Kaderanalyse: "No Picki, no Party!" in der Offensive

59 Tore erzielten die Roten Teufel in der abgelaufenen Spielzeit. Damit belegten die Lautrer "nur" den zehnten Tabellenrang. Das Besondere an dieser Statistik ist jedoch, dass das Sturmtrio Pick, Kühlwetter und Thiele für 37 der insgesamt 59 erzielten Tore verantwortlich war. Damit gehörte die FCK-Offensive neben Viktoria Köln und dem MSV Duisburg zur Ligaspitze.


Im gestrigen ersten Teil unserer Kaderanalyse blickte Wolfram Wuttke bereits auf die Defensivreihen. Im heutigen zweiten Teil dreht sich die Analyse um das offensive Mittelfeld und die torhungrige Sturmreihe. Zum Abschluss lässt es sich unser Redaktionsmitglied nicht nehmen, drei Gründe zu benennen, warum der FCK in der kommenden Spielzeit deutlich stärker sein wird.

Mittelfeld: Wird ab jetzt auch Fußball „gespielt“?

Manfred Starke: Ballsicher und immer anspielbar, so präsentierte sich Namibias Nationalsspieler in seinen ersten Auftritten für den FCK. Den - absolut unhaltbaren - Elfmeter im Pokal gegen Mainz nicht zu vergessen. Anschließend machte sich die fehlende Sommerpause, die Starke durch Namibias Teilnahme am Afrika-Cup nicht vergönnt war, immer mehr bemerkbar. Er baute von Spiel zu Spiel körperlich ab. Leider bot der ehemalige Rostocker sowohl nach der Winter- als auch nach der Coronapause weiterhin zumeist unerklärlich schwache Leistungen. Alles in allem blieb er deutlich hinter den Erwartungen zurück. Ein Starke in Topform hingegen könnte im offensiven Mittelfeld als Ballverteiler fungieren. Die Defensivqualitäten für die Sechser-Position ließ der 29-jährige bisher vermissen.


Hendrick Zuck: Unter Sascha Hildmann war der Saarländer noch ein lethargischer Außenbahnspieler ohne jeglichen Esprit. Als Boris Schommers das Traineramt übernahm, überraschte Zuck plötzlich als ballsicherer Passgeber in der Zentrale. Ein Torjäger wird er in diesem Leben wohl nicht mehr und seine mangelnde Schnelligkeit gepaart mit Defensivschwächen machen die Vorstellung, ihn kommende Saison regelmäßig in der Startelf zu sehen, eher unwahrscheinlich. Der Püttlinger kann halt nur „offensiv“ und die Konkurrenz mit Cifci, Bakhat, Sickinger, Skarlatidis, Starke und Morabet ist hier einfach laufstärker und vielseitiger.


Mohamed Morabet: Morabet ist der dritte Nachwuchsspieler aus dem Lauterer Oberligateam, der sich am Saisonende bei den Profis empfehlen konnte. Im Gegensatz zum etwas vielseitigeren Bakhat liegen die Fähigkeiten des flinken Frankfurters rein in der Offensive, wo er sich nicht nur mit zwei Toren bei den Profis, sondern auch in der zweiten Mannschaft mit 11 Treffern in 14 Spielen als sehr treffsicher präsentierte. Es mag erstmal überzogen klingen, aber Morabet ist „schon“ 22 Jahre alt und hätte den Sprung ins Profiteam eigentlich bereits deutlich früher schaffen müssen. Woran genau es bisher gehapert hat, ist schwer zu sagen, aber die Entscheidung des Vereins die zweite Mannschaft nun enger mit den Profis zu verzahnen ist nicht nur richtig, sondern seit Jahren überfällig.


Simon Skarlatidis: Der Würzburger Neuzugang verpasste verletzungsbedingt die ersten vier und die letzten elf Spiele. In der Zeit dazwischen reichte es ebenfalls nicht zu einem Stammplatz. Genauso wie Manni Starke könnte der dribbelstarke und torgefährliche Waiblinger nach einer absolut enttäuschenden Saison für die neue Spielzeit ein wichtiger Mann werden. Ebenfalls wie bei Starke könnte es aber auch zu einer Trennung kommen.


