Trendwende oder freier Fall?

Es sind wahrlich schwere Zeiten, die die Anhänger des 1. FC Kaiserslautern wieder einmal durchleben müssen. „Sie sind es gewohnt“, werden die einen sagen, doch „wie viel Schmerz erträgt die fußballerische Liebe“, werden die anderen fragen.


Schenkt man den Worten von Martin Bader und Michael Frontzeck Glauben, dann war das Remis gegen Karlsruhe ein Schritt in die richtige Richtung. Doch der Fairness halber sollte man hinzufügen, dass es ein Schritt nach vorne gewesen sein könnte, wenn beim Auswärtsspiel in Zwickau direkt der nächste Schritt hinterher gesetzt wird. Fünf Punkte nach fünf Spielen, drei magere Tore, kaum Offensivaktionen und der Blick Richtung Tabellenkeller - so sieht die Realität der Roten Teufel in Liga 3 Ende August aus.


Viel Lärm um nichts?


Welch lang vermissten Symbiosen erlebten die Pfälzer während der Sommervorbereitung? Viele kleine und vor allem bedeutsame Euphoriewellen folgten wie ein perfekter Surfswell an der französischen Atlantikküste aufeinander. Die Pressemeldungen überschlugen sich vor lauter Glückseligkeit, der FCK wurde als Topfavorit auf den Aufstieg gehandelt. Spieler, Trainer und Fans blickten gemeinsam aufgeregt und voller Vorfreude Richtung Saisonbeginn.


Doch wie klingen die Schlagzeilen dieser Tage? „Der 1. FC Kaiserslautern im freien Fall“ titelt der Tagesspiegel und beschreibt damit auch die drohende Wirklichkeit eines Stammgastes Liga 3. NTV geht sogar einen Schritt und spricht davon, dass der „1. FCK sogar zu kollabieren droht“. Und nicht zuletzt veröffentlichte der Kicker mit seinem Artikel „Fahrtrichtung Sackgasse“ eine sachliche und zugleich schonungslose Analyse, die vor allem bedingt durch die fehlende taktische Variabilität die Defizite in der Pfälzer Offensive hervorhebt.

Die Stimmung auf den Rängen kippt allmählich

Während die Mannschaft nach der Niederlage in Halle aus der Gästekurve heraus noch lautstark angefeuert wurde und ihr die Unterstützung von den Rängen sicher schien, spürte man nach dem Debakel im DFB-Pokal bereits eine erste Resignation, oder anders gesagt: Es herrschte Stille auf den Rängen. Nach dem 0:0 im Südwestderby schien die Akzeptanzgrenze jedoch überschritten worden zu sein. Auf dem Weg in die Westkurve erntete die Mannschaft lautstarke Pfiffe und erste Beschimpfungen. Sie blieben alle stehen, die Verunsicherung war zu spüren, nach nur wenigen Sekunden machte das Team von Michael Frontzeck kehrt Richtung Stadionkatakomben. Nach den Pfiffen folgte leichter Applaus. Es herrscht wieder diese große Diskrepanz mit ihrer starken Aussagekraft: Pfeifen oder Anfeuern? Jubeln oder resignieren? Sich mit Applaus für den Einsatz bedanken oder die vielen Unzulänglichkeiten mit Pfiffen quittieren?

Frontzeck trainiert unter Ausschluss der Öffentlichkeit

In Vorbereitung auf die Auswärtspartie in Zwickau versucht Cheftrainer Michael Frontzeck nun alle Register zu ziehen und lässt seine Mannschaft unter Ausschluss der Öffentlichkeit trainieren. „Es ist alles sehr gläsern geworden im Fußball. Jeder weiß über den anderen Bescheid. Als Trainer, Mannschaft und Klub sollte man sich da ein Stück weit zurücknehmen und versuchen, das unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu machen“, begründet Frontzeck seine Entscheidung. Frontzeck weiter: „Der Gegner muss nicht wissen, was auf ihn zukommt“.


