Aufwärtstrend dank Teambuilding „Barackler Art“

Das Derby gegen Mannheim brachte dem FCK den sportlichen Turnaround
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Spätestens mit den Unterschriften von Felix Götze und Jean Zimmer kurz vor Saisonbeginn stand selbst für skeptische Lautern-Fans fest: Diesmal klappt es mit dem Wiederaufstieg in die 2. Liga. Zudem gingen die Roten Teufel erstmals seit Ewigkeiten mit einem Coach in die Saison, der nicht „angeschossen“ war, sondern im FCK-Umfeld höchstes Ansehen genießen durfte. Die Mannschaft von heute ist größtenteils dieselbe, die noch in der vergangenen Saison eindrucksvoll den Klassenerhalt schaffte. Und sie wird sogar noch ergänzt um den Drittliga-Topspieler Mike Wunderlich. Was soll hier eigentlich noch schiefgehen?

Zu viele Parallelen zur vergangenen Spielzeit

Trotz hoher Erwartungen wurde der Saisonstart jedoch wieder einmal verpatzt. Gegen starke Gegner wie Braunschweig und Mönchengladbach präsentierte sich der FCK sehr ordentlich - fuhr aber keine Siege ein. Für Aufsteiger aus der Regionalliga fungieren die Roten Teufel weiterhin als zuverlässiger Punktelieferant (wie die 0:4 Niederlage gegen Viktoria Berlin eindrucksvoll bewies), gegen mittelmäßige Gegner wie Zwickau und Halle wurden - wie so oft - unnötig Punkte verschenkt. Aufgrund des „großen Erfolges“ wird selbst das Trauerspiel der Vorsaison in Meppen auch in diesem Jahr an gleicher Stelle aufgeführt. Und den traditionellen „vorläufigen Tiefpunkt“ gab es auch dieses Mal mit einer Niederlage in Magdeburg. Alles wie letzte Saison.


Nach sieben Partien standen die Roten Teufel dann mit enttäuschenden fünf Punkten und 4:8 Toren auf dem 15. Tabellenrang. Da stellt sich die Frage, wie es eigentlich sein kann, dass ein Verein seit nunmehr einer Dekade Jahr für Jahr immer wieder die selben Probleme aufweist, obwohl das Personal alle zwei Jahre komplett ausgetauscht wird? Zumal das aktuell vorhandene Personal absolut vielversprechend ist. Es fällt einem einfach keine Erklärung mehr ein.

Blau-schwarzes Teambuilding - der FCK sagt „Dankeschön“!

Die Stimmung im FCK-Umfeld war Anfang September verständlicherweise komplett am Boden. Trainer Marco Antwerpen stand bei den Investoren der Saar-Pfalz-Invest GmbH (SPI) weit weniger hoch im Kurs als bei den Fans. Seine Entlassung galt bereits als sicher. Damit nicht genug. Der nächste Gegner wollte nicht nur zum Betzenberg anreisen, um drei Punkte zu entführen, sondern um einen Rivalen zu demütigen. Spätestens nach 41 gespielten Minuten, in denen außer Fußball spielen so ziemlich alles passiert war, deuteten alle Zeichen auf einen historischen Sieg der „Barackler“ hin.


Dem Schiedsrichter entglitt das Spiel vollkommen. Er ließ sich von Mannheimer Offiziellen und Spielern merklich beeinflussen und dezimierte die Roten Teufel mit zwei Platzverweisen. Anschließend geschah, was wohl niemand erwartete. Die Männer in Rot präsentierten sich als absolute Einheit. Mit Disziplin, Organisation und heroischem Kampf gelang es neun Lautrern geradezu sensationell rund 60 Minuten lang gegen elf Waldhöfer das Tor sauber zu halten. Wer im Anschluss immer noch Zweifel hegte, ob der Trainer der Richtige sei und die Spieler noch erreicht, hatte das Spiel nicht gesehen.


Ob Feng-Shui, River-Rafting oder gemeinsames „Floß-Bauen“: Ein effektiveres Team-Building als dieses Derby hat noch keine Lautrer Mannschaft jemals absolviert. Der Tiefpunkt war nun überwunden, der FCK fand zurück in die Spur. Ein großes Dankeschön gilt dem Mannheimer Motivationstrainer Jochen Kientz aka Joe Ibiza (nicht zu verwechseln mit Joe Exotic) - nebenher sportlicher Leiter beim SVW, und seinem sympathischen Team in blau-schwarz. Wir vergeben fünf Sterne und werden sie weiterempfehlen.

