Ruben Jenssen: „Es tut weh, den FCK so zu sehen!“

Früher. Ja früher hatte der 1. FC Kaiserslautern viele Helden und Idole. Von Fritz Walter über Ronnie Hellström bis hin zu Miroslav Klose. Doch seit es mit dem FCK stetig bergab geht, sind am Betzenberg auch die Identifikationsfiguren selten geworden. Einer, der immer alles für den FCK gegeben hat ist Ruben Jenssen. Von 2013 bis 2016 spielte er mit dem Verein noch um den Aufstieg in die Bundesliga. 2018 kehrte er in die Pfalz zurück, um das Horrorszenario Abstieg doch noch zu verhindern. Vergeblich. Bei den Fans genießt er trotzdem Kultstatus. Treffpunkt Betze traf den 31-Jährigen zum Gespräch. Dabei wurde schnell klar: Im Norweger fließt Pfälzer Blut!


Treffpunkt Betze: Du bist nach deinem Abschied aus der Pfalz zum SK Brann gewechselt. Wie ergeht es dir dort zurzeit, hast du dich gut eingelebt?


Ruben Jenssen: Es geht mir und meiner Familie gut. Wir sind zurück in unserer Heimat in Norwegen, von daher mussten wir uns nicht großartig einleben. Es ist hier ein bisschen einfacher für meine Kinder und für meine Frau. Wir fühlen uns sehr wohl.


Treffpunkt Betze: Du bist in den Jahren 2013 bis 2016 und 2018 insgesamt 95 Mal für den 1. FC Kaiserslautern aufgelaufen. Welche Bedeutung hat der FCK für dich heute?


Ruben Jenssen: Eine sehr große! Der FCK war mein erster Verein im Ausland und bedeutet sehr viel für mich und meine Familie. Leonard ist im Westpfalz-Klinikum Kaiserslautern geboren und ist sozusagen ein kleiner Pfälzer (lacht). Ich habe in Kaiserslautern sehr viele nette Menschen kennengelernt, sehr viele Emotionen durchlebt und große Spiele spielen dürfen. Es war nicht immer leicht für mich. Aber wenn ich mich zurückerinnere, dann war es in Lautern unter dem Strich eine tolle Zeit.


Treffpunkt Betze: Wie intensiv verfolgst du den FCK derzeit noch? Hast du die turbulenten letzten Wochen des Vereins mitbekommen?


Ruben Jenssen: Sofern es zeitlich möglich ist, versuche ich so viel es geht mitzubekommen. Via Twitter, Instagram, Zeitungen und über alte Freunde verfolge ich das Geschehen beim FCK nach wie vor. So habe natürlich auch die turbulenten letzten Wochen und Monate mitbekommen. Das tut schon weh, den FCK so zu sehen.


Treffpunkt Betze: Als du 2018 für ein halbes Jahr zurückgekehrt bist, stand der FCK bereits auf einem Abstiegsplatz. Am Ende der Saison stand der erstmalige Abstieg in Liga drei fest. Wie hast du Zeit rund um den Abstieg erlebt?


Ruben Jenssen: Es tut richtig weh. Als ich im Winter in Kaiserslautern unterschrieben hatte, wusste ich, dass es fast unmöglich ist die Klasse noch zu halten. Aber nach dem Trainingslager im Januar mit Jeff Strasser hatte ich ein sehr gutes Gefühl und wollte es mit der Mannschaft unbedingt schaffen. Ich dachte wirklich, dass wir eine gute Chance haben. Am Ende hatten wir 35 Punkte auf dem Konto. Normalerweise reicht das, um zumindest den Relegationsplatz zu erreichen. Leider war es eine außergewöhnliche Saison und auch die Konkurrenz hat viele Punkte geholt. So mussten wir am Ende absteigen. Das war schlimm.

Mit Frontzeck weiterzuarbeiten war keine Option

Treffpunkt Betze: Nach dem Abstieg bist du zunächst nach Groningen zurückgekehrt. War es keine Option beim FCK zu bleiben und den Abstieg sozusagen wieder auszubügeln?