Antonio Jonjic: Der 20-jährige ist mit einem unfassbaren Antritt gesegnet, körperlich robust und spielstark. Die Saison 2019-20 hätte eigentlich seine werden sollen. Eigentlich. Aber die mitunter unorthodoxen Laufwege, mangelnde taktische Disziplin sowie überoptimistische 1-gegen-1 Situationen verhinderten, dass der Rechtsaußen sich bei Ex-Trainer Sascha Hildmann durchsetzte. Auch Boris Schommers verlor irgendwann die Geduld und sortierte ihn gemeinsam mit Janek Sternberg und Christoph Hemlein aus. Von Schommers Seiten wurde zwar mehrfach betont, die Tür sei für Jonjic noch nicht zu. Andererseits stand er auch in der Rückrunde nicht ein einziges Mal im Kader. Aktuell sieht es nicht danach aus, dass im Profibereich mit dem Ludwigshafener geplant wird. Ausschließlich für die Oberliga sollte er jedoch zu teuer sein.


Fazit: Ciftci, Bachmann und Sickinger könnten in der nächsten Saison das Korsett des Lauterer Mittelfeldes bilden, sowohl spielerisch als auch von der Mentalität her. Allerdings wären auch die „Herausforderer“ Starke, Skarlatidis und Bakhat bei voller Leistungsfähigkeit heiße Stammelfkandidaten. Nicht zu vergessen Zuck und Morabet. Von diesem spielstarken Mittelfeld könnte man für die nächste Spielzeit tatsächlich auch ansehnlichen Fußball erwarten, statt wie bisher, fast ausschließlich auf Konter oder Einzelaktionen von Florian Pick zu bauen.

Angriff: Treffsichere Offensive - Mehr Flexibilität mit Rückkehrer Huth

Timmy Thiele: Der gebürtige Berliner ist sehr robust, aber kein kopfballstarker Strafraumstürmer. Erst recht ist Thiele kein Knipser, sondern ein Konterstürmer, der mit dem Ball am Fuß einen unglaublichen Antritt hat. Eigentlich hatte man in seinem zweiten Jahr auf dem Betzenberg den Durchbruch von „TT9“ erwartet. Seine Quote mit 10 Toren und 4 Vorlagen in der Liga (plus je 2 Tore und Vorlagen im Pokal) ist einigermaßen ok, aber ein wenig enttäuschend war seine Saison trotzdem. Zuviele 100-prozentige Torchancen ließ er in seinen 33 Einsätzen liegen. Zuletzt schien Boris Schommers ihm auch den einen oder anderen Denkzettel zu verpassen, was sich u.a. mit sinkenden Einsatzzeiten für den Berliner äußerte. Thiele kam im Sommer 2018 als Königstransfer und dürfte ein vergleichsweise hohes Gehalt beziehen. Möglich, dass sich die Wege nach dieser Saison trennen. Wahrscheinlich hängt dies allerdings auch vom Verbleib seines Sturmkollegen Christian Kühlwetter ab.


Christian Kühlwetter: Schnell mit dem Ball am Fuß, kein Strafraum-, sondern ein Konterstürmer. Das klingt sehr nach? Richtig. Kühlwetter und Thiele sind sich nämlich vom Spielertyp her grundsätzlich ziemlich ähnlich. Kühlwetter ist kaltschnäuziger vor dem Tor, hat aber dafür technische Defizite und steigt für Kopfbälle normalerweise gar nicht erst richtig hoch. In seiner zweiten Profisaison ist er jedoch mit 14 Treffern und 9 Vorlagen (plus zwei Tore im Pokal) der treffsicherste Lauterer Torschütze. Ein klassischer Stürmer ist er dennoch nicht, dafür bleibt er gegen tiefstehende Gegner einfach zu harmlos, benötigt zuviel Raum und hat Schwächen bei der Ballannahme und -verarbeitung.


