Erencan Yardımcı: Mittelstürmer mit Urgewalt

Foto: Dean Mouhtaropoulos/Getty Images

Der 1. FC Kaiserslautern hat den 24-jährigen Erencan Yardımcı verpflichtet. Was sind die Stärken und Schwächen des Angreifers? Und welche Rolle kann der Neuzugang im Team von Torsten Lieberknecht spielen? Eine Analyse.

Mit dem Transfer von Erencan Yardımcı hat sich der 1. FC Kaiserslautern einen weiteren hochspannenden Neuzugang für die kommende Saison gesichert. Der Mittelstürmer kommt Medienberichten zufolge für eine Leihgebühr von 500.000 Euro vom Bundesligisten TSG 1899 Hoffenheim. Zudem soll nach Informationen von Sky-Transferexperte Florian Plettenberg eine Kaufpflicht in Höhe von fünf Millionen Euro vereinbart worden sein. Zur exakten Korrektheit sowie den möglichen Bedingungen für das Greifen dieser Kaufpflicht – wie etwa eine bestimmte Anzahl an Einsätzen – liegen derzeit zwar noch keine offiziellen Informationen vor. Dennoch wird anhand dieser Zahlen überdeutlich, dass die Pfälzer große Stücke auf den jungen Türken halten.

Einstiges Top-Talent mit viel Erfahrung

Zu Beginn seiner Laufbahn galt Erencan Yardımcı als eines der verheißungsvollsten Sturmtalente des europäischen Fußballs. Unter der Trainerlegende Fatih Terim feierte der physisch starke Angreifer im November 2019 ein historisches Debüt, als er im Trikot von Galatasaray Istanbul im Alter von gerade einmal 17 Jahren in der UEFA Champions League gegen den FC Brügge eingewechselt wurde. Zwar stand er dort nur für eine Minute auf dem Feld, dennoch setzte er ein erstes Ausrufezeichen. Ein solch früher Sprung auf die größte europäische Bühne gilt im internationalen Scouting traditionell als das erste klare Prädikat für eine außergewöhnliche sportliche Veranlagung.

Den endgültigen sportlichen Durchbruch im Profibereich feierte Yardımcı in der Saison 2023/24 während seiner Leihe zum türkischen Erstligisten Pendikspor. Mit sechs Toren und zwei Vorlagen in 28 Partien stellte er seine Treffsicherheit in einer physisch extrem fordernden Liga unter Beweis, wodurch er sich fest in den Fokus der türkischen U21-Nationalmannschaft spielte. Dieser Leistungssprung weckte das Interesse internationaler Klubs und untermauerte seinen Ruf als moderner, entwicklungsfähiger Mittelstürmer.

Im Sommer 2024 verpflichtet schließlich die TSG 1899 Hoffenheim den bulligen Angreifer. Der deutsche Bundesligist überwies eine beachtliche Ablösesumme von rund vier Millionen Euro an Eyüpspor, um sich die Dienste des damals 22-Jährigen langfristig zu sichern. Das Vertrauen in seine Qualitäten war dabei so groß, dass die Hoffenheimer ihn strategisch direkt an den österreichischen Double-Sieger Sturm Graz weiterverliehen, um ihm Spielpraxis auf hohem Niveau zu garantieren.

Auf der Suche nach dem Durchbruch

Doch wirklich vom Erfolg gekrönt war diese Leihstation nicht. Der Durchbruch zum Stammspieler blieb ihm verwehrt. Nur in 14 Partien, darunter weitere fünf in der Champions League, kam er zum Einsatz und steuerte dabei drei Tore und zwei Vorlagen bei. Zahlen, die bei insgesamt 374 Einsatzminuten allerdings gar nicht verkehrt klingen.

Im vergangenen Sommer zog es den Angreifer daher weiter zu Eintracht Braunschweig. In der 2. Bundesliga sollte die Leihgabe der TSG Hoffenheim endlich den langersehnten Durchbruch im Profifußball schaffen. Die Realität im deutschen Unterhaus hielt jedoch eine ganz neue Herausforderung für den Angreifer bereit. Zwar stand er am Ende der Spielzeit in 31 Ligapartien auf dem Rasen, doch der unumstrittene Fixpunkt im Braunschweiger Angriffsspiel wurde er nicht. Seine Ausbeute von fünf Saisontoren spiegelte das Dilemma seiner bisherigen Karriere wider: Das Potenzial blitzte immer wieder auf, doch die Konstanz fehlte. Erschwerend kam hinzu, dass er sich mitten in der Saison durch eine Rote Karte wegen einer Tätlichkeit im Niedersachsenderby gegen Hannover 96 und eine anschließende Drei-Spiele-Sperre selbst den Rhythmus nahm.