Ruben Jenssen: Es war einen schwierige Situation für mich und den FCK. Ich hatte bei Groningen einen gültigen Vertrag, der FCK nur eine Kaufoption bei Klassenerhalt. Nach dem Abstieg hätte der Verein für mich keine Ablöse bezahlen können. Gleichzeitig konnte ich mir aber auch nicht vorstellen, mit Trainer Frontzeck weiter zu arbeiten.


Treffpunkt Betze: Was war aus deiner Sicht das Problem mit Michael Frontzeck?


Ruben Jenssen: Das hatte verschiedene Gründe. Wir waren vor allem unterschiedlicher Ansicht darüber, was für ein Fußball am Betzenberg gespielt werden soll. Ich wollte immer offensiven Fußball hier spielen. Da war er anderer Ansicht.


Treffpunkt Betze: In deiner ersten Zeit beim FCK hast du wesentlich schönere Momente erlebt, als es sie derzeit zu sehen gibt. Hast du eine Erklärung dafür, warum es mit dem FCK so schnell bergab gegangen ist in den letzten Jahren?


Ruben Jenssen: Es fällt mir sehr schwer, da eine richtige Analyse zu machen. Ein paar Aspekte fallen mir aber auf. Zum einen hatten wir zu wenig Kontinuität. Man braucht einen Trainer, in den die Spieler Vertrauen haben und das über Jahre wachsen kann. Der Trainer und der Verein müssen eine Philosophie haben, nicht nur für das Training, sondern für den ganzen Verein. Alle im Verein müssen an einem Strang und in die gleiche Richtung ziehen. Daran hat es aus meiner Sicht gefehlt. Das ist aber auch schwierig in großen Traditionsvereinen wie beispielsweise in Hamburg oder eben bei Lautern. Dennoch braucht man diese Kontinuität, vor allem auch im Kader. In meiner Zeit beim FCK habe ich mit mehr als 70 Mitspielern gespielt. Das ist natürlich eine viel zu große Fluktuation. Wir waren trotzdem zweimal nur wenige Punkte vom Aufstieg entfernt. Und es tut mir sehr leid, dass wir das nicht geschafft haben. Dann wäre dem Verein viel erspart geblieben.

Eine Vielzahl von unvergesslichen Momenten mit dem FCK

Treffpunkt Betze: Wenn du an deine Zeit beim FCK denkst, welche Momente sind dir noch besonders in Erinnerung? Welche wirst du nicht vergessen?


Ruben Jenssen: Ich werde viele Momente nie vergessen. Natürlich mein Tor im DFB-Pokal Viertelfinale gegen Leverkusen oder in der Liga in der Nachspielzeit gegen St. Pauli. Auch das Halbfinale gegen Bayern München war besonders. Das waren alles unvergessliche Momente für mich. Aber auch mein erstes Tor auf dem Betzenberg gegen Greuther Fürth war ein besonderes. Ich hatte bis dahin eine sehr schlechte erste Halbzeit abgeliefert. Hätte ich dieses Tor nicht gemacht, wäre ich wahrscheinlich in der Pause ausgewechselt worden. Und dann hätte ich auch nicht gegen Leverkusen oder St. Pauli gespielt. Es kam Gott sei Dank anders (lacht). Das war ein sehr wichtiger Moment in meiner FCK-Karriere.


Ich werde auch nie das Spiel gegen Ingolstadt 2015 vergessen. Wir hätten ja noch aufsteigen können. Ich hatte zwei Monate zuvor meinen Fuß gebrochen und es war mein erstes Spiel. Zu Hause, am letzten Spieltag, und dann mit der Chance mit einem Sieg aufzusteigen. Dann fährt du mit dem Bus hoch auf den Berg, und tausende Fans singen "You'll never walk alone." Unvergesslich!


Treffpunkt Betze: Du sprichst die Fans an. Wie würdest du sie beschreiben?


Ruben Jenssen: Mit zwei Worten. Überragend und Weltklasse. Das siehst du allein daran, dass immer noch 25.000 Leute zu Heimspielen kommen. Und das in der 3. Liga. Unglaublich. Letzte Saison waren es sogar über 40.000 zum Saisonauftakt, oder jetzt auch im Pokal gegen Mainz. Die Westkurve ist immer noch voll. Ich hoffe nur, dass es jetzt endlich aufwärts geht mit Lautern. Ich würde so gerne mal wieder mit meiner Familie den Weg hoch auf den Betzenberg auf mich nehmen. Dann könnte ich meinen Kindern zeigen, was Teil ihrer Identität ist, und was der FCK für ein traditionsreicher Verein ist.


