Die Notbremsung

Alle Jahre wieder ist der 1. FC Kaiserslautern auf Trainersuche. Nun braucht der mittlerweile auf Rang zwölf der Dritten Liga angekommene, tief gefallene Traditionsverein einen Nachfolger für den 54 Jahre alten Michael Frontzeck. Wenige Stunden nach der 0:5-Klatsche am Freitagabend bei der SpVgg Unterhaching hat sich der FCK nach genau zehn Monaten von seinem bisherigen Chefcoach getrennt. Es war das vierte Spiel ohne Sieg in Folge für den Zweitliga-Absteiger bei drei Niederlagen und dem jämmerlichen Torverhältnis von 1:11 aus diesen vier Partien.


Statt des angestrebten direkten Wiederaufstiegs droht Abstiegskampf das große Thema der kommenden Wochen zu werden. „Das Wichtigste ist jetzt, diesen Negativtrend aufzuhalten“, betonte FCK-Aufsichtsratschef Patrick Banf gestern im Gespräch mit dieser Zeitung. Martin Bader, der Geschäftsführer Sport, Aufsichtsrat Banf und Sportdirektor Boris Notzon sind bei der neuerlichen Trainersuche federführend tätig. Namen von möglichen Kandidaten wie Ilia Gruev (49), Lukas Kwasniok (37) oder Dino Toppmöller (38) wollten sie nicht kommentieren. „Ich sage immer erst was, wenn ein Vertrag unterschrieben ist“, betonte Banf. „Aber natürlich wollen wir eine längerfristige Lösung.“


„Die jüngsten Entwicklungen, nicht zuletzt die Leistung in Unterhaching, haben uns dazu bewogen, neue Impulse zu setzen“, sagte Bader. „Diese Entscheidung ist uns schwergefallen, zumal wir nach den Siegen gegen Uerdingen und in Aalen eine positive Entwicklung beobachten konnten. Der Eindruck der vergangenen vier Spiele hat in Summe jedoch dazu geführt, dass wir uns für einen Wechsel entschieden haben.“


Am Samstag (14 Uhr) wartet mit dem Heimspiel gegen Würzburg die nächste Aufgabe. Heute hat die Mannschaft frei, morgen übernehmen vorerst die Assistenztrainer Alexander Bugera, Martin Raschik und Bastian Becker zusammen mit Torwarttrainer Gerry Ehrmann. Es sei denn, der neue Cheftrainer ist bis Montag gefunden und schon anwesend. Davon geht Bader jedoch eher nicht aus. „Wir beginnen am Montag, so wie es bei Michael auch gewesen wäre“, sagte Bugera. „Es war ein sehr emotionaler Abschied. Ich lasse nichts auf Michael kommen – er ist menschlich in Ordnung, wir haben gut zusammengearbeitet. Am Ende haben die Ergebnisse gefehlt. So schlecht, wie wir zuletzt gespielt haben ... So ist dann halt das Geschäft“, bedauerte Bugera.


Das Geschäft kennt Frontzeck nach 35 Jahren im Profifußball – ihm war nach der Blamage von Haching und der rasenden Talfahrt klar, dass seine Mission beendet sein wird. „Es war ja kein normaler Neuaufbau. 18 neue Spieler – das braucht seine Zeit. Wenigstens bis zum Ende der Hinrunde. Aber dass ein Verein wie der FCK mit dieser Geschichte, ein Bundesligist, der plötzlich in der Dritten Liga ist, so entscheidet, das kann ich nach den letzten Ergebnissen auch verstehen“, sagte Frontzeck im Gespräch mit dieser Zeitung. „Ich wurde heute Morgen von der Trennung informiert. Ich habe mich persönlich von der Mannschaft verabschiedet, ihr alles Gute gewünscht. Ich hoffe, dass jetzt Ruhe einkehrt, dass sie sich wieder auf das Wesentliche konzentrieren kann. Der Druck – gerade auf die jungen Spieler – war groß. Die haben doch alle außer ,Flo’ Dick noch nicht erlebt, sich am Zaun vor Fans erklären zu müssen“, sagte Frontzeck, der gerne geblieben wäre: „Wir haben in den guten Spielen zu wenige Punkte geholt. Ich mag diesen Klub mit all seiner Wucht!“ Er ergänzte: „Ich habe den Spielern gesagt: Eine Trainerentlassung ist immer auch eine Niederlage der Mannschaft, aber auch eine Chance ...“


