit dem entscheidenden 2:3 Gegentreffer? Oder auf das zweite richtig packende Spiel in Folge, aus dem wieder kein Sieg hervorging? Oder auf die Tatsache, dass wir - genau wie in der vergangenen Spielzeit auch - mit nur einem Sieg aus den ersten vier Spielen gestartet sind?


Erste Befürchtungen machen sich breit, die aktuelle Spielzeit könnte genauso ein Desaster wie die vorige werden. Doch je länger ich den FCK analysiere, desto mehr positive Veränderungen fallen mir auf.

Ein Wort mit 3 „s“? Kurzpassspiel!

Den Begriff musste man als Lautrer in den letzten Spielzeiten nicht unbedingt kennen. Doch im Vergleich zur Vorsaison schiebt der FCK im Jahr 2019 den Ball nicht mehr „stundenlang“ und uninspiriert durch die eigenen Reihen. Auch das Agieren mit langen Bällen auf die von gegnerischen Verteidigern umringten Sturmspitzen blieb bisher weitestgehend aus. Der FCK spielt vielmehr ein durchaus gepflegtes Kurzpassspiel und setzt zu blitzschnellen Kontern an.


Meist von den Innenverteidigern ausgehend ging es gerade in Münster schnell nach vorne, häufig über links, wo Florian Pick schon in der eigenen Hälfte darauf wartete, den läuferischen 'Turbo' zünden zu dürfen. In der Mitte ist Neuzugang Manfred Starke permanent anspielbar und verteilt die Bälle oft per Direktpass, er ist aber auch mal in der Lage den Ball durch das Mittelfeld zu führen. Timmy Thiele ist neuerdings ständig in Kombinationen eingebunden, anstatt wie letzte Saison, meist gemeinsam mit Sturmpartner Kühlwetter in der Luft zu hängen. Die beiden „Achter“, denen „Sechser“ Janik Bachmann den Rücken freihält, verschaffen dem FCK im Mittelfeld neuerdings oft ein Übergewicht, welches man von Mads Albaek und Jan Löhmannsröben maximal aus der Saisonvorbereitung kannte.


Kühlwetters Stärken liegen ohnehin eher im Läuferischen und Kämpferischen als in der Ballannahme mit dem Rücken zum gegnerischen Tor, womit er auf der neuen Mittelfeldposition deutlich besser gefällt als im Sturm. Durch Kühlwetters Ausfall am Samstag meldet allerdings auch sein Vertreter Gino Fechner Anspruch auf mehr Spielzeit in der Zentrale an. Bachmann ist ebenfalls ein Kombinationsspieler und fühlt sich in seiner Rolle als Bindeglied zwischen Abwehr und Mittelfeld scheinbar immer wohler. An Kombinationen im zentralen Mittelfeld mit zielstrebigem Weg nach vorne war in den beiden letzten Spielen mehr zu sehen als in der kompletten vergangenen Saison.


Allerdings ist das Spiel der Roten Teufel noch zu linkslastig. Florian Pick wird wahrscheinlich nicht in jedem Spiel die Gelegenheit haben wie einst Arjen Robben von außen in die Mitte zu ziehen und dort den Abschluss zu suchen. Schon Ingolstadt wusste das zu verhindern. Dafür muss von der rechten Seite nun deutlich mehr kommen. Hier beginnt zumeist Hemlein, von dem allerdings kaum Dribblings oder Flankenläufe zu erwarten sind. Ersetzt wird er bislang durch den unfassbar schnellen Antonio Jonjic, dessen Aktionen mitunter so unorthodox sind, dass niemand - inklusive ihm selber - weiß, was als nächstes passieren wird. Schon im nächsten Spiel könnte Neuzugang Simon Skarlatidis hier eine belebende Alternative sein.

Es ist wieder Feuer drin!

Schon ungewöhnlich, dass ein Neuzugang, noch dazu ein Abwehrspieler, auf dem Betzenberg bereits beim zweiten Heimspiel mit Sprechchören gefeiert wird. Wahrscheinlich ist es die Sehnsucht nach echtem Betze-Spirit, den im aktuellen Team wohl niemand so stark verkörpert wie José Matuwila. Grätschen - wahlweise mit Anlauf oder aus dem Stand, Trashtalk mit dem Gegenspieler und absolute Kompromisslosigkeit im Zweikampf, oft gefolgt von einer „Matuwila-Faust“, mit der er sich schon bei einem rausgeholten Einwurf selbst pusht. Genauso jemanden hat man auf dem Betze jahrelang vermisst. Deutlich ruhiger, aber nicht weniger zweikampfstark präsentieren sich auch die Neuzugänge Janik Bachmann und Manfred Starke. Den Grund, ausgerechnet Christoph Hemlein zum Kapitän zu machen und ihn mit einem Stammplatz zu belohnen sieht Sascha Hildmann wohl weniger in den spielerischen Fähigkeiten des Ex-Bielefelders, sondern ganz klar in dessen Kampfgeist.


