Boris Notzon: Die Erfolgsgeschichte des Kader-Konstrukteurs

Weil die Leistungsträger im Leistungstief sind, wartet der FCK weiter auf seinen ersten Sieg im Jahr 2020. Mehr als das 1:1 gegen tiefstehende Münsteraner erstaunten unseren Autor 'Wolfram Wuttke' jedoch die jüngsten Interviews von Martin Bader und Boris Notzon. Sportdirektor Notzon steht bislang kaum in der Kritik. „Warum eigentlich nicht?“, fragt sich unser Autor.


Zum dritten Mal in Folge ist der FCK das klar spielbestimmende Team - und bleibt trotzdem ohne Sieg im Jahr 2020. Überlegen zwar, aber nicht spritzig genug, meist zu langsam und deutlich zu wenig kreativ präsentierten sich die Roten Teufel gegen defensive, aber keinesfalls starke Münsteraner, die selbst in Überzahl nicht auf Sieg spielen wollten. Die Mannschaft braucht nun dringend ein Erfolgserlebnis, um den aktuellen Abwärtstrend wieder umzukehren. Die wiederholten strukturellen Probleme im Kader erleichtern diese Aufgabe sicherlich nicht.

Leistungsträger im Leistungstief

Hendrick Zuck vergibt eine 100%-ige Torchance kläglich, weil er den falschen Fuß benutzt; Carlo Sickinger setzt in der Offensive zu wenig Akzente; Dominik Schad bekommt eine Verschnaufpause, nachdem er in den letzten Wochen gerade defensiv schwächelte. Kurzum: Ausgerechnet die Leistungsträger der Vorrunde befinden sich derzeit im Leistungstief. Das alles wäre für die Mannschaft trotzdem noch zu verkraften, wenn nur Florian Pick seine Hinrundenform mit ins neue Jahr gebracht hätte. Doch gerade der 11-fache Vorrundentorschütze läuft derzeit seiner Form völlig hinterher - und hat selbst bei seinen wenigen gelungenen Aktionen auch noch Pech. In der Hinrunde waren es in aller Regel seine Einzelaktionen, die dem FCK direkt oder indirekt Torerfolge bescherten. Mehr muss man zum aktuellen Geschehen nicht schreiben, da die Grundprobleme des Kaders in dessen Zusammenstellung liegen. Wieder einmal.

Zum allerletzten Mal Martin Bader. Versprochen!

Das Kapitel Martin Bader ist - aus FCK-Sicht zum Glück - endlich beendet. Auch ich möchte mich mit dem Mann, der glaubte Michael Frontzeck könne eine Drittligamannschaft aufbauen und trainieren, nur noch ein letztes Mal beschäftigen. Großes Ehrenwort! Anlass dafür ist ein Interview mit Sport1, in dem Bader jüngst seine 23-monatige Amtszeit Revue passieren ließ. Der geneigte Leser könnte hier, sofern er nicht mit der Realität vertraut ist, meinen, Baders Amtszeit sei eine pure Erfolgsgeschichte gewesen. Für seine Bilanz - in drei von drei Spielzeiten (inklusive der aktuellen) das Saisonziel klar verfehlt zu haben und bei drei Trainerverpflichtungen definitiv zweimal danaben gegriffen zu haben, hat Bader kein Wort der Selbstkritik übrig. So kennt man ihn. Was Selbstdarstellung angeht, hat er Bundesligaformat.

Dealmaker Notzon erwirtschaftet 30 Millionen

Auch Sportdirektor Boris Notzon plauderte unter der Woche im SWR Podcast „Nur der FCK“ aus dem Nähkästchen. Und siehe da: Auch er beurteilt seine Arbeit ausschließlich erfolgreich. Notzon summiert „seine“ Transfereinahmen auf rund 30 Mio. Euro (26,5 Mio. Einnahmen aus Spielerverkäufen, sowie einige Millionen aus Weiterverkaufsbeteiligen). Das Ganze bei gerade mal vier Millionen Transferausgaben, da der Rest für infrastrukturelle Maßnahmen, Abfindungen etc. gebraucht wurde.


