Das waren noch Zeiten: “Wir sind doch nicht im Kindergarten”

Am 20. September 1994 fand eines der denkwürdigsten Spiele in der DFB-Pokalgeschichte des FCK statt. Zehn gelbe Karten, ein Platzverweis, 120 Minuten Spielzeit und neun Tore. Es war ein Dienstagabend, als sich auf dem Lautrer Betzenberg zwei der damals besten deutschen Mannschaften gegenüberstanden. Der amtierende Vizemeister aus der Pfalz empfing in der zweiten Runde des DFB-Pokals den späteren Deutschen Meister Borussia Dortmund. Und beide Mannschaften schenkten sich nichts. Borussia Dortmund galt in den 90er Jahren als absolute Spitzenmannschaft, aber nicht zuletzt dank ihres Mittelfeldmotors Andy Möller auch als talentierte Schauspieltruppe. Nur vier Wochen nach dem letzten Aufeinandertreffen der beiden Kontrahenten in der Bundesliga, das die Schwarz-Gelben nach einem Elfmeter für eine Riedle-Schwalbe mit 2:1 für sich entscheiden konnten, sannen die Roten Teufel auf Revanche – und die sollten sie bekommen. Betze-News direkt aufs Smartphone? Kein Problem mit unserem Whatsapp-Channel: https://bit.ly/betze_whatsapp Duell zweier Schwergewichte Zu einer Zeit, als die Bayer-Werksvereine aus Leverkusen und Uerdingen noch die Retortenclubs der Bundesliga waren und niemand wusste, wo Hoffenheim liegt oder dass man in Leipzig bald einem Getränkehersteller verfallen würde, gehörte der 1. FC Kaiserslautern zu den absoluten Spitzenmannschaften der Bundesliga. Einer nur wenige Monate zurückliegenden Unsportlichkeit von Nationalspieler Thomas Helmer – Stichwort Phantomtor gegen Nürnberg – war es zu verdanken, dass der FCK nicht als amtierender Deutscher Meister in die Saison 1994/95 startete, sondern sich „nur“ als Vizemeister der Konkurrenz stellen musste. Lediglich eines der ersten fünf Spiele ging verloren und mit sieben Punkten war der Saisonstart bei der damals noch gültigen Zwei-Punkte-Regel absolut im grünen Bereich. Nur diese eine Niederlage wurmte die Roten Teufel. Denn die war sehr fragwürdig und kam am dritten Spieltag in Dortmund zustande. Also gegen die Borussia, die nur vier Wochen später im DFB-Pokal zu Gast auf dem Betzenberg war. Und wer den Betze jemals live erlebt hat, weiß, wie die Hütte nach so einer Vorgeschichte brennt. Vermutlich wegen der Live-Übertragung im Free-TV und der Anstoßzeit strömten an diesem Dienstagabend nur 33.000 Zuschauer in das damals lediglich 38.000 Zuschauer fassende Fritz-Walter-Stadion. Und zumindest die FCK-Fans unter ihnen mussten schon vor Spielbeginn die erste Hiobsbotschaft verkraften. Nationalstürmer Stefan Kuntz hatte sich am Samstag zuvor beim Bundesligaspiel in Uerdingen schwer verletzt und fiel mit einem Muskelbündelriss für längere Zeit aus. FCK-Trainer Friedel Rausch musste deshalb seine Startformation umstellen und ersetzte den Torjäger durch Neuzugang Olaf Marschall. Gemeinsam mit dem späteren Fußballgott standen Gerry Ehrmann, Miro Kadlec, Axel Roos, Wolfgang Funkel, Thomas Hengen, Dirk Anders, Ciriaco Sforza, Martin Wagner, Andy Brehme und Pavel Kuka von Beginn an auf dem Rasen. Gästetrainer Ottmar Hitzfeld vertraute dagegen auf Stefan Klos, Matthias Sammer, Julio César, Bodo Schmidt, Michael Zorc, Steffen Freund, Stefan Reuter, Andreas Möller, Knut Reinhard, Flemming Povlsen und Stéphane Chapuisat. Unschuldslamm Möller Es dauerte nicht lange, bis klar war, dass Schiedsrichter Hermann Albrecht keinen leichten Abend vor sich hatte. Nach anfänglichem Mittelfeldgeplänkel und harten Zweikämpfen ließ sich Andreas Möller nach 20 Minuten zu einer Tätlichkeit gegen Ciriaco Sforza hinreißen. Der Weltmeister von 1990 