Quo Vadis Euphorie?

Der 1.FC Kaiserslautern ist gelandet. Gelandet auf dem harten, tristen Boden des Drittliga-Alltags. Alltag sollten Spiele wie das 0:2 gegen den Halleschen FC allerdings nicht werden, will man sich nicht schnell am Tabellenende statt im Aufstiegskampf wiederfinden. Die Euphorie ist indes verflogen, die Stimmung droht zu kippen. Eine Reaktion muss folgen, sowohl im brisanten Derby gegen den Karlsruher SC, als auch schon am kommenden Samstag im DFB-Pokal gegen die TSG 1899 Hoffenheim. Hoffenheim? Da war doch was…


„Alles ist vergänglich und deshalb leidvoll.“ Um diese Weisheit wusste schon Buddha und sie passt derzeit nur zu gut zur Gemütslage des 1.FC Kaiserslautern. Noch vor einer Woche habe ich mir Gedanken darüber gemacht, woher dieses neu entfachte Feuer in mir und im Umfeld des FCK kommt. Ausgerechnet jetzt. Am eigentlichen Tiefpunkt der Vereinsgeschichte. Ich hatte es mit der Renaissance des Wir-Gefühls überschrieben, die Werte des FCK schienen endlich wieder gelebt zu werden, der Abstieg fast wie eine heilende Salbe zu wirken. Auch weil in den letzten Jahren die Maschinerie des Geldes, das Söldnertum und der Egoismus in der Lautrer Mannschaft Einzug gehalten hatten, wirkte die 3. Liga mit ihrem „Amateur Touch“ fast wie ein bereinigender Segen, eine Wiedergeburt der alten Lautrer Tugenden. Gepaart mit der Attraktivität traditionsreicher Gegner wie 1860 München, Preußen Münster oder Uerdingen, schien diese Liga einen Charme zu haben, den wir Lautrer lange vermisst haben. Jeder war es leid, diesen emotionslosen Kick um Platz 11, 12 oder 13 in Liga zwei. Es geht endlich wieder um etwas. Untermauert vom 1:0 Auftaktsieg gegen 1860 München wirkte das alles sehr stimmig. So weit die Theorie.


Zwei Wochen und drei Spiele später scheint bei einigen davon schon nicht mehr viel übrig zu sein. Zu sehr erinnerte das 0:2 am Samstag in Halle an Spiele der vergangenen Saison, als fehlender Wille und spielerische Planlosigkeit an der Tagesordnung waren. In meinem Umfeld, bei meinen Nachbarn im Block 9.2 der Westkurve hört sich jedenfalls vieles so an, als stamme es aus dem Herbst 2017. Keine Ideen, aufstellungstechnisches Desaster, starres Festhalten an einem System, falsche Einwechslungen und und und …


Schaut man in diverse Foren, geht das nahezu nahtlos so weiter. Fast jeder Kommentar fordert schon den Kopf des Trainers oder hinterfragt ihn zumindest. Wohlgemerkt nach vier Spieltagen, zwei Wochen nach unserer gefeierten Eröffnung gegen die Münchner Löwen. Wie ist das zu erklären? Wohlgemerkt ein Unterschied ist festzustellen.


Die Stimmung kippt (noch) nicht gegen die Mannschaft, sondern ausschließlich gegen den Trainer Michael Frontzeck. Noch leise, aber immer vehementer. Ich persönlich finde das verfrüht und dennoch verständlich.


So waren es die ersten sieben vergeigten Spiele unter Norbert Meier, die uns letzten Endes im letzten Jahr die Klasse gekostet hatten. Gleiches gab kürzlich auch Karlsruhes Sportdirektor Oliver Kreuzer zu Protokoll, der ein zu langes Festhalten an ihrem Trainer Marc-Patrick Meister in der vergangenen Saison dafür verantwortlich macht, dass man am Ende in die Relegation musste- und nicht aufstieg.


Bedenkt man jetzt noch die Vorbehalte gegen Michael Frontzeck, die zu Beginn seiner Amtszeit unisono die Runde machten, seine sehr durchwachsene Statistik als Bundesligatrainer, dann ist verständlich, dass das Vertrauen, das nur auf einer passablen Rückrunde des letzten Jahres basiert, fragil ist.


Aber vor allem ist es ein Ausdruck der Angst. Oft höre ich in diesen Tagen „Wir haben keine Zeit mehr.“ Und es ist wahr. Wir haben keine Zeit mehr, Spiele oder gar Saisons zu verschenken. Ein weiteres Jahr 3. Liga wäre wohl das endgültige Ende des FCK, den wir so lieben. Doch gerade deshalb will genau überlegt sein, wie man handelt und sollten Schnellschüsse wie ein Frontzeck Bashing oder ein Lieberknecht-Hypen, der schon in Halle gesehen worden sein soll, vermieden werden.