Was nach einer Überraschung in der taktischen Ausgestaltung klingt, könnte sich am Sonntag schnell als kleiner Gau herauskristallisieren. Schließlich war es Frontzeck selbst, der in den letzten Tagen immer wieder betonte „von seiner Linie nicht abrücken wollen“. Er richtete gar auf zynische Art und Weise die Frage an die Pressevertreter, „ob es denn die Taktik sei, die Spiele gewinnen würde“. Nach den bisherigen sechs Spielen erhärtet sich die Befürchtung, dass Frontzecks defensiv eingestellte 4-4-2 Grundordnung mit Doppel-6 sein einziger Plan zu sein scheint. Eine Strategie, die sich auf die taktischen Vorgaben des Gegners einstellt oder zumindest in der Lage ist auf diese zu reagieren, scheint in Frontzecks Werkzeugkoffer nicht vorzukommen.Weil auch meist dasselbe Personal auf dem Platz steht, ist die Gegneranalyse aus Sicht der FCK-Kontrahenten seit Wochen nicht besonders komplex“, analysiert der Kicker im Besonderen die Niederlagen gegen Münster und Halle.

Ist der Kader überhaupt stark genug?

Mit über 5 Millionen Euro steht dem FCK ein für die 3. Liga hervorragende Budget zur Verfügung, welches auch noch nicht ausgeschöpft ist und Spielräume für zusätzliche Verpflichtungen bietet. Charakter- und kampfstark, die Betze-Tugenden kennen und auf den Platz bringen. Das waren die meist genannten Anforderungen an Neuverpflichtungen vor Beginn dieser neuen Saison. Doch sind es allein diese Werte und Eigenschaften, die ausreichen um erfolgreichen Fußball auf den Platz zu bringen? Bisher sind zahlreiche Neuverpflichtungen und Eigengewächse gar nicht zum Einsatz gekommen, obwohl Sportvorstand Martin Bader und Sportdirektor Boris Notzon die Ausgewogenheit des Kaders immer wieder in den Fokus rückten. Am morgigen Donnerstag schließt dann auch das diesjährige Transferfenster. Auf welchen Positionen gibt es noch Bedarf?


Die Vorgabe der FCK Verantwortlichen vor der Saison war eindeutig. Einen kompakten, aber schlagfertigen Kader wollte man zusammenstellen, eine enge Vernetzung und Durchlässigkeit zur U21 ermöglichen. 21 Feldspieler plus 3 Torhüter, ergänzt von jungen Talenten, damit planten Martin Bader und Boris Notzon. Einzig „unerwartete Leistungseinbrüche oder unvorhergesehene Verletzungen“ könnten Gründe für Transfers bis kurz vor Transferschluss sein.


Selbst der Teil der Fans, der nach wie vor optimistisch in die nächsten Wochen und Monaten schaut, wird nicht bestreiten können, dass der Saisonstart missglückt und das erforderliche Leistungspensum für den Aufstiegskampf nicht abgerufen worden ist. Allerdings gab Martin Bader in der Halbzeit des Derbys gegen Karlsruhe noch zu Protokoll Veränderungen nur vornehmen zu wollen, wenn größere Verletzungen kommen sollten und er den Kader für ausreichend halte „eine gute Rolle zu spielen.“

Festzuhalten ist, dass die überwältigende Mehrheit der FCK Anhänger vor Saisonstart überzeugt bis begeistert von den Neuverpflichtungen war. 16 Neuzugänge und ein kompletter Kaderumbruch standen zu Buche. Insbesondere die „Heimkehr“ von Florian Dick nach 4 Jahren wurde frenetisch gefeiert. Abgesehen von der Kaderbreite muss man feststellen, dass bisher nur wenige Spieler ihr Potential abrufen konnten.


Angefangen auf der Torhüterposition, auf der Jan-Ole Sievers bis jetzt noch nicht die Ruhe ausstrahlt, die eine Mannschaft benötigt um sicher durch die Saison zu kommen. Allerdings zeigte er gegen Karlsruhe eine starke Partie und deutete an, zu was er im Stande ist. Dahinter steht außerdem mit Lennart Grill ein weiteres hoffnungsvolles Talent und mit Wolfgang Hesl ein erfahrener Alter Hase, der die jungen auch unterstützen können sollte.