Warum aber ging nach dem Zweitliga-Abstieg der 650.000 Euro-Mann Sebastian Andersson nach nur einem Jahr ablösefrei zu Union Berlin? Warum gab es für Brandon Borrello (Freiburg), Philipp Mwene (Mainz) pder Nils Seufert (Bielefeld) ebenfalls keinen Cent Ablöse? Im Podcast gibt es hierzu keine Anwort, weil Fragen dieser Art nicht gestellt wurden. Auch nicht zu Notzons Kaderzusammenstellung, dem Thema, bei dem er bislang jedes Jahr scheiterte.

Vom Chefscout zum Sportdirektor – zumindest bei Notzon läuft´s

Boris Notzon startete im August 2014 als Leiter der Scouting Abteilung beim FCK. Seitdem geht sein Weg nach oben: Nach dem Rücktritt von Uwe Stöver im Juni 2017 verantwortete er den Sportbereich zunächst als Teil eines Gremiums, ab der Saison 2018-19 als alleinverantwortlicher Sportdirektor. Die Erfolgskurve seines Arbeitgebers verläuft im selben Zeitraum genau in die entgegengesetzte Richtung. Jetzt wäre es weder fair noch objektiv möglich von außen seine Arbeit als Chefscout zu beurteilen, daher werden hier nur die Spielzeiten ab der Saison 2017-18 beurteilt. Und diese offenbaren einen roten Faden: Ein Kader, dem zum dritten Mal in Folge die Basics fehlen. In von Notzon zusammengestellten Kadern wird in der Regel auf Führungsspieler, kopfballstarke Offensivakteure sowie schnelle Spieler verzichtet. Den Beweis, eine moderne Innenverteidigung zusammenstellen zu können, bleibt er ebenfalls weiterhin schuldig.

Kein kopfballstarker Offensivspieler, kein Mittelstürmer

Gegen tiefstehende Gegner wie Großaspach und Münster muss sich das Team einfach mehr Großchancen erspielen. Mit hohen Flanken aus dem Spiel heraus ist das für den FCK aktuell nahezu ausgeschlossen, denn es steht kein richtiger Stürmer auf dem Platz. Wie, kein Stürmer? Hat Christian Kühlwetter nicht gerade innerhalb von fünf Tagen dreimal getroffen? Stimmt, das hat er. Aber genau wie der verletzte Timmy Thiele ist er ein Stürmer der viel Raum benötigt und von außen in den gegnerischen 16er dringt. Raum, den er weder gegen Großaspach noch gegen Münster hatte. Für Kombinationsfußball auf engem Raum fehlen Kühlwetter einfach die spielerischen Mittel. Bälle „festmachen“ oder per Kopf verwerten kann er nicht. Diesem Anforderungsprofil entsprechen könnte eventuell der eingewechselte Andri Runar Bjarnason. „Dank“ zahlreicher kleinerer Verletzungen fehlt ihm hierfür allerdings die notwendige Fitness. Hoffen wir also, dass er endlich einmal gesund bleibt und diese Fähigkeiten, so er sie denn haben sollte, unter Beweis stellt. Sturmkollege Lukas Röser wäre wahrscheinlich auch ein perfekter Undercoveragent geworden. Auch nach vierzehn Ligaspielen und zwei Einsätzen im DFB-Pokal lässt sich über Röser nichts sagen, da er schlichtweg nicht einziges Mal aufgefallen ist.


Weder im Mittelfeld noch im Sturm befindet sich im aktuellen Kader ein kopfballstarker Spieler. Der einzige „echte“ torgefährliche Lauterer Mittelstürmer ist Elias Huth. Zugegeben hat er sich erst diese Saison zu einem solchen entwickelt - leider nicht auf dem Betzenberg, sondern als Leihgabe in Zwickau. Die Innenverteidigung ist wahlweise zu langsam (Kraus/Hainault) oder hat eine schwache Spieleröffnung (Kraus/Gottwalt).

