Kommentar: Schommers kann nun endlich loslegen

Manchmal ist es wirklich unfassbar: "Schommers raus! Es ist nix besser geworden unter ihm!", lautete während der ersten Halbzeit gegen Jena ein ernst gemeinter Beitrag aus einer fck-affinen Gruppe, in der ich aktiv bin. Offenbar erwartet man durch die pure Anwesenheit eines neuen Trainers - von einer eben noch verunsicherten Mannschaft - eine sofortige Siegesserie.


Genauer betrachtet war die Vorbereitung auf das Heimspiel gegen Jena tatsächlich Schommers' erste komplette Trainingswoche mit der Mannschaft. In der Woche davor fand noch das Verbandspokalspiel gegen Gonsenheim statt. Schaut man auf die personellen Veränderungen des neuen Coaches, so fällt auf, dass diese auch zum Großteil den Verletzungen von Hercher, Sickinger und Thiele geschuldet waren. Der "Schommers-Faktor" in den letzten drei Partien dürfte also noch überschaubar gewesen sein. Nun wird es interessant, welche Änderungen sich nach der Länderspielpause beobachten lassen dürfen.

Wer ist eigentlich Stammspieler?

Anstatt auf lange Bälle zu setzen, will Boris Schommers aus der Abwehr heraus spielen. Dafür braucht er Innenverteidiger mit verlässlichem Aufbauspiel, eine technisch starke Mittelfeldzentrale und Stürmer, die mitspielen und den Ball festmachen können. Dies könnte zu mehreren personellen Änderungen in der Stammformation führen. Doch wer genau ist eigentlich momentan Stammspieler? Wenn damit Spieler gemeint sind, die Woche für Woche von Anfang an spielen und gleichzeitig auch regelmäßig gute Leistung bringen, trifft dies in dieser Saison exakt auf drei Spieler zu: Lennart Grill, Florian Pick und Dominik Schad. Viele andere stehen bisher eher mangels Alternativen in der Startelf bzw. laufen ihrer Form noch hinterher.


Schommers lässt im 4-4-2 spielen, zuletzt mit Skarlatidis als zweite, etwas hängende Spitze neben Christian Kühlwetter. Als Mittelstürmer konnten bislang jedoch weder Kühlwetter noch Thiele oder Röser überzeugen. Nach der Länderspielpause könnte somit Neuzugang Andri Runar Bjarnason endlich fit sein und vorne als "Wandspieler" fungieren. Neben dem Isländer könnten entweder Thiele, Röser oder Kühlwetter zum Einsatz kommen, oder ein Mittelfeldspieler wie Simon Skarlatidis, der gegen Jena als hängende Spitze auflief und sich teilweise weit zurückfallen ließ. Auch wenn ihm vor dem gegnerischen Tor am Samstag mehrfach die nötige Ruhe fehlte, war es doch ein vielversprechender Auftritt des quirligen Ex-Würzburgers.

Den Ball laufen lassen

Auf der Sechserposition hat Janik Bachmann bisher als defensiver und kopfballstarker Abräumer ein Alleinstellungsmerkmal. Allerdings hat er mit seinen Abräumerqualitäten bislang nicht vollends überzeugt können. Das liegt allerdings nur zum Teil an seiner eigenen Leistung: Wie schon beim 1:6 in Meppen sah er sich auch in der ersten Halbzeit gegen Jena stets einer Vielzahl an Gegenspielern gegenüber. Das lag mitunter an einer haarsträubenden Raumaufteilung der Roten Teufel. Oft gab es eine Angriffslinie, bestehend aus Sturm und Mittelfeld, die vorne attackiert bzw. beim Spielaufbau der eigenen Mannschaft vorne auf Bälle wartet. Hinten steht die Viererkette kurz vor dem eigenen Sechzehner, und in der Zentrale - mit bis zu 20 Metern Abstand zu beiden Linien - steht Janik Bachmann alleine, umringt von vier bis fünf gegnerischen Spielern. Im zweiten Durchgang sah es dann zwar besser aus, zu erklären ist diese naive Raumaufteilung aber weiterhin nicht wirklich.


Boris Schommers will Fußball spielen lassen. Das spielstarke Duo Starke und Skarlatidis, gegen Jena immer wieder im Zentrum der FCK-Angriffe, könnte hierfür durchaus eine Option für die Zukunft sein. Zudem kehrt mit Carlo Sickinger in Duisburg ein weiterer zentraler Spieler ins Team zurück, der eigentlich in der ersten Elf stehen muss. Die Frage ist: Wo genau? Er könnte neben Bachmann auf der Sechs spielen, wodurch Starke eine Reihe nach vorne rücken und Skarlatidis auf die rechte Außenbahn ausweich würde. Dort spielt in den letzten Wochen wieder Christoph Hemlein, dem bekanntlich die nötige Schnelligkeit und das Durchsetzungsvermögen für diese Position fehlen. Trotz seines Tores gegen Jena bleibt er, seit seiner Verpflichtung im Sommer 2018, weitestgehend den Beweis schuldig, der Mannschaft sportlich weiterzuhelfen. Sein Back-Ip wäre Toni Jonjic, der offensiv eine echte Waffe ist. Seine Mängel im Defensivverhalten und seine mitunter hochriskante Spielweise verwährten ihm allerdings bisher längere Einsatzzeiten auf der rechten Mittelfeldseite. Ob das nun unter dem neuen Coach anders wird?

