Team Merk: Der langersehnte Neubeginn in eine ungewisse Zukunft

Es war ein seltsames Gefühl mit dem ich vergangenen Sonntag nach fast zehn Stunden um kurz nach acht Uhr abends die Treppen des Betzenbergs hinunterstieg. Eigentlich hätte ich vollauf zufrieden und glücklich sein können. Die Menschen, denen ich bei den Nachwahlen zum Aufsichtsrat meine Stimme gegeben hatte, hatten es eins zu eins in das Gremium geschafft. Das Team um Markus Merk, und damit auch Martin Wagner, würden in Zukunft in Aufsichtsrat und Beirat die Geschicke des Vereins überwachen. Und auch deren Vorgänger bekamen in Form von Nichtentlastungen einen heftigen Denkzettel für den Scherbenhaufen, den sie hinterlassen. Denkzettel, die in der langen Vereinshistorie noch nie so deutlich ausgefallen und vielleicht auch noch nie so verdient waren, wie in diesem Jahr.

Emotional aber nicht ausufernd: Der große Knall bleibt aus

Doch ich war nicht glücklich und ausgelassen. Allenfalls erleichtert. Denn was wurde im Vorfeld über diese Jahreshauptversammlung gemutmaßt und spekuliert. Manch einer befürchtete sogar gewalttätige Ausschreitungen, wenn sich das provinzielle Pfälzer Fußvolk seinen Verein zurückholt. So oder so ähnlich lautete manche Ankündigung der diesjährigen Versammlung. Und so war auch das Aufgebot an Security zumindest gefühlt in diesem Jahr höher als gewohnt. Doch der große Knall blieb aus. Gott sei Dank. Über 1.700 Mitglieder diskutierten kritisch, emotional aber meistens im angemessenen Rahmen über Zukunft, Vergangenheit und Ist-Zustand des Fritz Walter Klubs.


Und trotzdem: Meine Gefühlswelt war gespalten. Zu emotional waren die Eindrücke der letzten neun Stunden. Auf eindrückliche Art und Weise wurden – nachdem erfreulicherweise die Nachwahl des Aufsichtsrats in der Tagesordnung vorgezogen wurde – die schäbigen und vereinsschädigenden Vorgänge des letzten Jahres noch einmal vorgetragen. Durch Reden und Berichte der sich noch geschäftsführend im Amt befindenden Vereinsführung und noch viel mehr durch Redebeiträge der schon früher zurückgetretenen Funktionäre. Andy Buck, Michael Littig, Jürgen Kind und Paul Wüst schritten allesamt noch einmal zum Mikrofon.


Naturgemäß versuchte die scheidende Vereinsführung ihre Amtszeit in halbwegs positivem Licht erscheinen zu lassen. Wenn man Martin Bader zum Beispiel so zuhörte, hätte man phasenweise meinen können, die rot-weiße FCK-Welt sei in bester Ordnung. So sei die sportliche Organisationsstruktur des FCK schlank und funktionsfähig. Außerdem habe man jungen Menschen ermöglicht, ihren Traum vom Fußballprofi zu leben. Schön. Doch der eigentliche Auftrag, den FCK in die 2. Liga zurückzuführen, den konnte Bader mit seiner Kaderzusammenstellung und seiner Trainerauswahl stand heute nicht im Ansatz erfüllen.

Banf und Grotepaß fehlt es an Selbstkritik - Becca lässt den FCK zappeln

Natürlich äußerte sich auch der schon zurückgetretene Aufsichtrat beziehungsweise Beirat noch einmal. Insbesondere die Vorgänge um den erzwungenen Rücktritt von Michael Littig wurden abermals neu aufgerollt. So versicherte Patrick Banf beispielsweise: „Flavio Becca wollte vor allem Ruhe im Verein“. Spätestens an dieser Stelle hielt es manches FCK-Mitglied nicht mehr auf dem Sitz. Laute Buh-Rufe und andere Ausdrücke wurden kundgetan. Die vielen Rücktritte und Anschuldigungen an Becca seien Gründe, warum der Luxemburger bis heute noch kein Eigenkapital gezeichnet habe, sagte Banf in seiner Rede. Und: Andere Fußballvereine täten sich noch viel schwerer bei der Suche nach einem Ankerinvestor.


