Finger weg von Lieberknecht!

Foto: Andreas Leiner
Foto: Andreas Leiner

Nach zwei desolaten Auftritten ist der FCK in eine Krise geschlittert. Trotz der zuletzt erschreckenden Auftritte verbietet sich eine Trainerdiskussion, findet unser Autor Gerrit.

Zwei Spiele können ausreichen, um die Gefühlswelt auf dem Betzenberg komplett auf den Kopf zu stellen. Während die Welt vor 14 Tagen nach dem eindrucksvollen 4:1-Heimsieg über Kiel noch rot-weiß-rot war, herrscht nach der 0:2-Niederlage in Braunschweig und der desaströsen 1:6-Klatsche im Pokal bei Hertha BSC nun Alarmstimmung. Und das durchaus zu Recht: Das Auftreten in Braunschweig war zu schlecht und ungefährlich, in Berlin wurden die Roten Teufel zu desolat, hilf- und planlos auseinandergenommen.

Die Frage, die sich nun stellt: Wie ist es möglich, dass nach einem glanzvollen Heimsieg gegen Kiel, bei dem auch spielerisch feiner Fußball geboten wurde, solche Auswärtsauftritte folgen? Torsten Lieberknecht hatte nach der Pleite in Niedersachsen nichts beschönigt und eine Reaktion gefordert – die Antwort seiner Spieler auf dem Platz hätte desolater nicht ausfallen können.

Generelle Kritik am Trainer zu diesem Zeitpunkt unberechtigt

So wie nach Siegen vom Aufstieg geträumt wird, beginnt nach solchen Niederlagen fast schon reflexartig das Draufhauen auf alles und jeden. Entsprechend gerät nun auch Trainer Torsten Lieberknecht – zumindest stellenweise online – ins Fadenkreuz der Kritik. Die Kurve ist diesbezüglich (noch) zurückhaltend. Doch wer Kaiserslautern kennt, der weiß: Folgt im Heimspiel gegen Dynamo Dresden am Samstag kein Sieg, kann sich auch das schnell ändern. Und fehlt die Unterstützung der Kurve, hat ein Trainer am Betzenberg meist keine lange Halbwertzeit mehr. Doch wieso schießt sich bereits so früh in einer Amtszeit ein Großteil der Kritik auf den Trainer ein?

Ruhe und Besonnenheit sind jetzt gefragt

Es scheint fast ein Muster erkennbar zu sein. Mit Akteuren, die ein besonderes Herz für den FCK haben, wird oft besonders hart ins Gericht gegangen. Man denke etwa an Jean Zimmer oder Hendrick Zuck. Zunächst wurden sie als Heimkehrer gefeiert, doch bei Misserfolg waren sie oft grenzenloser Häme und Kritik ausgesetzt. Nun geht es also mal wieder dem Trainer an den Kragen. Torsten Lieberknecht ist gerade einmal seit April dieses Jahres im Amt. Sein Vorgesetzter, Sportdirektor Marcel Klos, nahm erst einen Monat zuvor seine Arbeit auf. Beide hatten somit lediglich eine Transferperiode Zeit, um den Kader nach ihren Vorstellungen auszurichten. Wunderdinge sind in diesem Zeitraum nicht zu erwarten.

Das eigentliche Problem ist die fehlende Kontinuität. Abgesehen von der Personalie Thomas Hengen sucht man diese auf den wichtigen operativen Positionen im Verein seit Jahren vergeblich. Durch die ständigen Trainerwechsel ist es nahezu unmöglich, eine durchgängige Philosophie zu etablieren. Deshalb ist es jetzt so wichtig, Ruhe am Betze zu bewahren und nicht bei der erstbesten Ergebniskrise am Trainer zu zweifeln. Intern ist zweifelsfrei Kommunikation gefragt. Dass Lieberknecht das kann, hat er im Anschluss an die Hertha-Klatsche bewiesen. Es scheint unstrittig zu sein, dass er die Mannschaft erreicht. Warum sollte also nach nur 21 Spielen unter Lieberknecht schon wieder der Trainer gewechselt werden?