Die Rückkehr zur Fünferkette

In den ersten sieben Saisonspielen lief der FCK mit einer Vierer-Abwehrkette auf. Als „Aufbauspieler“ ließ sich hier stets ein Sechser in die Abwehrreihe fallen, um die Bälle von dort aus zu verteilen. Das fatale daran: Ob Marlon Ritter, Felix Götze oder Hikmet Ciftci - jeder einzelne brachte auf dieser Position eine ordentliche Leistung, um wenig später verletzt auszufallen. Gegen den SV Waldhof liefen die Roten Teufel erstmals in der Erfolgsformation der vergangenen Saison - der Fünferkette, auf. Die Defensivformation bestand aus drei klassischen Innenverteidigern und zwei „Schienenspielern“ auf der Außenbahn, welche sich bei Lauterer Ballbesitz nach vorne orientieren und eine Dreierkette zurücklassen. Zwar ist die taktische Formation im Derby wegen der Platzverweise bereits nach 20 Minuten passé, doch entwickelt sie sich fortan zur Erfolgsformel.


Die nachfolgenden Gegner Verl, Osnabrück und Havelse vermögen es kaum sich Torchancen zu erspielen, geschweige denn ein Tor zu erzielen. Weitere Auswirkungen der Fünferkette: Aus der Tiefe des Raums kommend agieren Hendrick Zuck und Philipp Hercher fortan offensiv nun deutlich effektiver. In den Spielen vor dem Derby liefen beide ihrer Form noch hinterher. Die drei Innenverteidiger Boris Tomiak, Kevin Kraus und Alexander Winkler garantieren die absolute Lufthoheit in der Defensive und tragen dazu bei, dass auch die offensiven Standards der Roten Teufel endlich wieder gefährlich sind. Kevin Kraus, erst seit dem siebten Spieltag in der Startelf, scheint im neuen Defensivverbund besonders aufzublühen. Zudem steht er bei eigenen Standards immer wieder im Mittelpunkt, wo er entweder am kurzen Pfosten per Kopf verlängert oder in der Mitte als Abnehmer gesucht wird. Vor allem aber sticht Neuzugang Boris Tomiak in seiner ersten Drittligasaison bislang mit Zweikampfstärke und abgeklärtem Spiel als konstantester Defensivakteur heraus.

Im Sturm wird improvisiert

Grundsätzlich wird in der Offensive ein Spieler wie Marvin Pourié, der Bälle behaupten und „nebenbei“ auch selbst Treffer erzielen kann, vermisst. Zu Saisonbeginn probierte Marco Antwerpen noch unterschiedliche Optionen aus. Doch weder Kiprit, Hanslik oder Huth vermochten als alleinige Spitze zu überzeugen. Erst in den letzten Wochen teilen sich der lauf- und spielstarke Daniel Hanslik sowie der „unkaputtbare“ René Klingenburg die Rolle in forderster Front. Muhammed Kiprit kommt zumeist von der Bank. Aktuell haben alle drei Angreifer zwei Saisontreffer auf dem Konto.


Dahinter wird es deutlich dünner. Kenny-Prince Redondo wird dank seiner Schnelligkeit teilweise als eine Art Konterstürmer eingesetzt, kann aber bislang noch nicht komplett überzeugen. Simon Stehle scheint ohnehin nicht Antwerpens Wunschspieler zu sein und Elias Huth bekommt vom Trainerteam überhaupt keine Einsatzzeiten mehr. "Zocker" sollten in ihrem Wettbüro schon einmal die Quote für einen Huth-Wechsel nach Zwickau in der Winterpause erfragen.

Die Überraschungen der Saison

Zu Saisonbeginn traf Marco Antwerpen die mutige Entscheidung, dem bisherigen Ersatztorhüter Matheo Raab das Vertrauen als neue Nummer 1 zu schenken. Das überraschte die meisten - einschließlich den Torwart selbst. Schließlich hatte dessen Vorgänger Avdo Spahic bisher keinesfalls enttäuscht. Raab nutzte seine Chance quasi von der ersten Minute an. Die ruhige Art, mit der sich der 22-jährige Keeper präsentiert, ist wirklich beeindruckend: Tolle Reflexe, starke Strafraumbeherrschung und absolute Ruhe mit dem Ball am Fuß. Gerade die Strafraumbeherrschung ist es, die ihn von seinem Vorgänger abhebt. Gemeinsam mit den drei Innenverteidigern sorgt Raab dafür, dass bei gegnerischen Standards nun kaum noch Gefahr entsteht. Die Leser von Treffpunkt Betze sahen das ähnlich und wählten ihn zum Spieler des Monats August.