Bei aller Sachlichkeit: Letzteres mag zwar stimmen, aber die Verlautbarungen aus Luxemburg der letzten Tage legen einmal mehr nah: Flavio Becca ging es nie um den FCK. Schon gar nicht hat er ein FCK-Herz. Jetzt wo das Team Merk gewählt und ausdrücklich Becca die Hand gereicht hat, gibt es eigentlich keine Ausreden mehr. Doch ausgerechnet jetzt kontert der Luxemburger mit Aussagen wie: „Einen Blanko-Scheck bekommen die nicht.“ oder „Wir werden ja sehen, ob sie im Juni die Lizenz bekommen.“ Wie sagte Patrick Banf einst bezogen auf die Rücktrittsforderung an Michael Littig: „Wenn der Flavio das so will, dann muss das eben so sein.“ Die Mitglieder des FCK, sie machten am Sonntag deutlich: Muss es beileibe nicht!


Fast noch mehr Zorn als Patrick Banf – und auch das darf als durchaus überraschend bezeichnet werden – lenkte der zurückgetretene Aufsichtsrat Jochen Grotepaß auf sich. Gleich zu Beginn seiner Rede gab er zu Bedenken, die JHV könne juristische Fehler enthalten und sei eventuell anfechtbar. Am Ende entgegnete ihm Versammlungsleiter Michael Koll und sprach damit wohl fast jedem anwesenden Mitglied aus der Seele: „Dass sie mir diese Bedenken heute erst fünf Minuten vor der Versammlung mitgeteilt haben, gehört wahrscheinlich zum kollegialen Verhalten. Sie haben uns doch erst in diese Situation gebracht.“ Tosender Applaus brandete auf. Grotepaß sparte in seiner Rede zwar auch nicht mit Kritik an Flavio Becca und seinem anwesenden Berater Gregorius. Doch das ausgerechnet Grotepaß jetzt als Retter von Anstand und Moral auftrat, der schon immer gegen Ausgliederung und Investoren gewesen sei, es war wenig glaubwürdig.


Und so war es am Ende kaum verwunderlich, dass Grotepaß und Banf die schlechtesten Entlastungswerte aller Gremienmitglieder bekamen. 92,3 Prozent bei Banf und 92,5 Prozent bei Grotepaß sprechen eine überdeutliche und schon historische Sprache.

Respekt und Demut müssen zurückkehren - Baders und Klatts leiser Abschied

Doch in einem Punkt muss ich ihnen Recht geben. Beide bemängelten, wie alle anderen Redner auch, den fehlenden Respekt im Umgang miteinander. Das beschäftigte mich an diesem Tag sehr. Kein Mensch im Verein Fritz Walters sollte unter Druck gesetzt oder diffamiert werden. Schon gar nicht ist Gewalt oder die Androhung von solcher akzeptabel.


Genauso gehört es sich aber auch, dass man sich der höchsten Instanz des Vereins – der Mitgliederversammlung – bis zum Ende stellt. Dass Jochen Grotepaß noch vor seiner Nichtentlastung das Stadion verließ ist zwar noch irgendwie verständlich. Dass aber Martin Bader und Michael Klatt der Aussprache völlig fernblieben und lediglich Bader bei Bekanntgabe der Entlastungsergebnisse am Rand noch einmal auftauchte, ist schon sehr respektlos. Fragen von Mitgliedern den sportlichen Bereich betreffend? Antworten Fehlanzeige. Ein einziges Mal huschte Boris Notzon rasch ans Mikrofon und versuchte auszuhelfen. Satzungstechnisch mag das Verhalten legitim sein, aber der FCK muss sich eben als EIN Verein verstehen, egal ob es jetzt um Belange des e.V. oder der ausgegliederten GmbH geht. Diesen Aspekt haben Michael Klatt und Martin Bader nie verstanden, mindestens aber massiv unterschätzt. Auch hier ruht jetzt die Hoffnung im „Team Merk“. Ihnen muss niemand erklären, dass aus einer abstrakten Management GmbH FCK, wieder eine Familie werden muss.


Die nun ehemalige FCK-Führung hat in einem Punkt Bemerkenswertes geschafft: Noch im Juni 2018 hat sie mit einer Mehrheit von über 90 Prozent eine Ausgliederung durchgesetzt. Ein Beleg für das Vertrauen, das ihr von der Basis entgegengebracht wurde. Zudem herrschte trotz des erstmaligen Abstiegs in die 3. Liga eine enorme Euphorie im Umfeld. Über 1.500 Fans zog es zum Trainingsauftakt, über 40.000 zum ersten Heimspiel gegen 1860 München.


