Zwischen Frust und „richtig Betze“ – Semih Sahin

Nach einem furiosen Auswärtssieg im Derby gegen den Karlsruher SC öffentlich gegen den eigenen Trainer beziehungsweise dessen taktische Vorgaben auszuteilen, dürfte selbst im emotionalen Fußballgeschäft eher ungewöhnlich sein. Wenn es solche Aussagen auf dem Betzenberg in der Vergangenheit gab, deutete das häufig darauf hin, dass entweder Spieler und Trainer nicht mehr lange gemeinsam in Kaiserslautern arbeiten würden. Umso bemerkenswerter ist deshalb die Entwicklung rund um Semih Sahin in den vergangenen Monaten. Ausgerechnet jener Spieler, der sich nach dem Derby in Karlsruhe noch sichtbar unzufrieden mit seiner Rolle gezeigt hatte, erklärte nur ein gutes halbes Jahr später nach einem weiteren Derby inklusive Assist stolz, er sei inzwischen „endgültig angekommen“ und „jetzt richtig Betze“. Der gebürtige Mannheimer musste sich seinen Platz auf dem Betzenberg zunächst erarbeiten. Über die Jugendstationen beim VfR Mannheim und Waldhof Mannheim führte ihn sein Weg über Astoria Walldorf und die zweite Mannschaft der TSG Hoffenheim schließlich zur SV Elversberg. Dort entwickelte er sich zum Stammspieler und stieg mit den Saarländern von der Regionalliga bis in die 2. Bundesliga auf inklusive Meistertitel in der dritten Liga sowie Regio Südwest. In der letzten Saison konnte er mit der SVE sogar die Relegation zur Bundesliga erreichen. Entsprechend hoch waren die Erwartungen, als der FCK im vergangenen Sommer rund 1,5 Millionen Euro für den Mittelfeldspieler investierte. Offensiv relevant weit über Scorer hinaus Aufgrund der starken Rückrunde Sahins versteht man, warum Torsten Lieberknecht auch nach durchwachsenen Spielen in der Hinrunde auf den Deutsch-Türken setzte. Sahin erzielte wichtige Scorer in der Rückrunde, wie die „Bogenlampe“ beim 1:0-Sieg auf dem Betze gegen die Spielvereinigung Greuther Fürth, bei dem er für seine Statur untypisch per Kopf traf. Auch der 3:0-Heimsieg gegen Fortuna Düsseldorf, bei dem er ein Tor und einen Assist beisteuern konnte und selbst noch eine weitere 100-prozentige Chance vergab, gehört wohl zu seinen besten Spielen in der Pfalz. Sahin bringt dem Lautrer Spiel aber noch viel mehr als reine Scorer-Zahlen, die für einen zentralen Mittelfeldspieler schon das oberste Regal sind. Der Mannheimer erobert im Schnitt 0,54 Bälle pro Spiel im gegnerischen Drittel, was perfekt zu Lieberknechts Pressing intensiven Spiel passt. So lassen sich neue Angriffe direkt tief in der gegnerischen Hälfte starten. Passend dazu ist Sahin der laufstärkste Pfälzer in dieser Saison. Er spulte 318,2 km ab – ein Topwert, der nicht nur sein hohes Fitnesslevel, sondern auch seine große Motivation unterstreicht. Für das Offensivspiel der Roten Teufel ist der 26-Jährige auch aus der dritten Reihe heraus essenziell. Er kreiert pro Spiel 0,35 Großchancen. Das befördert ihn in die Top 10 % aller Mittelfeldspieler der zweiten Liga und unterstreicht, wie wichtig er für das Kreativspiel des FCK ist. Noch kein kompletter „Achter“ Trotz seiner sichtbaren Leistungssteigerung offenbaren Sahins Statistiken weiterhin einige Bereiche, in denen der Mittelfeldspieler noch Luft nach oben hat. Vor allem im kontrollierten Ballbesitzspiel wird deutlich, warum der 26-Jährige aktuell noch kein kompletter Spielgestalter im Zentrum ist. Mit lediglich 53 Ballkontakten pro 90 Minuten gehört Sahin im Liga- und Positionsvergleich zu den schlechtesten 30 %. Zudem bleibt der Deutsch-Türke unter Druck anfällig für Ballverluste. Gerade im Kurzpassspiel zeigen sich noch Schwächen. Lediglich 79 Prozent seiner kurzen Pässe erreichen den Mitspieler. Diese Fehlerquote hängt allerdings auch mit der riskanten und vertikalen Spielweise unter Thorsten Lieberknecht zusammen. Sahin sucht häufig den schnellen Pass nach vorne und nimmt dabei bewusst ein höheres Risiko in Kauf, um Umschaltsituationen einzuleiten. Auch defensiv hat der Mittelfeldspieler noch Potential. Trotz seiner enormen Laufbereitschaft ist er statistisch weit davon entfernt, ein klassischer Box-to-Box-Spieler zu sein. Gerade in der Rückwärtsbewegung entstehen so zwangsläufig große Lücken, da Mittelfeldkollege Fabian Kunze viel Raum allein verteidigen muss. Angekommen – aber noch nicht am Limit Auch wenn Sahin noch nicht am Ende seiner sportlichen Entwicklung ist, lässt sich seine Feststellung, inzwischen „angekommen“ zu sein, durchaus unterschreiben. Nach einer persönlich durchwachsenen Hinrunde auf dem Betzenberg zeigte der Mittelfeldspieler in den vergangenen Monaten einen klaren Leistungsanstieg. Sichtbar verbesserten sich nicht nur seine Scorerwerte, auch sein generelles Auftreten wirkt inzwischen deutlich reifer und gefestigter. Vor allem scheint er gemeinsam mit Thorsten Lieberknecht seine Rolle im Spiel des FCK gefunden zu haben. Dass es den Neu-Lauterer laut eigener Aussage mit Stolz erfüllt, die auf dem Betze sagenumwobene Nummer Acht zu tragen, spricht dafür, dass Lieberknecht und Co. ihm nicht nur sportlich, sondern auch historisch aufzeigen konnten, welche Bedeutung er für die Pfälzer hat. Ob sich der ehemalige Elversberger ärgert, nicht noch ein weiteres Jahr im Saarland geblieben zu sein, lässt sich nur vermuten. Dennoch kann Sahin den FCK in der kommenden Saison noch näher an den Aufstieg bringen. Quelle: Treffpunkt Betze