Der erneute Neustart vom Neustart

Nach dem enttäuschenden Auftritt gegen Türkgücü München ist der Fehlstart der Roten Teufel perfekt. Der pfälzische Traditionsverein belegt nach zwei Saisonspielen den letzten Tabellenplatz mit null Punkten und einem Torverhältnis von 0:4 Toren. Dies entspricht einer Bilanz, die eines selbsternannten Spitzenteams nicht würdig ist. Der FCK ist damit wieder mal in der Realität angekommen und muss nach der Trainerentlassung wieder einmal von vorne beginnen.

Never ending story

Mit einer großen Euphorie gingen die Fans des 1. FC Kaiserslautern in die neue Saison. So war man sich in FCK-Kreisen doch sicher, dass nun endlich vieles besser wird. Die Never Ending Story rund um die finanzielle Situation schien mit den regionalen Investoren endlich ein positives Ende gefunden zu haben. Auch sportlich lief es zum Ende der vergangenen Spielzeit recht ordentlich. So belegten die Roten Teufel in der so genannten "Corona-Tabelle" Platz 4. Die Neuverpflichtungen schienen ebenfalls Hoffnung zu machen, so gelang es durchweg Spieler zu verpflichten, die ihre Qualitäten in der 3. Liga bereits unter Beweis gestellt haben. Zwar waren die Ergebnisse in der Vorbereitung durchwachsen, doch mit dem 3:0 Sieg und einer ansprechenden Leistung im Testspiel gegen den Zweitligisten SV Sandhausen zeigten sich erste deutliche Verbesserungen.


Wie schnell solch eine Aufbruchsstimmung innerhalb der ersten drei Pflichtspiele verpuffen kann, sieht man mal wieder am Beispiel des 1. FC Kaiserslautern. Dabei zeigten die Roten Teufel im Pokal gegen Regensburg und zum Ligaauftakt gegen Dresden noch eine halbwegs passable Leistung. Auch am Sonntag gegen Türkgücü München war die Mannschaft von Trainer Schommers zwar bemüht, blieb am Schluss jedoch deutlich hinter den eigenen Erwartungen und enttäuschte auf ganzer Linie. Statt der gewünschten Ruhe und Euphorie herrscht nun wieder Chaos rund um den Berg, welches mit der Entlassung von Boris Schommers einen erneuten Höhepunkt gefunden hat.

Harmlose Rote Teufel

Sonntag, 14 Uhr, Grünwalder Straße: Wie schon gegen Dresden tut sich der FCK in München besonders in der Offensive sehr schwer. Über 90 Minuten schafft die Mannschaft es nicht eine richtige Großchance herauszuspielen. Die erneute Erfolgslosigkeit vor dem gegnerischen Tor spricht daher Bände. Mit Florian Pick, Christian Kühlwetter und Timmy Thiele haben den Verein im Sommer ganze 61 Scorerpunkte verlassen. Ein Verlust, der für keinen Verein in Liga drei einfach zu kompensieren wäre. Obwohl mit Marlon Ritter, Marvin Pourié und Rückkehrer Elias Huth Spieler verpflichtet wurden, die ihre Torgefährlichkeit bereits bei früheren Vereinen unter Beweis gestellt haben, kann eine solche Neuformierung in der Offensive nicht sofort greifen. Die wenigen Chancen, die der FCK im Spiel gegen Türkgücü hatte, vergab er kläglich. Besser machte es der Aufsteiger aus München, der mit den ersten beiden Torchancen zwei Treffer erzielte. Dabei sah besonders die Hintermannschaft der Roten Teufel nicht gut aus. Mit viel Einsatz, Leidenschaft und Willen spielte Türkgücü über 90 Minuten Powerfußball und kaufte dem FCK so gut wie in allen Belangen den Schneid ab. Einzig Marvin Pourié wehrte sich nach Kräften und hielt dagegen, wenn auch am Ende etwas übermotiviert. Der FCK ließ alle Grundtugenden vermissen und spielte zu behäbig und mutlos. Nicht das erste Mal unter Boris Schommers. Gerade in der Offensive wirkte vieles zufällig und ohne festen oder einstudierten Plan.

Das Potential ist vorhanden

Doch es gibt dieser Tage auch Dinge, die trotzdem Hoffnung machen. Dass diese neuformierte Mannschaft Potenzial besitzt, hat sie ohne Zweifel bereits bewiesen. Mit Anas Bakhat und Mohamed Morabet scheinen die nächsten hoffnungsvollen Talente vom Fröhnerhof eine immer größere Rolle bei den Profis einzunehmen. Auch spielerisch zeigte sich der FCK im Vergleich zu Vorsaison deutlich verbessert. Anstatt langen Bällen versucht die Mannschaft nun spielerische Lösungen zu finden, eine Handschrift von Schommers war durchaus zu erkennen. Mit Marvin Pouriè und Marlon Ritter ist es zudem gelungen, zwei namenhafte und torgefährliche Spieler zu verpflichten. Beide sind jedoch erst spät zur Mannschaft dazu gestoßen, Automatismen konnten dementsprechend noch nicht einstudiert werden. Auch werden die verletzten Spieler Alex Winkler, Marius Kleinsorge und Nicolas Sessa in den kommenden Wochen zur Mannschaft zurückkehren und neue Impulse setzen können. Zudem sollen laut Sportdirektor Boris Notzon in der Offensive noch gestandene Spieler kommen, die den Unterschied ausmachen können und die Mannschaft um weitere und neue Qualitäten bereichern. Warum musste Boris Schommers - trotz dieser vorhandenen Potenziale - den Verein dennoch verlassen?