Noch vor knapp sechs Monaten spielte Marlon Ritter im Lauterer Kader eigentlich keine Rolle mehr und erhielt maximal Kurzeinsätze. In dieser Saison ist er kaum noch wiederzuerkennen: Fit wie nie, ballsicher, spielfreudig, laufstark und sogar effektiv in der Defensive. Marco Antwerpen schaffte es tatsächlich, die Fähigkeiten des ehemaligen Paderborners herauszukitzeln. Ein Unterfangen, an dem seine beiden Vorgänger noch kläglich scheiterten. Ritter liefert aktuell konstant gute Leistungen ab und lässt hin und wieder gar seine Extraklasse aufblitzen. Seine Ballmitnahme vor dem 1:0 Führungstreffer gegen Havelse könnte in der 3. Liga sicherlich kaum ein Spieler gewollt replizieren. Der anschließende 40-Meter-Sprint und der überlegte Torschuss rundeten die überragende Einzelleistung ab.

Ein Blick auf die Tabelle

Der aktuelle zehnte Tabellenplatz mit nur drei Punkten Vorsprung auf die Abstiegsränge ist trotz der Serie von drei gewonnenen Spielen weiterhin enttäuschend. Drei Punkte Rückstand auf den Relegationsplatz bzw. sechs auf die Tabellenspitze relativieren diese Enttäuschung jedoch ein Stück weit, sind aber allein der Ausgeglichenheit der Liga geschuldet. So hat der Tabellenführer aus Magdeburg bereits drei Niederlagen auf dem Konto und der Liganeuling BvB II ist nicht aufstiegsberechtigt, weshalb aktuell Platz vier zur Relegation reichen würde. Man kann sich demnach leicht ausrechnen, wo der FCK stehen könnte, wäre der Saisonstart auch nur mittelmäßig verlaufen.

Was folgt auf das 6:0?

Gehen die Lautrer in Führung, sind sie momentan kaum in Gefahr zu bringen. Fraglich ist, wie die Mannschaft reagieren wird, wenn sie einmal in Rückstand gerät. In dieser Saison konnten die Roten Teufel bislang noch kein einziges Mal nach einem Rückstand Punkte einfahren. Durch die kleine Serie von zehn Punkten und 10:0 Toren aus den letzten vier Partien sollte das Team mittlerweile genug Selbstvertrauen besitzen, um mit kleinen Rückschlägen umzugehen. Zumal sich das Lazarett (Zimmer, Ciftci, Hippe) nun endlich lichtet und die Sperren (Redondo, Senger) abgesessen sind. Doch gerade die Schlüsselspieler im Mittelfeld wie Jean Zimmer, Felix Götze, Mike Wunderlich und Nicolas Sessa blieben in der Gesamtheit der ersten elf Spieltage hinter den Erwartungen zurück. Zum Großteil ist dies Verletzungen geschuldet. Sollten diese Schlüsselspieler endlich einmal für längere Zeit unverletzt bleiben, schlummert bei ihnen natürlich noch einiges an Potential.


Jetzt ist sie natürlich wieder da, die Euphorie rund um den Betzenberg. Bleibt zu hoffen, dass das Publikum auch die Geduld hat, einmal mit einem 0:0 oder einem Rückstand umzugehen. Es liegt nun an Mannschaft, Trainer und Fans, den 10-jährigen Fluch endlich zu beenden.


Dies gilt zumindest für den Ligabetrieb. Im Verbandspokal scheiterten die Roten Teufel auf eine klägliche Art und Weise am Oberligisten TuS Mechtersheim. In der Konsequenz kann sich der FCK nur noch für die Teilnahme am kommenden DFB-Pokal qualifizieren, wenn es der Mannschaft gelingt, einen der ersten vier Plätze zu erreichen. Gezeigt hat die Partie in Mechtersheim vor allem eines: Der so genannte zweite Anzug sitzt nicht. Ganz und gar nicht. Die Qualität aus der zweiten Reihe kommend ist einfach nicht ausreichend. Das kann und das wird den FCK im Laufe dieser langen Saison noch vor Herausforderungen stellen. Trotzdem soll das Aus im Verbandspokal die neu entfachte Euphorie nicht ausbremsen. Am 16. Oktober geht es schließlich ohne „Doppelbelastung“ weiter - dafür hoffentlich wieder mit allen Leistungsträgern, die den Betze zum nächsten Heimsieg führen.


Quelle: Treffpunkt Betze