Treffpunkt Betze: 2016 hast du den FCK erstmals verlassen, hattest hier eine intensive Zeit. Wie kam es zu dem Wechsel nach Groningen?


Ruben Jenssen: Das war damals keine leichte Entscheidung für mich. Ich hatte bis dahin fünf verschiedene Trainer bei Lautern erlebt. Und es deutete sich an, dass der nächste Trainerwechsel bevorstand. (Konrad Fünfstück war damals Trainer, Anm. d. Red.). Aber es war eben noch nicht absehbar, wer neuer Trainer wird und wo der Verein hin will. Auch in der Führung des Klubs hat sich in dieser Zeit ja einiges getan. Hätte ich gewusst, dass Tayfun Korkut der neue Trainer wird, hätte ich wahrscheinlich meinen Vertrag verlängert. Meine Frau war damals im siebten Monat schwanger und wir hatten eigentlich viel Stress. Dann kam das Angebot des FC Groningen. Sie hatten mich schon einige Jahre verfolgt und ich habe das Angebot angenommen. Für mich kam es nie in Frage, für einen anderen Verein als den FCK in Deutschland zu spielen.


Treffpunkt Betze: Wenn du schon die Trainer ansprichst: Unter welchem Trainer hast du beim FCK am liebsten gearbeitet?


Ruben Jenssen: Ich hatte ja einige während meiner Zeit in Lautern (lacht). Vielleicht Kosta Runjaic. Unter ihm hatten wir eine gute Mannschaft beieinander und ein gutes Trainer-Team. Zusammen mit Ilia Gruev, Oliver Schäfer und Michael Sulzmann (damaliger Reha-Trainer, Anm. de. Red.) hat es Spaß gemacht zu arbeiten, und wir wären ja auch beinahe in die Bundesliga aufgestiegen.

Daumen hoch für den Hildmann'schen Fußball

Treffpunkt Betze: Die Art und Weise, wie eine FCK-Mannschaft auftreten muss, das ist hier ja immer ein großes Thema. Liefert die aktuelle Mannschaft von Sascha Hildmann schon „Betze-Fußball“, so wie du ihn dir vorstellst?


Ruben Jenssen: Es sieht ganz so aus, ja. Sascha Hildmann lässt die Mannschaft offensiv spielen, sie agiert mit viel Leidenschaft und einem klaren Plan. Es macht auch wieder Spaß zuzusehen. Vor allem konnte gegen Mainz im Pokal mal wieder ein Erfolg gefeiert werden, der den Fans noch lange im Gedächtnis bleiben wird. Mir gefällt das.


Treffpunkt Betze: Könntest du dir vorstellen, noch einmal zum FCK zurückzukehren und wenn ja, in welcher Funktion?


Ruben Jenssen: Das ist eine gute Frage. Ich habe meiner Frau schon versprochen, dass ich nach meiner Karriere erst einmal etwas mehr Zeit für sie habe. Und ich glaube, dass ich jetzt ein bisschen zu alt bin, um noch einmal im Ausland neu anzufangen. Auch für die Familie bedeutet so ein Wechsel ja jedes Mal ein Neuanfang. Das möchte ich ihr eigentlich ersparen. Aber ich komme auf jeden Fall zurück nach Kaiserslautern und ins Fritz-Walter-Stadion. Und meine Gefühle sagen mir, dass es jetzt wieder Berg auf geht mit dem 1. FCK. Ich drücke jedenfalls ganz fest die Daumen für den Klub, und wünsche allen nur das Beste. Ich hoffe, dass wir es schaffen und am Ende des Jahres aufsteigen.


Treffpunkt Betze: Vielen Dank Ruben für das Gespräch. Dir und deiner Familie wünschen wir natürlich auch nur das Beste. Hoffentlich sehen wir euch bald einmal in der Westkurve!


Quelle: Treffpunkt Betze

Bilder: Mit freundlicher Genehmigung von MissNadiaS