Sportchef Bader war auch gestern Nachmittag noch richtig verärgert über den desolaten Auftritt der FCK-Spieler in Haching. Der 50-Jährige hat am Samstagvormittag eine energische Ansprache gehalten. „Das war zwingend notwendig“, betonte er. Der vor der Saison als Ziel ausgegebene direkte Wiederaufstieg ist angesichts des Zehn-Punkte-Rückstands nach 17 von 38 Spielen und den gezeigten Leistungen der Lauterer fast schon nicht mehr erreichbar. So betonte Bader gestern: „Ich habe der Mannschaft gesagt, es geht nicht um Ziele, die irgendwann mal gesteckt worden sind. Es geht darum, dass sich jeder Einzelne mal hinterfragt. Jeder formuliert höhere Ansprüche für sich, aber von deren Umsetzung habe ich in den letzten Spielen auf dem Platz nichts gesehen. Die Spieler sind in der Verpflichtung, auch ihren eigenen Ansprüchen gerecht zu werden.“ Bader lässt keine Ausreden mehr zu. „Nach den Auftritten gegen Cottbus (0:2), in Rostock (1:4) und gegen Wehen Wiesbaden (0:0) war allen die Bedeutung des Spiels in Unterhaching bewusst“, sagte der Geschäftsführer Sport. „Leider hat sich die Mannschaft in keiner Weise so präsentiert, wie wir es von Spielern im FCK-Trikot erwarten.“ So haben es auch die knapp 2000 FCK-Fans unter den 5000 Zuschauern im Sportpark Unterhaching wahrgenommen. „Außer Ehrmann könnt ihr alle geh’n“, skandierten sie. Die Strophe ist beim FCK zum traurigen Klassiker bei sportlichen Katastrophen geworden.


Und Ehrmann? Der Kult-Torwarttrainer stapfte wutschnaubend und kopfschüttelnd durch den Dauerregen vor den Toren Münchens Richtung Kabine. Schon wieder Endzeitstimmung beim FCK und seinen seit Jahren leidgeprüften Anhängern. Die bange Frage, die viele beschäftigt: Wann und wie ist der Niedergang des Traditionsvereins zu stoppen? „Das war ein neuer Tiefpunkt“, konstatierte Bader direkt nach dem Debakel von Haching. Die Suche nach demjenigen, mit dem es bergauf gehen soll, läuft.


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Knifflige Frage


Der FCK sehnt sich seit dem Aus von Marco Kurz 2012 nach Kontinuität auf der Trainerposition.


Der 1. FC Kaiserslautern braucht Ruhe und Kontinuität. Das ist keineswegs eine neue Forderung. Aber Patrick Banf, seit knapp einem Jahr als Vorsitzender im Aufsichtsrat des Vereins, ist sie sehr wichtig. Auch deshalb passt ihm die Entlassung des vor zehn Monaten als Nachfolger des erkrankten Jeff Strasser eingestellten Michael Frontzeck nicht in den Kram. Banf würdigte gestern noch einmal Frontzecks Erfolg, mit der Mannschaft trotz des kaum noch zu verhindernden Abstiegs in 15 Spielen beachtliche 23 Punkte geholt zu haben. Im Sommer herrschte Aufbruchstimmung, die durch das 1:0 und über 40.000 Zuschauer im ersten Spiel gegen 1860 München noch mehr Nahrung erhielt. Es folgte nach teils recht guten Auftritten des Teams eine Ergebniskrise, der FCK belohnte sich nicht. Trainer Frontzeck wurde schon damals für viele zum Buhmann, obwohl manche Resultate unglücklich zustande kamen. „Wenn es nach einem Sieg und einem Unentschieden schon im dritten Spiel Frontzeck-raus-Rufe gibt, dann muss sich der, der das ruft, schon mal fragen, ob er damit nicht seinem FCK schadet“, sagte Banf. „Wir haben ein schwieriges Umfeld in Kaiserslautern, da bekommst du nicht die Zeit, die du normalerweise bräuchtest.“ Dennoch sind die Kritiker zwischenzeitlich verstummt, als der FCK sich den Aufstiegsrängen mit sechs Spielen ohne Niederlage und einem überzeugenden Heimsieg über den nun zweitplatzierten KFC Uerdingen mit großen Schritten näherte. Die neuerliche Negativserie von vier sieglosen Spielen bei kläglichen 1:11 Toren aber war zu viel. Die Trennung von Trainer Frontzeck war die logische Konsequenz. „Es ist mir schwergefallen“, sagte Banf, „weil ich gerne Ruhe im Verein habe. Aber es war nicht mehr vertretbar.“


Zweifel an der Qualität des Kaders sind nach den jüngsten Auftritten angebracht, massive folgenschwere Fehlpässe spielt nicht der Trainer. Frontzecks möglichst schnell zu findender Nachfolger muss die Spieler – wie Sportchef Martin Bader es gestern tat – bei der Berufsehre packen und ihnen andererseits wieder Selbstvertrauen einimpfen. Der Neue muss für einen aggressiven, schnellen Spielstil stehen und ihn so rasch wie möglich auf das Team übertragen. Zeit gewährt auch diese harte, enge Liga nicht. Wer kommt? Die Bosse schweigen. Dino Toppmöller lässt in Luxemburg aufhorchen. Er ist jung und unverbraucht. Hannes Drews rettete Aue. Ilia Gruev war Co-Trainer beim FCK, ein Mann mit Charakter. Banf schätzt Kosta Runjaic. Hauptsponsor Harald Layenberger hält sehr viel von Marco Kurz.



Quelle: Rheinpfalz am Sonntag