Die Führungsspieler

Wie in den beiden Spielzeiten zuvor hat der FCK zum dritten Mal in Folge keine Führungsspieler in seinen Reihen. Also Typen, die auf und neben dem Platz vorweggehen, Verantwortung übernehmen und dabei wichtige Leistungsträger sind. Für die letzte Saison waren dafür augenscheinlich Florian Dick, Christoph Hemlein und Janek Sternberg eingeplant. Was daraus geworden ist, haben wir gesehen. Der einzige, von dem in dieser Saison ab und an lautstarke Kommandos ausgehen ist André Hainault, der zumeist auch recht ordentlich spielt, sofern er Laufduelle vermeiden kann.


Man kann sich in Spielern täuschen und auch mal danebengreifen, aber dreimal hintereinander ohne Führungsspieler in die neue Saison zu gehen, ist gewiss kein Pech mehr.

Saison 2017-18: Abstieg mit vier Heimkehrern

Rückblick: In der Abstiegssaison aus der 2. Bundesliga fehlen dem Kader zuverlässige Innenverteidiger, Flügelspieler, Leadertypen und ein Torjäger. Folglich ist der FCK nach der Hälfte der Spielzeit abgeschlagen Tabellenletzter. Mit Abwehrchef Jan-Ingwer Callsen-Bracker kann tatsächlich in der Winterpause eine der vier Baustellen geschlossen werden. Allerdings ist es da schon zu spät und der tabellarische Rückstand zu groß. Nach dem Abstieg verlassen beide Spieler den Verein wieder. Personell setzt Notzon im letzten Zweitligajahr voll auf Heimkehrer. So etwas kommt normalerweise gut an beim Lauterer Publikum. Marcel Correia, Benjamin Kessel, Ruben Jenssen und Halil Altintop kehren allesamt zu ihrer alten Wirkungsstätte zurück, aber nicht einer von ihnen kann auch nur ansatzweise überzeugen. Die beiden vermeintlichen „Leader“ Christoph Moritz und Daniel Halfar harmonieren nicht miteinander, bringen keine Leistung und können das Team folglich auch nicht mitreißen. Das Resultat ist der erste Abstieg in die 3. Liga in der Vereinsgeschichte.

Saison 2018-19: Mission Wiederaufstieg krachend gescheitert

Für die Mission Wiederaufstieg holt Notzon in der folgenden Saison die ehemaligen Bundesligaspieler Florian Dick (Heimkehrer und Publikumsliebling), Christoph Hemlein, Julias Biada und Janek Sternberg als vermeintliche Leistungsträger und greift damit bei allen vier Gutverdienern voll daneben. Dem Mittelfeld mit Mads Albaek (dem Vernehmen nach Topverdiener der Mannschaft) und Jan Löhmannsröben fehlt es an Schnelligkeit und Torgefährlichkeit. Auch sie enttäuschen auf ganzer Linie. Fazit: Das Saisonziel Wiederaufstieg wird krachend verfehlt, weil der Kader frei von Führungsspielern und Leistungsträgern ist. Nach dem Abgang von Erfolgstrainer Michael Frontzeck hebt dessen Nachfolger Sascha Hildmann zumindest das Potential einiger junger Spieler wie Gottwalt, Schad, Sickinger, Kühlwetter und Pick. Spieler, die ursprünglich maximal als Back-up eingeplant waren. Ohne die Youngster wäre der FCK womöglich sogar abgestiegen.

Planungssicherheit für den Sportdirektor

Seit dem Bundesliga Klassenerhalt im Jahr 2011 hat der Verein in jeder darauffolgenden Spielzeit das Saisonziel verfehlt. Zumindest in den letzten drei Spielzeiten geht dies klar auf die Kappe des Duos Bader und Notzon. Noch bevor Baders Vertrag im Dezember auslief, wurde Notzons Kontrakt im Mai letzten Jahres - unter dem Radar der Öffentlichkeit - „über 2020 hinaus“ verlängert. Der Sportdirektor hat also Planungssicherheit, sofern der FCK die Lizenz für die nächste Saison erhält.


Quelle: Treffpunkt Betze