Kommentar: Hätte, hätte? Fünferkette!

Muhammed Kiprit bejubelt sein Tor

Die überragende Leistung vom letzten Wochenende, als sich neun Lauterer gegen 11 Waldhöfer einen Punkt erkämpfen, fühlt sich noch immer an wie ein Sieg. Allerdings bringt auch der gefühlte Sieg nur einen Punkt. Mit anderen Worten: Die Punkte müssen beim Auswärtspiel gegen Verl geholt werden. Dort lässt Trainer Marco Antwerpen so spielen, wie es eigentlich schon im Derby gegen den SV Waldhof geplant ist: Die Rückkehr zur Fünfer-Abwehrkette führt letztlich zum ersten Auswärtserfolg.

Fünf ist Trümpf

Offenbar hat sich das Trainerteam zunächst einmal vom edlen Gedanken des offensiven Fußballs verabschiedet. Und mit was? Mit Recht! Wie schon bei der Aufholjagd im Frühjahr 2021 agieren die Lauterer nun mit einer Fünfer-Abwehrreihe. In dieser werden die drei kopfballstarken Innenverteidiger Kevin Kraus, Alexander Winkler und Boris Tomiak außen von Hendrick Zuck und Philipp Hercher flankiert. Im Mittelfeld agiert Marlon Ritter als defensiver Sechser hinter der Dreierreihe Wunderlich-Klingenburg-Sessa. In vorderster Front läuft Daniel Hanslik als einziger Stürmer auf. Schon im Derby gegen Mannheim kommt die Fünferkette in dieser Saison erstmals kurz zum Einsatz, muss dort jedoch - nach dem Karten-Tourette des Referees - schnell wieder eingestampft werden. Dieses Mal darf zu elft durchgespielt werden. Ohne die rotgesperrten Kenny-Prince Redondo und Marvin Senger sowie den verletzten Jean Zimmer präsentieren sich die Roten Teufel von Beginn an kompakt und konzentriert defensiv.

Mäßig attraktiv, doch sehr erfolgreich

Das Match in Verl plätschert fast den kompletten ersten Durchgang relativ ereignislos vor sich hin. Die Abwehr steht sicher und es gibt wenige Torgelegenheiten für beide Teams. Aber bekanntlich bekommt man in der 3. Liga einfach immer irgendwann seine Torchancen. So auch am Sonntag, als Philipp Hercher die beinahe einzige Tormöglichkeit des ersten Durchgangs zur Lauterer Führung nutzt. Auch anschließend steht die Lauter Defensive sicher und lässt überhaupt nichts anbrennen. Aus der Tiefe kommend haben gerade die beiden Außenverteidiger Hercher und Zuck bei Lauterer Angriffen deutlich mehr Raum als noch zuletzt.


Zwar ist das Spiel nicht wirklich attraktiv und recht chancenarm, doch mit zunehmender Spieldauer gewinnen die Roten Teufel sichtbar an Selbstvertrauen. Der Fußball der Pfälzer wird erst ansehnlich, als die Ostwestfalen hinten aufmachen müssen. Nun blitzt auch immer wieder die individuelle Klasse einiger FCK-Akteure auf. Lediglich zwei Kritikpunkte gibt es am Lauterer Spiel: Lange Bälle, die weit aus der FCK-Defensive nach vorne geschlagen werden, finden selten ihren Abnehmer und kommen jeweils wie Boomerangs zurück. Auch wenn hier letztlich keine großen Torchancen für den Gegner entstehen, muss das Lauterer Spiel hier noch deutlich kontrollierter werden. Ansonsten ist die Strategie absolut die richtige. Das zweite Manko ist die Chancenverwertung. Hierzu später mehr.

Ritter macht den Unterschied

Es ist kein Geheimnis, dass Marlon Ritter an guten Tagen mit dem Ball so ziemlich alles kann. Allerdings ist die Anzahl seiner guten Tage im FCK-Trikot immer noch sehr überschaubar. Gegen Verl knüpft der ehemalige Paderborner an seine überragende Leistung aus dem Derby gegen Mannheim an. Mit feiner Technik verteilt er die Bälle im Spielaufbau und fungiert als Schaltzentrale im Mittelfeld. Dazu überrascht er neuerdings sogar noch mit bisher ungeahnten Defensivqualitäten. Gleich mehrfach wiederholt sich im ersten Durchgang folgende Szene: Ritter hat den Ball auf der rechten Seite, macht dort eine schnelle Drehung und schlägt den Pass lang auf die linke Seite. Dort hat sich zum Hendrick Zuck wieder einmal von seinem Gegenspieler davongestohlen. Anschließend sucht der ehemalige Braunschweiger dann zumeist den kurzen Pass auf die Mittelfeldkollegen in Strafraumnähe. Das einzige Mal, wo Zuck eine hohe Flanke aus dem Halbfeld wagt, landet diese perfekt auf dem Kopf des rechts in den Strafraum hereinrückenden Hercher, der damit den 1:0 Führungstreffer markiert.