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Trainerwechsel sind nicht die Lösung, sondern das Problem

Zweifelsfrei sind Spiele wie in Berlin unentschuldbar. Eine FCK-Mannschaft darf sich so nicht abschlachten lassen. Appelle an die Ehre der Spieler nutzen sich jedoch schnell ab. Doch daraus zu schließen, Lieberknecht trage die Hauptverantwortung, greift viel zu kurz. Vielmehr muss einmal mehr hinterfragt werden, ob Anspruch und Wirklichkeit in der Pfalz zusammenpassen. Die erste Elf wurde im Sommer adäquat verstärkt. In der Breite – gerade in der Defensive – hat der Kader der Pfälzer aber wenig mit dem eines Aufstiegsaspiranten zu tun. Ein Thema, das wir nahezu wöchentlich in Spielkommentaren anprangern.

Fallen dann auch noch Akteure verletzungsbedingt aus, wie zuletzt Verteidiger Ji-Soo Kim, wird die Luft sehr dünn. Dann gehören Niederlagen dazu, auch einmal in heftigerer Form. Das muss aufgearbeitet und daraus gelernt werden. Aber das ganze System infrage zu stellen, hilft niemandem weiter. Im Gegenteil. Es ist nicht die Lösung, sondern das Grundproblem des FCK. So kann niemals langfristiger Erfolg entstehen.

Faktor Zeit

Torsten Lieberknecht hat bewiesen, was er leisten kann, wenn man ihm Rückendeckung und Vertrauen schenkt. Sowohl in Braunschweig als auch in Darmstadt hat er eine Mannschaft zum Aufstieg geformt, die zuvor nicht dazu in der Lage schien. Und auch beim FCK hat er bereits erfolgreich an Stellschrauben gedreht: Der Trainer lebt die Nachwuchsförderung, er ist regelmäßiger Gast am Nachwuchsleistungszentrum. Mit Mika Haas hat er binnen weniger Wochen ein Eigengewächs zum Stammspieler geformt. Der erst 16-jährige Dion Hofmeister avancierte zum jüngsten FCK-Spieler aller Zeiten. Wann hat es das zum letzten Mal gegeben?

Lieberknecht fordert von seinen Spielern vor allem die klassischen Betze-Tugenden. Dass ausgerechnet diese in den beiden vergangenen Partien so schmerzlich fehlten, muss sich der 52-Jährige natürlich ankreiden lassen. Aber doch bitte mit Sinn und Verstand. Den Trainer bereits jetzt infrage zu stellen oder gar zu wechseln, wäre der größte Fehler, den die Lautrer machen könnten. Lieberknecht hat das Potenzial, eine Mannschaft für die kommenden Jahre zu formen und aufzubauen. Geschäftsführung, Sportdirektor, Investoren und Fans müssen ihm diese Zeit aber auch geben.

Bundesliga noch ein schöner Traum

Vor allem müsste man sich aber endlich ehrlich machen. In einem Prozess, der Zeit benötigt, ist es absolut kontraproduktiv und schlicht nicht möglich, ständig mit vorgehaltener Hand vom Aufstieg zu schwadronieren, ohne dieses Ziel öffentlich zu bestätigen. Die Bundesliga ist (noch) ein schöner Traum, mehr aber nicht. Ohne diese Ehrlichkeit in der Analyse wird der FCK immer wieder am selben Punkt landen. Bei Unzufriedenheit von Fans und Verantwortlichen und bei einem neuen Trainer, der von vorne anfängt und mit denselben Problemen zu kämpfen haben wird. Einen Fehler, den der FCK weiß Gott bereits oft gemacht hat. Zu oft. Bitte lernt daraus, zieht an einem Strang und handelt besonnen!

Quelle: Treffpunkt Betze

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