Tendenz: keine Verstärkung nötig.


In der Abwehr hat sich Kevin Kraus einen Stammplatz erspielt und machte das bis jetzt solide. Daneben spielte, wenn fit, Andre Hainault, allerdings ist bei ihm das Alter und die fehlende Schnelligkeit bisher deutlich zu spüren gewesen. Auch im Zweikampfverhalten, insbesondere gegen Münster wirkte er nicht sicher. Dahinter wartet Özgür Özdemir auf seine Chance, der allerdings in Halle als Hainault Ersatz komplett versagte. Hier bleibt abzuwarten, ob er sich das nötige Format noch erarbeiten kann. Lukas Gottwalt als junges Talent braucht wohl ebenso noch etwas Zeit.


Auf den Außenbahnen spielten bis jetzt ausschließlich Florian Dick und Janek Sternberg. Vor allem letzterer startete fulminant, gekrönt von seinem 1:0 Siegtreffer gegen 1860 München beim Saisonstart. Florian Dick wurde und wird als Identifikationsfigur gefeiert. Jedoch muss man festhalten, dass er in den letzten Jahren weder schneller geworden ist, noch seine Flanken präziser geworden sind. Auch seine Leistungen waren bis jetzt durchweg mäßig. Als Backup steht eigentlich nur der flexibel einsetzbare Dominik Schad zur Verfügung, der noch nicht richtig zum Einsatz kam.

Tendenz: Wenn sich der erste Anzug noch steigert kann es funktionieren, gleichwertiger Ersatz besteht nicht.


Da bisher immer im gleichen System agierend, bekam es der Gegner bis jetzt immer mit einer Lautrer Doppel-6 zu tun. Sie bestand anfänglich aus Gino Fechner, einer der Verbliebenen der letzten Saison. Er enttäuschte bis jetzt spielerisch fast auf ganzer Linie, weswegen er wohl auch gegen Karlsruhe pausierte. Daneben Mads Albaek, gepriesen als einer der besten 3. Liga Spieler überhaupt, konnte er zumindest halbwegs sein Potenzial abrufen, zumindest was Defensivarbeit angeht. Jan Löhmannsröben, das „Kampfschwein“ im Mittelfeld, durfte gegen den KSC erstmals ran, er machte seine Sache durchaus gut, hier kann man durchaus etwas erwarten. Auf der rechten Seite zeigte Christoph Hemlein durchaus gute Ansätze, vor allem sein Einsatz und Kampf stimmte. Doch auch hier ist zu bemängeln, dass nach vorne nicht viel ging, Flanken selten bis gar nicht ankamen. Zu wenig für den Aufstiegskampf. Auf der linken Seite versuchte sich fast immer Hendrick Zuck durchzutanken, was ihm jedoch fast nie gelang. Auch in ihn setzte man als „Rückkehrer“ große Hoffnungen, haufenweise Ballverluste und Fehlpässe dominierten bis jetzt jedoch sein Spiel.


Florian Pick, in Großaspach noch eine erfrischende Einwechslung, versagte in Halle wie die komplette Mannschaft total und muss beweisen, dass er sich durchsetzen kann. Der vielleicht technisch beste FCK Akteur Julius Biada, bis jetzt vorzugsweise im Sturm eingesetzt, deutete zu selten an, wie er das Spiel bereichern könnte. Vielleicht profitiert er von einer Systemrotation.


Tendenz: Eine enorme Steigerung ist nötig, nach vorne versprüht das Mittelfeld wenig bis keine Kreativität, ist nicht in der Lage das Spiel schnell zu machen. Auf den Außen wäre eine Verstärkung ratsam.


Im Sturm gab es bis jetzt wenig Rotation. Meist spielten „Ehrenmann“ Lukas Spalvis und Julius Biada. Natürlich sprechen nur 3 Tore in 5 Spielen hier eine klare Sprache. Das Potential ist da, sollten einmal ausreichend Chancen kreiert und Bälle aus dem Mittelfeld ankommen. Denn als krasse Chancentode entpuppte sich bis jetzt noch kein Spieler. Timmy Thiele, der 300.000 Euro Neuzugang aus Jena konnte bis jetzt noch keine Akzente setzten, ebenso wenig Elias Huth, der fast keine Einsatzzeit hatte. Sollte das Offensivspiel belebt werden, sollte die Sturmabteilung allerdings mehr als ausreichend für Liga 3 bestückt sein.