Torsten Lieberknecht. Der Sympathieträger, aus Haßloch stammend, der über 10 Jahre hinweg in Braunschweig gute Arbeit geleistet hatte und immer betont hat, wie sehr ihm der FCK am Herzen liegt. Mit seiner emotionalen Art wäre er mit Sicherheit jemand, der die Aufbruchsstimmung weitertragen, sie im Notfall auch neu entfachen könnte. Eine reizvolle Vorstellung.


Doch ist das die Lösung des Problems? Zu oft schon war ein Trainerwechsel beim FCK die einfache, aber nicht zielführende Antwort. In der Tat muss man Aktionen von Michael Frontzeck hinterfragen, so wohl was Aufstellung als auch Taktik betrifft. Warum ließ er gegen Halle den wohl spielstärksten Biada so lange außen vor? Warum hielt er stur an einem 4-4-2 fest, als das Spiel offensiv überhaupt nicht stattfand. Und was ist eigentlich mit Löhmannsröben? Diese und noch viel mehr Fragen geistern derzeit um den Betzenberg und sie müssen gestellt werden dürfen! Michael Frontzeck, aber auch vor allem die Mannschaft müssen schnell Punkte liefern. Doch zumindest diese Chance gegen Karlsruhe im Derby sollte und muss man ihnen geben. Ansonsten scheint mir die gesamte Aufbruchsstimmung der vergangenen Wochen unglaubwürdig. Die zarte Pflanze Euphorie droht zu verblühen, ehe sie je in voller Pracht gestrahlt hat. Und ausgerechnet jetzt kommt Hoffenheim…


Ausgerechnet? Ja, genau! Was eignet sich denn besser zu einer Trendwende als ein Spiel, das zu 100 Prozent der Mentalität des FCK entspricht, in dem niemand mit den Roten Teufeln rechnet, sie nichts zu verlieren haben? Dem nicht genug, ist der Gegner ja nicht irgendein x-beliebiger Bundesligist. Es ist die TSG 1899 Hoffenheim. Richtig. Da war doch was.


Relegation 2013. Der vielleicht letzte, richtige emotionale Ausnahmezustand auf dem Betzenberg. Der Tag, an dem noch 30 Minuten nach Abpfiff des verlorenen Rückspiels die Fans im weiten Rund mit dem besten „Olé Rot Weiß…“ ihrer Geschichte ganz Fußballdeutschland eine Gänsehaut verursachten. Ein Spiel, vor allem aber ein Gefühl, das wahrscheinlich niemand vergessen wird, der damals dabei gewesen ist.


Und diese TSG kommt jetzt also wieder. Einen besseren Zeitpunkt bei unseren Spielern und Funktionären Emotionen zu wecken, die dem FCK gegen Halle so gefehlt haben, könnte es gar nicht geben. Klar scheint Hoffenheim hoffnungslos überlegen, mit all ihren Möglichkeiten, ihrem Laptop Trainer Julian Nagelsmann, der gegen Preußen Münster schon einmal, gekleidet im knallbunten Blümchenhemd, den Betze inspiziert hat.


Und trotzdem: Die Floskel „Der Pokal hat seine eigenen Gesetze“ ist eben doch mehr als das. Sie ist Teil unserer Realität und unserer Geschichte. Ein Blick zurück untermauert dies. In unserer letzten Aufstiegssaison 2009 trafen wir damals auch früh in der Saison auf das von Jupp Heynckes trainierte, übermächtig scheinende Bayer Leverkusen, das damals ungeschlagen Tabellenzweiter der Fußballbundesliga war. Mit einer couragierten Energieleistung und einer erstklassigen Betze-Atmosphäre gewannen wir jedoch am Ende mit 2:1 und ebneten den Weg für eine aufstiegsreife Saison. Und nebenbei bemerkt siegten wir zudem ein paar Tage später auch im Ligaspiel mit 2:0. Gegner damals wie 2018, der Karlsruher SC.


Ja, wir sind heute kein ambitionierter Zweitligist mehr, aber wir sind der 1.FC Kaiserslautern. Wenn sich die Mannschaft ihrer Tugenden besinnt, alles tut um wieder in die Spur zu kommen, dann ist auch in diesen Spielen etwas möglich. Wir alle brauchen Erfolgserlebnisse. Mannschaft, Trainer und wir Fans. Erfolgserlebnisse, die der Pflanze Euphorie neues Wasser geben könnten. Wasser, das sie so dringend braucht!


Denn alles ist vergänglich, und deshalb leidvoll …

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