Da Thiele und Kühlwetter beide weder „Wandspieler“ noch Knipser sind, sollte man einen von beiden abgeben. Bei Trainer Schommers - er bezeichnete den gebürtigen Bonner des öfteren als „Mentalitätsmonster“ - scheint Kühli hoch im Kurs zu stehen. Andererseits wäre Kühlwetter einer der wenigen Spieler, die eine akzeptable Ablösesumme einbringen könnten. Der 1. FC Heidenheim war vor längerer Zeit bereits an ihm interessiert.


Florian Pick: No Picki, no Party! An fast allen FCK-Toren war der dribbelstarke Offensiv-Freestyler beteiligt und zudem der überragende Offensivspieler bei den Roten Teufeln. Als er zwischen Winter-und Coronapause sein persönliches Leistungstief durchlief, gewann das Team kein einziges Spiel mehr. Gegenüber der vorletzten Saison hat er einen unglaublichen Leistungssprung gemacht. Es gibt keine Zweifel, dass der Wittlicher sich auch in der 2. Liga durchsetzen könnte und dies auch vorhat. Die Verhandlungen mit Heidenheim laufen. Sollten sich beide Vereine allerdings nicht einigen, könnte Pick im schlimmsten Fall zum 1. Dezember kündigen und den Verein damit ablösefrei verlassen. Mit der Verpflichtung des Meppeners Marius Kleinsorge könnte bereits ein Ersatz für den Eifeler gefunden sein.


Lucas Röser: Laut damaligem Vorstand Martin Bader konnte der Transfer des Ludwigshafeners "auch dank der Unterstützung von Flavio Becca realisiert werden". Es hat dann rund 15 Einsätze des „Phantoms“ benötigt, um ihn zumindest rudimentär als Spielertyp beschreiben zu können: Röser ist grundsätzlich ein beweglicher Stürmer mit guter Technik und (mitunter) hohem Tempo. Was dem ehemaligen Dresdner leider völlig zu fehlen scheint sind Biss und Kampfgeist. Zu oft bricht er den Sprint ab, nimmt am Ball das Tempo heraus oder bleibt einfach vorne stehen. Oder er spielt schlichtweg dermaßen unauffällig, dass er lediglich namentlich in der Mannschaftsaufstellung auftaucht. Trotz guter Ansätze in den letzten Wochen bleibt das Gastspiel Rösers bei den Roten Teufeln wie so vieles bei den Herren Bader und Becca, ein großes Mißverständnis. Aus der zweiten Liga kommend sollte der Mittelstürmer ein Top-Verdiener im Team sein, was ebenfalls gegen eine Weiterbeschäftigung spricht.


Andri Runar Bjarnason: Woran ließ sich erkennen, dass die Saison nach der Coronapause weiterging? Richtig: Bjarnason war „rechtzeitig“ wieder verletzt. Irgendwie hat sich der arme Kerl von einer Verletzung in die nächste geschleppt, sodass er sich kaum auf dem Platz zeigen konnte. Der Isländer scheint ein Stürmer zu sein, der vorne die Bälle festmachen und verteilen kann, aber trotz seiner 1,93 ist auch er wie alle seiner Offensivkollegen kein überdurchschnittlicher Kopfballspieler. Viele Gründe ihn zu halten konnte er bisher nicht liefern. Der Vertrag des Mittelstürmers läuft noch bis Sommer 2021, ist jedoch - wie alle Spielerverträge durch die Insolvenz - zum 01. Dezember 2020 beidseitig kündbar.


„Neuzugang“ Elias Huth: Trotz eines Mittelfußbruchs direkt nach der Winterpause erzielte die Lauterer Leihgabe 14 Tore und 4 Assists in 31 Ligaspielen für den FSV Zwickau. Damit hatte Huth einen beachtlichen großen Anteil am Klassenerhalt des FSV. Als kopfballstarker Strafraumstürmer ist der 23-jährige genau der Angreifertyp, der dem FCK in der abgelaufenen Saison fehlte. Nach Florian Pick (seinerzeit an Magdeburg verliehen) kann er der nächste Spieler sein, der nach einer Leihe als Leistungsträger zum Betzenberg zurückkehrt.