Tendenz: Sollte Spalvis nicht längerfristig ausfallen, besteht kein Bedarf.


Alles in allem hat die Mannschaft Potenzial, das allein steigt aber nicht auf. Insbesondere der dünne zweite Anzug könnte Sorgen bereiten und noch die ein oder andere Ergänzung gebrauchen.

Vertrauen in Frontzecks Arbeit schwindet

Nach außen hin wirkt es derzeit sehr ruhig in Kaiserslautern. Sportvorstand Martin Bader positionierte sich derweil nach den Rückschlägen der letzten Wochen und stärkte Michael Frontzeck in öffentlichen Aussagen den Rücken. Doch Frontzeck selbst weiß, „dass er und sein Team anfangen müssen, dreifach zu punkten“. Im Fußballgeschäft ist der Trainer bekanntlich das schwächste Glied. Bleibt der sportliche Erfolg aus, wird als allererstes am Trainerstuhl gesägt. Dabei ist man in Kaiserslautern grundsätzlich überzeugt von der neuen Strategie und der Bereitschaft, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen. Es soll ein Neuaufbau stattfinden, mit talentierten Spielern aus der eigenen Kaderschmiede und erfahrenen Dritt- und Zweitligaspielern. Voller Demut zurück zu alter Stärke. „Alternativlos ist der Weg, doch über Personen kann man immer sprechen“ äußerte sich Frontzeck gegenüber dem SWR und verwies dabei auf die üblichen Mechanismen im Profifußball. Doch wie viele Gelegenheiten wird Frontzeck noch erhalten, um die Wende zu schaffen? Denn laut Kicker-Magazin sollen Vertrauen und Rückhalt in die Arbeit von Michael Frontzeck bereits bröckeln.

Heimstarke Zwickauer gegen kriselnde Pfälzer

„Uns wurde ein Punkt geklaut. Das ist bitter für meine Mannschaft, die 95 Minuten lang großartig gekämpft hat", resümierte FSV Trainer Joe Enochs nach der zuletzt verlorenen Auswärtspartie in Jena. In Zwickau herrscht derzeit viel Dampf auf dem Kessel. Nach einer im Vorjahr eher durchwachsenen Saison im unteren Tabellendrittel greift der FSV zu Saisonbeginn deutlich an. Zwei Heimsiege, zwei Remis und zuletzt eben jene sehr unglückliche Niederlage. Dementsprechend mutig gehen die Sachsen in die Partie gegen die Roten Teufel.


Ganz anders die Pfälzer: Vergeblich wartet man in Kaiserslautern auf einen Auswärtsdreier. Die Niederlagenserie von zuletzt drei Pflichtspielniederlagen in Folge wurde im Derby gegen den Karlsruher SC zwar gestoppt, allerdings blieb die erhoffte Trendwende aus. Auf Lautrer Seite droht neben dem langzeitverletzten Dylan Esmel Stürmer Lukas Spalvis mit einer Muskelverletzung auszufallen. Ansonsten kann Michael Frontzeck aus dem Vollen schöpfen, obgleich auch gegen Zwickau weder ein System- noch ein größerer personeller Wechsel zu erwarten ist. Ansonsten darf sich die Mannschaft wieder einmal auf viel Unterstützung von den Rängen freuen, denn schließlich begleiten auch diesmal mehr als 1.000 Schlachtenbummler die Roten Teufel mit in den Osten Deutschlands.


Die einzigen Aufeinandertreffen beider Mannschaften gab es in der Saison 1996/1997. Damals konnte Zwickau sein Heimspiel mit 2:1 für sich entscheiden, das Spiel auf dem Betzenberg gewannen die Lautrer allerdings klar mit 4:1. Ein Ergebnis, mit dem am Sonntag wohl alle Betze-Anhänger gut leben könnten und mit dem die dringend benötigte Trendwende gelingen könnte.