Torsten Lieberknecht: „Glas für mich eher halb leer“

Teil I: FCK-Trainer Torsten Lieberknecht im Gespräch mit Treffpunkt Betze über liegen gelassene Punkte, seine teils kritisierte Spielidee und die mangelnde Konstanz seiner Mannschaft. Torsten Lieberknecht ist kein Trainer der leisen Zwischentöne. Seit seinem Amtsantritt beim 1. FC Kaiserslautern steht er für Klarheit, Haltung und eine spürbare Identifikation mit dem Verein. Der Betzenberg ist für ihn nicht nur ein Arbeitsplatz, sondern ein Herzensort mit all seinen Emotionen, Erwartungen und Spannungsfeldern. Lieberknecht denkt Fußball ganzheitlich, spricht offen über Ziele, Defizite und Entwicklungsschritte und scheut dabei weder Selbstkritik noch klare Worte. Im ersten Teil des Interviews mit Treffpunkt Betze zieht der FCK-Coach eine Zwischenbilanz der bisherigen Saison, ordnet sportliche Entscheidungen ein und erklärt, warum er unbeirrt an seinem Weg festhält. Auch dann, wenn der Gegenwind mal stärker wird. „Wollten unbedingt die 30-Punkte-Marke erreichen“ Treffpunkt Betze: Hallo Torsten, 27 Punkte nach der Hinrunde, Platz sieben in der Tabelle: Ist das Glas aus deiner Sicht zur Winterpause eher halb voll oder eher halb leer? Torsten Lieberknecht: Was die nackte Punktzahl betrifft, ist das Glas für mich eher halb leer. Wir wollten unbedingt die 30-Punkte-Marke erreichen, weil sie einfach ein wichtiges Signal gewesen wäre. Vor allem, weil wir uns selbst um einige Punkte gebracht haben. Wenn ich auf die Vorrunde zurückblicke, dann komme ich relativ schnell auf vier oder fünf Zähler, die wir liegen gelassen haben. Ich denke da an Spiele wie das Heimspiel gegen Nürnberg oder das Auswärtsspiel in Düsseldorf. In Karlsruhe hätten wir uns dafür vielleicht mit einem Unentschieden zufriedengeben müssen, aber insgesamt gab es genug Situationen, in denen wir näher dran waren, noch mehr herauszuholen. Rechnet man das zusammen, dann hätte das Glas deutlich voller sein können – und genau deshalb überwiegt bei mir dieser Gedanke. Treffpunkt Betze: Was sind aus deiner Sicht die ausschlaggebenden Gründe für die Punktverluste? Torsten Lieberknecht: Ganz klar die fehlende Effizienz. Gerade gegen Nürnberg hatten wir genügend Chancen, um das Spiel frühzeitig zu unseren Gunsten zu entscheiden. Das zieht sich wie ein roter Faden durch mehrere Partien. Auch in Düsseldorf war es ähnlich: Wenn du dort das 2:0 machst, ist das Spiel im Grunde entschieden. Stattdessen bleibt es beim 1:0 und dann ist Fußball eben brutal. Ein Gegentor reicht, um alles wieder offen zu machen. In Düsseldorf kam dann noch dieser eine Moment hinzu, bei dem ich nach wie vor der Meinung bin, dass die Abseitsposition von Ivan nicht so eindeutig war, dass sich der VAR hätte einschalten müssen. Aber das sind alles keine Ausreden. Entscheidend ist: Wir hatten mehrfach die Möglichkeit, den Deckel draufzumachen, haben es aber nicht konsequent genug getan. „Haben uns positiv entwickelt“ Treffpunkt Betze: Gab es trotz allem positive Highlights in der Vorrunde? Torsten Lieberknecht: Absolut. Und davon sogar einige. Allein die 27 Punkte sind ja kein schlechtes Ergebnis. Ich ziehe zwar ungern Vergleiche zur Vorsaison, aber Daten und Fakten werden natürlich herangezogen. Wir haben eine bessere Tordifferenz, stehen tabellarisch besser da und haben immerhin einen Punkt mehr. Vor allem offensiv haben wir uns entwickelt. Zu Saisonbeginn