Als Kiprit kommt, blüht Hanslik auf

Mitte der zweiten Halbzeit muss Verl mehr riskieren, wodurch sich die tiefstehenden Lauterer soviele hochkarätige Torchancen erspielen wie schon lange nicht mehr. Mike Wunderlich tanzt an der Strafraumkante gleich drei Gegenspieler „auf dem Bierdeckel“ aus und lupft den Ball perfekt zu René Klingenburg. Dieser lässt sieben Meter vor dem Tor noch einen Verteidiger aussteigen, um dann mit einem „Schüsschen“ am Torhüter zu scheitern. Daniel Hanslik setzt sich nach Pass von Wunderlich gegen seinen Gegenspieler durch und schiesst das Leder aus spitzem Winkel an den Pfosten. Nicolas Sessa scheitert - nach Traumpass von Hanslik - freistehend am gegnerischen Torwart. Wiederum ist es Hanslik, der Hercher mit einem Doppelpass auf die rechte Außenbahn schickt. Dessen Hereingabe nutzt Muhammed Kiprit schließlich zum erlösenden 2:0. Schad erzwingt einen Fehler des herauslaufenden Torhüters und passt zu Wunderlich. Dieser setzt sich gegen den letzten verbleibenden Verteidiger durch, vergisst aber auf dem Weg zum leeren Tor für einen Moment die Verfolger in seinem Nacken und vertändelt leichtfertig diese 100%ige Möglichkeit.


Die fünf Riesenchancen im zweiten Durchgang aus denen lediglich ein Treffer resultiert, zeigen nicht nur den Chancenwucher, den das Team in die neue Saison „hinübergerettet“ hat. Sie demonstrieren auch, wozu die Mannschaft spielerisch im Stande ist. Vier der fünf Gelegenheiten entstanden, als Muhammed Kiprit für Klingenburg eingewechselt wurde und dessen Position hinter Daniel Hanslik einnimmt. Wie schon in der letzten Rückrunde scheint Daniel Hanslik gerade dann aufzublühen, wenn außer ihm ein weiterer „echter“ Stürmer auf dem Platz steht.

Das Selbstvertrauen steigt

Gerade die FCK-Spieler, die sich bereits im Derby Bestnoten verdienen, sind auch gegen Verl die Aktivposten: Boris Tomiak spielt die Innenverteidigerrolle absolut souverän, Hendrick Zuck und Philipp Hercher beherrschen ihre Außenbahnen und Marlon Ritter brilliert sowohl als Ballverteiler als auch als defensiver Abräumer in der Zentrale. Grundsätzlich ist jedem einzelnen Spieler anzumerken, wie sehr ein Erfolgserlebnis zuletzt gefehlt hat.

Der lauteste Lauterer Gästeblock seit langem

Es wird in der 3. Liga langsam zur Gewohnheit, dass die Auflagen des DFB verhindern, dass Vereine ihre eigenen Stadien nutzen können. So empfängt der SC Verl aktuell seine Gäste am Lotter Kreuz, der Spielstätte der Sportfreunde Lotte. Dass dort am Sonntag keinerlei Heimspielatmosphäre aufkommt, ist allerdings primär dem Gästeblock geschuldet. Entweder die Magentasport-Mikrofone stehen in Lotte direkt vor dem Gästeblock oder die Fans aus der Pfalz sind bei diesem 2:0 Auswärtssieg einfach nur brutal laut. Oder beides. Über die komplette Spielzeit singt der Lauterer Block ohne Pause und übertönt im Sportpark am Lotter Kreuz einfach alles. Dank unpersonalisierter Tickets sind erst zum zweiten Mal in dieser Saison auch wieder Lauterer Ultras anwesend. Man kann dem kompletten Pfälzer Anhang den Nachholbedarf anmerken, endlich mal wieder eine ordentliche FCK-Leistung besingen zu dürfen. Auch Lauterns Coach Marco Antwerpen zeigte sich froh, „dass wir die mitgereisten Fans einfach mal belohnen“.

Never change a running system

"Wir haben es letzte Woche zu neunt verteidigt, dann kriegen wir es wohl diese Woche zu elft auch hin" zitiert „Man of the Match“ Philipp Hercher aus der Lauterer Kabine. Tatsächlich bleiben die Roten Teufel ein weiteres Mal ohne Gegentor. Bezeichnenderweise hat Verl seine größte Chance als Nicolas Sessa den Ball im eigenen Strafraum vertendelt. Ansonsten hat der Gastgeber keine nennenswerte Torchancen. Dementsprechend schlußfolgert SCV-Trainer Capretti nach dem Spiel: "Wenn du nicht auf's Tor schießt, kannst du nicht gewinnen"! Die Aussage darf die Lauterer Defensive durchaus als Bestätigung ihrer Leistung ansehen.


Am nächsten Samstag um 14:00 Uhr gastiert der VfL Osnabrück am Betzenberg. Es ist zu befürchten, dass René Klingenburg sich in das Lauterer Lazarett einreihen muss. Jedoch könnte es auch den einen oder anderen Rückkehrer ins Team geben. Angeblich muss man ja in Heimspielen offensiv auftreten. Muss man das wirklich? Die bislang einzige erfolgreiche Strategie mit der defensiveren Fünferkette sollte unbedingt beibehalten werden. Mit einem langweiligen 1:0 Heimsieg könnten rund um den Betzenberg aktuell sicherlich alle gut leben.


Quelle: Treffpunkt Betze