Letztlich zeigt aber die gesamte Mannschaft endlich die Leidenschaft, die man in Kaiserslautern erwartet. Oder wann wurde zuletzt eine nach wie vor daheim sieglose Lautrer Elf bei einem 0:0 so sehr nach vorne gepeitscht und mit Applaus verabschiedet wie am Dienstag gegen Ingolstadt? Und auch am Samstag wäre die FCK-Truppe des Vorjahres nach dem auf den verschossenen Elfmeter folgenden 1:1 Ausgleich sicherlich umgehend in sich zusammengefallen. In Münster hingegen bewiesen die Pfälzer Moral und gingen nochmals in Führung, die letztlich nur dank individueller Fehler wieder hergeschenkt wurde.

Die neue Abwehr wackelt. Noch.

Der FCK tritt im Vergleich zu den Vorjahren mit einer deutlich defensiveren Grundordnung im 4-1-4-1 System auf. Eine Viererkette, in der die Außenverteidiger sich nur selten offensiv einschalten (die Ausnahme bildet Dominik Schad zumeist bei Kontern), ein einzelner Sechser mit Janik Bachmann, davor eine weitere Kette im Mittelfeld, die zunächst einmal defensive Aufgaben hat. Es scheint das richtige System zu sein, allerdings hakt es noch in der Feinabstimmung, was anhand der noch jungen Saison aber nicht wirklich überrascht.


„Die Mannschaft braucht noch Zeit“ ist für gewöhnlich ein Satz, der dem gemeinen FCK-Anhänger binnen Sekundenbruchteilen die Zornesröte ins Gesicht treibt. Hören wir das nicht jedes Jahr? Tatsächlich spielt der FCK diese Saison nicht nur ein neues System, sondern hat auch mit Matuwila und Hercher zwei Neuzugänge in die Viererkette zu integrieren. Zudem muss sich der erst kurz vor Saisonbeginn verpflichtete Sechser Bachmann noch mit dem Defensiv-Verbund einspielen. Eine Defensive mit Neuzugängen auf drei von fünf Positionen und dazu einem 20-jährigen Torwart mit der Erfahrung von gerade einmal 22 Drittliga-Einsätzen zwischen den Pfosten, das braucht einfach Zeit. Zeit um sich einzuspielen. Sei es dem chronisch ungeduldigen FCK-Anhänger nun recht oder nicht.


Bei der Frage „Kopfballstärke oder spielerisches Element?“ hat sich Hildmann aktuell für letzteres mit dem Resultat entschieden, dass von den beiden Innenverteidigern Sickinger und Matuwila starke Spieleröffnungen bei sehr geringer Fehlerquote ausgehen. Der Preis dafür ist der Verlust der Kopfballhoheit. Somit spielt der FCK in dieser noch recht jungen Spielzeit ein schnelles und sicheres Passspiel aus der Abwehr heraus.


Das Manko der letzten Jahre bleibt allerdingsweiterhin bestehen: Standardsituationen. Auch wenn die von Neuzugang Manfred Starke getretenen Ecken mit deutlich mehr Schärfe vor das Tor kommen, so entstand auch am Samstag bei acht Versuchen nicht eine vernünftige Torchance für die Gäste, wohingegen Münster nach einem Eckball und Chaos in der Lauterer Abwehr aus dem Gewühl heraus den 2:2 Ausgleich erzielte. Fakt ist, dass die Elf vom Samstag nicht wirklich mit Kopfballungeheuern durchsetzt ist. Am ehesten trifft das noch auf den 1,96 große Janik Bachmann zu, in Abwesenheit von Kraus und Gottwalt war es das aber schon auch fast.


Wäre Sickinger, der seiner Form immer noch etwas hinterherläuft, besser im Mittelfeld aufgehoben? Dann könnte ihn der kopfballstarke aber deutlich langsamere Kraus ersetzen. Wobei die Schnelligkeit bei der defensiveren Lauterer Grundausrichtung wahrscheinlich weniger ins Gewicht fallen würde. Bei einem kurzfristigen Wechsel von Kühlwetter nach Heidenheim würde diese Variante zusätzlich Sinn ergeben.

Schwere Brocken vor der Brust

Sportlich richtig dicke kommt es dann in den nächsten beiden Heimspielen: Bevor es in der Liga daheim gegen den Aufstiegsfavoriten aus Braunschweig weitergeht, gastiert zunächst am kommenden Samstag der Bundesligist aus Mainz auf dem Betzenberg. Da sich die Roten Teufel gegen stärkere Teams normalerweise etwas leichter tun, besteht durchaus Hoffnung, dass unser Team die 'Klatschpappenklänge' im überraschenderweise ausverkauften Gästeblock verstummen lässt. Anstelle eines weiteren geilen Spiels ohne Erfolgserlebnis, wäre ich dann auch mit einem todlangweiligen Sieg einverstanden, selbst wenn es dafür ein paar Minuten länger dauert.


Quelle: Treffpunkt Betze