Die Systemfrage

Bereits in der vergangenen Saison diskutierten Fans und Sportjournalisten mehrfach über das von Boris Schommers installierte Spielsystem. So stellte Schommers das mit fünf Siegen und einem Remis funktionierende System in der Winterpause und ohne Not um und fokussierte seine Mannschaft zunehmend auf einen 'ballbesitzenden' Fußball. Gegen München agierten Hikmet Ciftci und Anas Bakhat auf den Halbpositionen im Mittelfeld, weshalb die beiden Außenbahnen ausschließlich von den beiden Außenverteidigern beackert wurden. So hing vor allem Rückkehrer Elias Huth förmlich in der Luft. In seiner Zeit beim FSV Zwickau profitierte Huth vergangene Saison vor allem von den zahlreichen Flanken. 14 Saisontreffer beim FSV sprechen eindeutig dafür, welche Vorlagen Huth als Stürmer benötigt. Obwohl mit Sessa und Kleinsorge derzeit zwei Spieler verletzt sind, die genau diese Rolle auf den Außenbahnen besetzen könnten, müsste die Kaderbreite dennoch genügend Gelegenheiten bieten, solche temporären Ausfälle zu kompensieren.


Hier stellt sich also eine Systemfrage. Zwar ist die Idee - mit drei zentralen Mittelfeldspielern und dem auf der 9er Position agierenden Marlon Ritter - das Zentrum dicht zu bekommen und dort die Akzente zu setzen, nicht schlecht, doch gerade für die dritte Liga womöglich nicht die ideale Strategie. In der dritten Liga wird viel Wert auf schnellen Tempofußball über die Außen gelegt. Ballbesitzfußball hat in dieser Spielklasse selten Erfolg. Durch das variable und komplexe 4-3-3 wird den Roten Teufeln zudem taktisch viel abverlangt, wodurch es immer wieder zu kollektiven Fehlern kam. Zwar versuchte Boris Schommers während der Spiele immer wieder lautstark nachzujustieren und den Spielern neue Anweisungen zu geben, doch womöglich verlangte er in diesen Momenten zu viel von seiner Mannschaft. Bis zum Schluss blieb der 41-jährige Cheftrainer seiner Linie treu, was ihm wahrscheinlich letztlich zum Verhängnis wurde. Vielleicht war Schommers für seine Vision und seiner Grundidee des erfolgreichen Fußballs sogar nur zur falschen Zeit am falschen Ort.

Unruhe im Umfeld

Dass Boris Schommers ein Trainer ist, der polarisiert, bemerkte man spätestens an der letzten Jahreshauptversammlung im vergangenen Dezember. Damals hielt Schommers eine flammende Rede über seine Arbeit und seine Visionen mit der Mannschaft, nahezu alle Mitglieder waren begeistert und applaudierten mit Standing Ovations. Nur ein knappes Jahr später wurde er Zielscheibe vieler Fans. Erst sorgte ein Streit mit FCK-Kultfigur Gerry Ehrmann und dessen Rauswurf für hohe Wellen. Für die Fans war es Grund genug, um auf auf die Barrikaden zu gehen. In der Folge blieb auch zeitweise der sportliche Erfolg aus und die Kritik an Schommers wuchs. Zwar gelang es nach dem Corona Re-Start frühzeitig den Klassenerhalt perfekt machen und das Finale im Verbandspokal zu gewinnen, doch die Schommers-Kritiker blieben.


Die zu Saisonbeginn von Seiten des Vereins geäußerten Zweifel an der Arbeit des Trainers durch den inzwischen zurückgetretenen Martin Wagner befeuerten die Diskussion um Schommers zusätzlich. Dass Boris Schommers kein einfacher Charakter war wurde deutlich, als mit Timmy Thiele der nächste Spieler gehen musste, der eigentlich gerne geblieben wäre. Schommers Zukunft beim FCK konnte zum damaligen Zeitpunkt bereits keine langfristige sein. Die durchwachsenen und enttäuschenden Auftritte im Verbandspokal, das frühe Aus im DFB-Pokal und auch die beiden Liganiederlagen zum Saisonauftakt wurden Schommers letztendlich zum Verhängnis und waren der Auslöser des knallharten Prozess des Fußballbusiness.


Nun wird beim FCK also alles wieder über den Haufen geworfen. Der Trainerverschleiß beim 1. FC Kaiserslautern wird zur alljährlichen Routine. Mit Blick auf die bevorstehende Saison ist es dennoch wichtig, sich bewusst zu machen, dass erst zwei Spieltage absolviert wurden. Nach wie vor ist in Sachen Zielsetzung alles möglich. Voraussetzung dafür ist, nun die richtigen Schlüsse aus dem Fehlstart zu ziehen und mit einem neuen Trainerduo wieder zum einfacheren Fußball zurückzukehren, um das zweifelsohne vorhandene Potenzial der Roten Teufel abzurufen. Vor allem braucht es jetzt einen neuen Trainer, der genau weiß, wie die dritte Liga und der FCK funktionieren. Und es muss jemand sein, der in dem Pulverfass Betzenberg die Ruhe bewahren kann.


Quelle: Treffpunkt Betze