verpasste Lauterns Denker und Lenker einen Bodycheck, woraufhin der Schweizer mit Verdacht auf Rippenbruch ausgewechselt werden musste. Was folgte, war betzelike: Ein Gerry Ehrmann auf Hochtemperatur, Rudelbildung auf dem Platz, Handgreiflichkeiten am Spielfeldrand und ein Schiedsrichter, der nicht einmal die gelbe Karte gegen Andy Möller zückte, weil der sich laut Albrecht nicht erinnern konnte, Sforza überhaupt berührt zu haben. Die rappelvolle Westkurve tobte und war nicht die einzige, die an diesem Abend zu Bestform auflief. Friedel Rausch ersetzte Sforza durch Matthias Hamann, und die Roten Teufel taten sich im weiteren Verlauf der ersten Halbzeit schwer, wieder ins Spiel zu finden. Spätestens in der 38. Minute schien Möllers Plan aufzugehen. Die Borussen nutzten ihre Feldüberlegenheit und Stéphane Chapuisat brachte die Schwarz-Gelben mit einem Kopfball in Führung, die auch zur Pause Bestand haben sollte. Doch der 1. FC Kaiserslautern der 90er Jahre zeichnete sich vor allem durch sein großes Kämpferherz aus und man wusste, dass man in der zweiten Halbzeit auf die Westkurve spielen würde. Mindestens zwei gute Gründe also, die „Jetzt-erst-Recht-Mentalität“ auszupacken. // Möchtest du dazu beitragen, dass Treffpunkt Betze weiterhin unabhängig und werbefrei bleibt? Werde jetzt Supporter-Mitglied und unterstütze uns dabei, noch mehr großartige Inhalte über den FCK zu produzieren und zu teilen. Betze at it’s best Mit dem sprichwörtlichen Messer zwischen den Zähnen kehrten die Männer in Rot auf den Platz zurück und legten los wie die Feuerwehr. Nur drei Minuten nach Wiederanpfiff hämmerte Dirk Anders den Ball aus rund 20 Metern in die Maschen und verwandelte den Betzenberg in ein Tollhaus. Steffen Freund versuchte mit einer grenzwertigen Aktion den Abschluss noch zu verhindern und verletzte Anders dabei schwer. Der Mittelfeldspieler musste mit einem Bänderriss ausgewechselt werden und stellte seinen Trainer vor ein großes Problem. Denn auch Olaf Marschall verletzte sich bei einem Zweikampf am Knöchel und hätte eigentlich nicht mehr weiterspielen können. Doch damals waren nur zwei Auswechslungen für Feldspieler erlaubt. So humpelte Marschall weiter und sollte im weiteren Spielverlauf noch eine entscheidende Rolle spielen. Beide Seiten dachten gar nicht daran, in der Spielintensität nachzulassen. Rangeleien, Handgreiflichkeiten und kernige Zweikämpfe ließen eine FSK-12-Freigabe allmählich fraglich erscheinen. Doch wieder waren es die Dortmunder, die die aufgeheizte Stimmung zu nutzen wussten und durch Flemming Povlsen erneut in Führung gingen. Das 1:2 und eine gute halbe Stunde Restspielzeit versprachen jedoch eine hochemotionale Schlussphase. Mit dem eingewechselten Thomas Franck schaffte es zudem ein Borusse, in weniger als zehn Minuten Spielzeit die Nerven zu verlieren, eine gelb-rote Karte zu kassieren und damit den FCK wieder voll ins Spiel zu bringen. Elf Lautrer, wenn man Marschall mitzählt, belagerten nun das von zehn Dortmundern bewachte Tor von Stefan Klos und versuchten, den Ausgleich und damit die Verlängerung zu erzwingen. Letzte Spielminute: Nach einer Flanke in den Strafraum kam Olaf Marschall nicht mehr an den Ball, traf aber seinen Gegenspieler Bodo Schmidt so (un-)glücklich am Fuß, dass dieser den Ball mit der Hand abwehrte. Schiedsrichter Albrecht nahm nur die letzte Aktion wahr und entschied auf Handelfmeter für die Roten Teufel. Und wer, wenn nicht der goldene Torschütze von Rom, hätte sich den Ball schnappen sollen? Anlauf Brehme – Toooooor! Wahnsinn! Ausgleich! Verlängerung! Und ein Stadion am Rande