hieß es oft, wir würden zu wenige Tore schießen – inzwischen gehören wir zu den fünf besten Teams der Liga, was die Anzahl der Treffer betrifft. Dazu kommt unsere Spielidee. Wir haben uns bewusst für eine mutige Ausrichtung entschieden. Gerade zu Hause wollen wir den ‘Betze-Fußball’ zeigen, den viele kennen: nicht nur kompakt stehen, sondern hoch attackieren, früh pressen und den Gegner unter Druck setzen. Spiele wie gegen Preußen Münster oder Holstein Kiel waren dafür echte Benchmark-Spiele. Die Daten bestätigen das: Wir sind die beste Mannschaft, wenn es um Balleroberungen in der gegnerischen Hälfte geht. Das zeigt mir, dass wir nicht nur darüber reden, sondern diese Idee auch umsetzen. Ein weiterer Punkt ist der Umgang mit der Verletztenmisere. Trotz vieler Ausfälle haben wir es häufig geschafft, dies gut zu kompensieren und die richtigen Entscheidungen zu treffen. Und was mir persönlich sehr wichtig ist, ist die Einbindung des eigenen Nachwuchses. Spieler wie Mika Haas oder Leon Robinson haben mittlerweile ein Niveau erreicht, das sie zu festen Größen macht. Das ist etwas, das sich viele beim FCK wünschen, und das gehört für mich klar ins halb volle Glas. Treffpunkt Betze: Mit Spielern wie Semih Sahin, Marlon Ritter oder Naatan Skyttä verfügt der FCK nominell über eine der stärksten Mittelfeldreihen der Liga. Dennoch zeigt sich insbesondere im Bereich der Passgenauigkeit ein Defizit. Woran liegt es deiner Meinung nach, dass sich die Mannschaft in diesem Punkt so schwertut? Torsten Lieberknecht: Das hängt unmittelbar mit unserem Spielstil zusammen. Wir sind keine klassische Ballbesitzmannschaft. Wir definieren uns über Intensität, Pressing und Umschaltmomente. 15 unserer Tore sind aus hohen Balleroberungen entstanden, was zeigt, wo unsere Stärke liegt. Natürlich gibt es Situationen, in denen wir aus einem Ballgewinn mehr Ruhe entwickeln könnten. Aber unser Energielevel ist oft sehr hoch und wir wollen schnell nach vorne spielen. Das bringt Risiko und damit auch eine höhere Fehlerquote mit sich. Trotzdem gibt es Momente, in denen wir sauberer und konzentrierter agieren müssen. // Werde jetzt Supporter-Mitglied und unterstütze uns dabei, noch mehr großartige Inhalte über den FCK zu produzieren und zu teilen. „Es gibt keine leichten Gegner“ Treffpunkt Betze: Nach zuletzt nur vier Punkten gegen vermeintlich leichte Gegner habt ihr mit Hannover, Schalke, Elversberg und Darmstadt nun vier echte Schwergewichte vor der Brust. Was stimmt dich zuversichtlich, dass ihr in diesen direkten Duellen um die Spitzenplätze besser abschneiden werdet? Torsten Lieberknecht: Zunächst einmal blicke ich da bewusst ein Stück zurück. Nach dem aus meiner Sicht sehr enttäuschenden Pokalaus gegen Hertha BSC standen wir unter enormem Druck. In dieser Phase haben wir vier Punkte geholt. Das ist aus meiner Sicht ein Beleg dafür, dass die Mannschaft damit umgehen kann. Das Spiel gegen Dresden war so ein typisches ‚Stinker-Spiel‘, eines von denen, bei denen du weißt, dass es extrem unangenehm wird. Am Ende konnten wir es aber für uns entscheiden. Und dann ging es zu Arminia Bielefeld. Das war für mich ein sehr wichtiges Spiel, auch aus Trainersicht. Bielefeld hatte zuvor in nur zwei Spielen im eigenen Stadion kein Tor erzielt, das war in den Testspielen gegen den AS Monaco und in einem Drittligaspiel gegen den Halleschen FC. Unser Ansatz war klar: Diese