Gute Ansätze erkennbar

Nun könnte man als Fan der Roten Teufel jenen Teufel an die Wand malen und klagen, warum man denn einen Stürmer mit einer solch mageren Torausbeute verpflichtet. Doch Yardımcı hat durchaus Ansätze dafür gezeigt, dass er ein guter Spieler der 2. Bundesliga sein kann. Wer daran zweifelt, muss ausgerechnet den Blick auf die direkten Duelle gegen den FCK in der vergangenen Saison richten. In beiden Aufeinandertreffen avancierte der junge Türke nämlich zum echten FCK-Schreck. Beim Hinspiel im November feierte er nach der bereits erwähnten Rotsperre ein echtes Traumcomeback, als er kurz nach der Pause die FCK-Hintermannschaft förmlich überrannte und eiskalt zum 2:0-Heimsieg einschoss. Und auch im Rückspiel auf dem Betzenberg erzielte er den 2:0-Siegtreffer der Braunschweiger Löwen.

Somit stellte der Angreifer gleich zweimal seine Kaltschnäuzigkeit unter Beweis. Ein Blick auf die tieferen Statistiken offenbart zudem, dass Yardımcı in der vergangenen Saison als alleinige Spitze der Eintracht schlichtweg zu wenig Chancen kam. So brachte er es am Ende auf einen Wert von 4,74 Expected Goals (fotmob.com). Diese Daten belegen, dass Yardımcı kein „Chancentod“ ist. Seine vermeintlich magere Torausbeute war vielmehr das Produkt eines Braunschweiger Systems, das extrem wenig Offensivgefahr kreierte.

Ein Spieler mit Betze-DNA

Mit seiner Spielweise passt der Türke auf den ersten Blick sehr gut auf den Betzenberg. So steht der 1,88 Meter große Mittelstürmer für eine sehr intensive Spielweise, läuft die gegnerischen Innenverteidiger aggressiv an und erzwingt Fehler. Das passt perfekt zum physischen Pressing-Fußball, den die Fans auf dem Betzenberg sehen wollen. So zählt er unter anderem mit 15 Balleroberungen im letzten Spielfelddrittel (fotmob.com) zu den pressingstärksten Spielern seiner Position. Mit 155 gewonnenen Zweikämpfen und 107 gewonnenen Luftzweikämpfen (fotmob.com) bewies der 24-Jährige zudem beachtliche Qualitäten in direkten Duellen.

Gepaart wird diese physische Wucht mit einer enormen Dynamik, die man bei Stürmern seiner Statur selten findet: Mit einer gemessenen Höchstgeschwindigkeit von 35,73 km/h (bundesliga.de) bringt er ein extrem hohes Tempo mit, das ihn gerade bei Umschaltmomenten und schnellen Tiefenläufen brandgefährlich macht.

Gesucht und gefunden?

Diese Eigenschaften könnten Yardımcı zu einer echten Waffe für das Team von Torsten Lieberknecht machen. Während Mittelstürmer Mërgim Berisha und der hoffentlich bald zurückkehrende Ivan Prtajin eher für ihren reinen Torriecher bekannt sind und nicht zwingend für emsige Arbeit gegen den Ball stehen, könnte Yardımcı als zweite Spitze dafür sorgen, dass die beiden Torjäger sich voll auf ihre Kernstärken konzentrieren können. Gemeinsam mit den kreativen Mittelfeldspielern wie Ritter, Skyttä oder Sahin sowie den flinken Flügelspielern – wie den Neuzugängen Tazemeta und Kanaté – könnte Yardımcı eine enorme Bereicherung für das Offensivspiel der Pfälzer werden.

Findet Torsten Lieberknecht die richtige Balance, um Yardımcıs ungeheure Dynamik gewinnbringend einzusetzen, besitzt der FCK ab sofort ein physisches und pfeilschnelles Kraftpaket, das der gesamten Liga wehtun kann. Der Betzenberg und Erencan Yardımcı – das könnte eine echte Erfolgsgeschichte werden.

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