Und heute, knapp anderthalb Jahre später? Würde sich die Führung um Martin Bader, Michael Klatt oder Patrick Banf einer Wahl stellen, keiner von ihnen würde auch nur im Ansatz eine Mehrheit erhalten. Ganze 44 Mitglieder stimmten noch für die Entlastung von Patrick Banf. Gewählt hatten ihn im Dezember 2017 noch 862 Mitglieder.

Ab jetzt beginnt die Zukunft: Der größte Gegner ist die Zeit

Einig waren sich am Sonntag alle Beteiligten, ganz gleich welche Verletzungen sie die letzten Monate erleben mussten, darin: Mit der Wahl des neuen Aufsichtsrates und der Aussprache zu den Vorkommnissen des letzten Jahres muss jetzt ein Deckel auf die Vergangenheit. Dem FCK läuft nämlich die Zeit davon. Auch in diesem Jahr wird der Kampf um die Lizenz wahrscheinlich wieder ein Drahtseilakt werden. Die Zukunft hat am Sonntag begonnen. Nicht förderlich hierfür ist jedoch ein Vorsitzender des e.V., der trotz einer Nichtentlastung von 89,4 Prozent, an seinem Amt festhält und gar das Votum in Zweifel zieht, indem er auf die „nur“ noch knapp 500 anwesenden Mitglieder verweist. Auch die Aussage Wilfried de Buhrs gegenüber dem SWR, ihm sei die verhinderte Insolvenz zu verdanken, hat mehr mit Größenwahn als mit Neuanfang zu tun.


Der FCK, er funktioniert nur als Gemeinschaft. Auch deswegen ging ich mit einem Gefühl von Traurigkeit vom Betzenberg. Traurigkeit darüber, dass es überhaupt (wieder einmal) so weit kommen musste, dass Menschen, die FCK-Mitglieder sind, so abgestraft und vom Berg gejagt werden müssen. Traurig darüber, dass Menschen, die vor zwei Jahren selbst noch als Hoffnungsträger angetreten sind, ihre Unterstützter so ge- und enttäuscht haben. Aber auch etwas besorgt darüber, ob die neue Führung der hohen Erwartungshaltung gerecht werden kann.

Der Umgang mit Layenberger ist beschämend - Team Merk kann den Verein einen

Die FCK-Familie muss wieder zueinander finden. Wie oft haben wir diesen Satz schon gehört. Doch er ist richtiger und wichtiger denn je. Wenn kurz vor dem Jubiläumsjahr 2020, in dem 120 Jahre FCK und 100 Jahre Fritz Walter gefeiert werden sollen, der Mann, der das Erbe Fritz Walters aus dem eigenen Geldbeutel heraus gerettet hat, und es somit vor der Zerstreuung in der ganzen Welt bewahrt hat, von der Vereinsführung nicht einmal begrüßt, geschweige denn sich bei ihm bedankt wird, dann ist das beschämend für einen 1. FC Kaiserslautern. Ein Blick hinüber zu Union Berlin würde helfen um zu verstehen, wie man mit der Person Harald Layenberger angemessen umgeht.


Das „Team Merk“ weiß, dass der FCK so nicht überleben kann. Es hat die Fähigkeit, den Verein wieder zu einen. Ehemalige wie Andy Buck, die vom Hof gejagt wurden, aber Ideen und Visionen haben, sollten weiter eingebunden werden.


Mindestens genauso schwer wird es aber, den 1. FC Kaiserslautern wirtschaftlich am Leben zu halten. Die Verpflichtung des langjährigen Geschäftsführers von Braunschweig, Soeren Oliver Voigt, ist ein schneller, erster Schritt. Doch der Weg zur erneuten Lizenzerteilung oder gar zur Konsolidierung des Vereins ist noch viel länger und steiniger. Aber das wissen Merk, Keßler und Co.


Gewiss ist seit vergangenem Sonntag nur eines: Die Intrigen und Grabenkämpfe des vergangenen Jahres in den Gremien des Vereins sind beendet. Recht schnell macht sich wieder ein Gefühl von Einigkeit und Zusammenhalt breit. Die sportliche Serie von drei Liga-Siegen in Folge – den ersten seit drei Jahren – und eine mitreißende Rede von Boris Schommers auf der Jahreshauptversammlung, tun ihr Übriges. Ungewiss ist trotzdem weiter Vieles. Aber die richtigen Weichen wurden gestellt. Der Deckel liegt auf der Vergangenheit, die gemeinsame Arbeit an der Zukunft hat begonnen.


Quelle: Treffpunkt Betze

Quelle Bild: 1. FC Kaiserslautern