Sechs Kandidaten für zwei Innenverteidiger-Positionen

Diese Auswechslung am Samstag hatte viele Fans und Anhänger überrascht: Für den unverletzten und nicht einmal gelb-vorbelasteten, aber teilweise fahrig agierenden José-Junior Matuwila kommt Gino Fechner als Innenverteidiger zum Einsatz und liefert prompt eine starke Leistung ab. Im Gegensatz zum ersten Durchgang kann sich der Gast aus Thüringen in Halbzeit zwei lediglich noch eine gute Torchance herausspielen, was auch Fechners Verdienst ist. Allerdings ist es weniger sein sehenswertes Tor, was ihn für weitere Einsätze auf dieser Position empfiehlt. Es ist vielmehr sein passsicheres Spiel, gepaart mit gutem Zweikampfverhalten und starkem Kopfballspiel. Überhaupt ist Fechner einer der vielseitigsten Spieler im gesamten Kader, auch wenn er bislang selten über eine Reservistenrolle hinausgekommen ist. "Auf der 6 und der 8 fühle ich mich am wohlsten, Innenverteidiger geht auch - nur wenn ich gar nicht spiele, bin ich sauer" gibt er nach dem Jena-Spiel zu Protokoll. Dass die Besetzung der Innenverteidigung in dieser Saison so oft wechselt, liegt auch am Mangel an zuverlässigen Alternativen.


Kevin Kraus ist kopfballstark, aber recht langsam und zudem kein idealer Mann für den Spielaufbau. Carlo Sickinger spielt die Innenverteidigerrolle zuverlässig stark, ist aber eigentlich Mittelfeldspieler und wird dort ebenfalls gebraucht. Ein Matuwila in Normalform bringt alle Voraussetzungen für die Position mit, allerdings hat der Neuzugang aus Cottbus in den letzten Wochen seine Nerven nicht so recht im Griff. Lukas Gottwalt war zu Saisonbeginn verletzt, spielt seitdem bei den Amateuren und ist bislang noch ohne Saisoneinsatz in der 3. Liga. Er ist der wahrscheinlich kopfballstärkste Akteur im Team, fällt allerdings im Spielaufbau gegenüber Sickinger, Fechner und Matuwila merklich ab. Hainault scheint aufgrund mangelnder Geschwindigkeit keine Option mehr zu sein. Auf den Außenpositionen sind die Rollen hingegen klar verteilt: Philipp Hercher wird auf der linken Seite aktuell von Sternberg passabel, aber nicht gleichwertig vertreten. Zum bärenstarken Dominik Schad ist für dessen rechte Abwehrseite bisher weit und breit keine Alternative in Sicht.


Bereits seit dem ersten Spieltag ist die Defensive die Achillesferse der Mannschaft, wozu auch mangelnde Raumaufteilung und "allzu optimistische Laufwege" der offensiveren Spieler ihren Beitrag geleistet haben. Bekommt Schommers das Defensivverhalten in den Griff, wird der Weg der Roten Teufel ganz sicher wieder nach oben führen.

Test gegen den Investorenclub des FCK-Bürgen

Dank der Länderspielpause hat Boris Schommers nun zumindest einmal knapp zwei Wochen lang Zeit, mit der Mannschaft Dinge einzustudieren und Positionsänderungen auszuprobieren. Dies kommt alles andere als ungelegen, zumal ihm nun mit den Rückkehrern Bjarnason, Hercher, Sickinger und Thiele fast der komplette Kader zur Verfügung steht. Aber machen wir uns nichts vor: Mitten in der Saison ändert man das Spielsystem nicht mal eben im Vorbeigehen, vor allem dann nicht, wenn man die Spieler erst seit ein paar Tagen kennt. Kurzfristig ist nun das Wichtigste, dass die Mannschaft mehr Sicherheit und Selbstvertrauen bekommt. Die zweite Halbzeit gegen Jena war schon ein guter Schritt in diese Richtung. Personell kann Boris Schommers bereits am nächsten Freitag, im Testspiel gegen den luxemburgischen Euro-League-Teilnehmer F91 Düdelingen mit dem Experimentieren beginnen. Es handelt sich bei dem Testspielgegner übrigens um den Verein bei dem der FCK-Bürge Flavio Becca als Investor fungiert.

Zebrastreifen weiß und blau

Das nächste Ligamatch der Roten Teufel findet am übernächsten Freitag beim MSV Duisburg statt. Die Voraussetzungen könnten durchaus schlechter sein: In der heimischen Schauinsland-Reisen-Arena ist der Zweitliga-Absteiger als Tabellenvierter und mit 24 Saisontreffern - Torfabrik der Liga - natürlich der Favorit. Darüber hinaus haben die Meidericher allerdings nicht nur die beiden letzten Ligapartien gegen Meppen und Chemnitz verloren, sondern auch schon beachtliche 18 Gegentore kassiert - mehr als jedes andere Team im oberen Tabellendrittel. Die Zebras sind also angeschossen und doch zum Siegen verdammt, was aus Lauterer Sicht irgendwie vertraut klingt. Nur schön, dass es auch mal dem Gegner betrifft.


Und am Sonntag (20. Oktober), nur zwei Tage nach dem Spiel in Duisburg, steigt übrigens die Jahreshauptversammlung des FCK. Es könnte also ein - in jeder Hinsicht - wegweisendes Wochenende für den Verein werden.


Quelle: Treffpunkt Betze