Neuzugang Marius Kleinsorge: Auf sechs Tore und sieben Vorlagen brachte es die Lauterer Neuverpflichtung für seinen Ex-Verein, den SV Meppen, in der abgelaufenen Saison. Der 24-jährige Rechtsaußen ist ein laufstarker und wuseliger Spieler, der im Vergleich zu Florian Pick ein wenig mehr über die Dynamik kommt, dafür technisch nicht ganz so beschlagen wie sein „Vorgänger“ ist.


Fazit: Nicht nur durch den zu erwartenden Abgang Florian Picks wird sich das Spiel der Lauterer Offensive grundlegend ändern: Mit Elias Huth hat der FCK endlich einen echten Mittelstürmer, den man mit hohen Flanken und Standards füttern kann. Kleinsorge, Thiele, Kühlwetter und Morabet kommen in einem 4-3-3 sowohl als Außenstürmer als auch als zweiter Angreifer neben Huth oder dem ausschließlich zentral einsetzbaren Bjarnason, z.B. in einem 4-4-2-System in Frage. Durch das mittlerweile große Angebot an spielstarken Mittelfeldakteuren und den nicht gerade universell einsetzbaren Stürmern könnte Trainer Schommers neue Systeme spielen lassen. Entweder mit zwei Stürmern plus hängender Spitze (z.B. Starke, Skarlatidis oder Morabet) oder einer Dreierreihe hinter Huth. Sollten mehr als zwei Stürmer abgegeben werden, müsste auch im Angriff noch einmal personell nachgelegt werden. Grundsätzlich muss jedoch jeder Offensivspieler mehr Verantwortung übernehmen, als dies in der letzten Saison der Fall war.

Drei Gründe, warum der FCK in der kommenden Saison stärker sein wird

  1. Neuzugänge: Kaderplaner Boris Notzon scheint die richtigen Lehren aus den Fehlern der letzten Transferperioden gezogen zu haben: Alle Neuzugänge haben Drittligaerfahrung und waren Leistungsträger in ihren alten Clubs. Mit Alexander Winkler wurde endlich ein echter Führungsspieler verpflichtet. Und mit Elias Huth kehrt nun auch einen kopfballstarker Offensivmann zurück. Neuzugang Kleinsorge könnte Pick ersetzen. Die potentielle Verpflichtung von Sebastian Mai wäre ein weiterer Kracher.
  2. Entwicklungspotential: Das Gros der Spieler ist jünger als 25 Jahre, also noch in einem entwicklungsfähigen Alter. Die Chance, in der nächsten Saison einen weiteren Schritt nach vorne zu machen ist auf jeden Fall bei jedem einzelnen der „U25-Kicker“ als „sehr hoch“ einzuschätzen. Die sportlichen Enttäuschungen der letzten Saison wie Skarlatidis oder Starke haben ebenfalls ihr Können noch nicht annähernd gezeigt. Gerade die „Alten“, also die Spieler über 25 Jahre müssen in der neuen Saison endlich mehr Verantwortung übernehmen, statt sich wie zuletzt auf jüngere Spieler (Pick, Schad und Sickinger) zu verlassen.
  3. Trainer: Zum ersten Mal seit einer gefühlten Ewigkeit geht der Verein mit einem Trainer in die Saison, der weder „angeschossen“ noch völlig neu im Verein ist. Als Boris Schommers im September 2019 zum Betzenberg kam, musste er mit dem Spielermaterial Vorlieb nehmen, welches da war. Anschließend sortierte er Spieler aus, holte seinen ehemaligen Jugendspieler Hikmet Ciftci zum FCK und zog Nachwuchskicker aus dem Oberligateam hoch. Mit den Neuzugängen läuft ab der kommenden Saison nun so etwas wie „seine“ Mannschaft auf.

Quelle: Treffpunkt Betze