The "Picki Blinders": Eine Kaderanalyse

Wo muss der FCK in der Winterpause nachbessern? Welche Spieler sollte man abgeben? Unser Redakteur Wolfram Wuttke konnte sich kurz von seinem vorweihnachtlichen Netflix-Serienmarathon losreißen, um genau diesen Fragen nachzugehen.

Wie stark ist das Team wirklich?

Nach einer schwierigen Angangsphase hat FCK-Cheftrainer Boris Schommers aktuell eine Stammelf gefunden. Und auch die Einwechselspieler funktionieren meist sofort. Aus einer kompakten Defensivleistung kommt die Mannschaft Woche für Woche mit zielstrebigen Kontern zum Erfolg. Ein wichtiger Faktor dafür ist allerdings auch nicht zu übersehen: Das Team geriet bei keinem der fünf jüngsten Siege in Rückstand. Erst im letzten Spiel des Jahres in Unterhaching ging der Gegner früh in Führung, prompt bekamen die Lauterer das Spiel nicht richtig in den Griff.


Die Stärken von Timmy Thiele und Christian Kühlwetter liegen darin, mit dem Ball am Fuß "Meter zu machen" und den Gegner auszukontern. Sie treffen in letzter Zeit auch deshalb so häufig, weil sie viel Platz in der gegnerischen Hälfte haben und dabei meist von Florian Pick und Hendrik Zuck perfekt in Szene gesetzt werden. Einen Strafraumstürmer, den man mit hohen Bällen füttern könnte und der im Zentrum die Bälle ablegt, findet man im gesamten Kader des FCK nicht. Auch das Potential, eine tief stehende gegnerische Abwehr spielerisch auseinanderzunehmen, haben die wenigsten Spieler im Team der Roten Teufel. Um auch bei Rückstanden erfolgreich zu agieren, benötigt das Team weitere Optionen und hierfür wohl auch neue Spieler.


Auf welchen Position die Verantwortlichen in der Winterpause noch nachbessern müssen, hängt allerdings nicht zuletzt vom Vertrauen des Trainers in die Spieler der zweiten Reihe ab.

Ohne Pick läuft wenig

Vermutlich gibt es im Fußball-Business furchteinflößendere Namen als Picki, Kühli, Timmy und Zucki. Die Quote von 25 Toren und 15 Vorlagen des Offensivquartetts klingt hingegen schon deutlich respektabler. Tatsächlich ist es dem Trainer nicht zuletzt durch die Reaktivierung des von den meisten längst abgeschriebenen Hendrik Zuck gelungen, hier eine torgefährliche Offensivreihe aufzustellen, die während des Spiels öfter rotiert und dadurch nur schwer zu stoppen ist.


Allerdings steht und fällt der Erfolg des Teams mit dem Namen Florian Pick. Von den bisherigen 36 FCK-Treffern war er an 15 direkt beteiligt. Macht man sich dann die Mühe und zieht auch noch die Tore ab, zu denen der Wittlicher den vorletzten Pass gab, bleibt verdammt wenig übrig. Höchstens die Erkenntnis, dass der FCK in dieser Saison hochgradig von der Kreativität und Effektivität eines einzelnen Spielers abhängig ist.


Wer kann Pick, der am Samstag seine vierte gelbe Karte sah, im kreativen Part entlasten bzw. gar ersetzen? Was 1-gegen-1-Situationen angeht, kommt am ehesten noch Simon Skarlatidis in Frage. Ein fitter Manfred Starke und ein Theodor Bergmann sind ebenfalls beides Spieler, die den Ball fordern und Verantwortung übernehmen. Beide könnten im Mittelfeld sowohl den Sechser Sickinger als auch den Zehner Zuck ersetzen sowie die offensiven Außenpositionen bespielen. Normalerwiese sollten alle drei Akteure in jedem Drittligateam einen Stammplatz haben.

Den Ball flach halten

Angenehm häufig kommt es vor, dass die Roten Teufel sich über die Außen durchsetzen und anschließend flach in den Strafraum spielen. Natürlich flach, denn für hohe Bälle würde man einen kopfballstarken Abnehmer benötigen. Ein solcher ist in der Offensive des FCK in dieser Saison jedoch schlichtweg nicht zu finden, und zwar völlig unabhängig von der Mannschaftsaufstellung.


Der oft verletze Bjarnason scheint vom Spielertyp her noch am ehesten der Position des Wandspielers zu entsprechen, scheint aber auch kein Kopfballmonster zu sein. Timmy Thiele, der zudem lieber von der Mittellinie aus über die Außenbahn kommt ist dies ebenfalls nicht. Wenn Christian Kühlwetter vorne die Bälle prallen lässt, dann oft unkontrolliert. Auch Kopfballduelle gewinnt er höchstens an der Playstation. Bleibt noch Lucas "das Phantom" Röser. Ganz sicher kann er fussballerisch bestimmt auch irgendetwas außergewöhnlich gut, schließlich hatte er es bis in die 2. Liga geschafft. Allerdings hat der Ex-Dresdner in seinen 239 Ligaminuten beim FCK seine Fähigkeiten bisher derart geschickt verborgen, dass absolut kein Zuschauer sie entdecken konnte. Vielleicht ist er ja ein pfeilschneller, dribbel-und kopfballstarker Torjäger? Man weiss es nicht.


Sollte der Coach im Angriff nachbessern wollen, wären Lucas Röser und Andri Runar Bjarnasson Streichkandidaten, für die sich eine Ausleihe anbieten würde.

Die Defensive steht

Boris Schommers hat erkannt, dass er mehr als einen kopfballstarken Spieler in der Defensive benötigt, und hat Carlo Sickinger stattdessen ins Mittelfeld gezogen. Seitdem sich die beiden Hünen André Hainault und Kevin Kraus die Arbeit in der Innenverteidigung teilen und das Tandem Carlo Sickinger und Janik Bachmann im defensiven MIttelfeld harmoniert, steht die Lauterer Defensive sicher. Es ist der Grundstein für die Erfolgsserie des FCK.


Kopfballstark, routiniert, aber sehr langsam, so kann man das Innenverteidiger-Duo Kraus/Hainault recht treffend beschreiben. Der 33-jährige Kanadier Hainault ist erst seit dem 13. Spieltag in der Startelf und sollte eigentlich kein Mann für die Zukunft sein - ganz im Gegensatz zum elf Jahre jüngeren Lukas Gottwalt. Dieser erlebt allerdings bislang eine völlig gebrauchte Saison. Seine einzigen beiden Drittligaeinsätze hatte er ausgerechnet bei den Niederlagen gegen Chemnitz und Würzburg. Anschließend fand die Mannschaft in die Spur, während er bei den Amateuren spielte. Gottwalt ist schneller und wahrscheinlich sogar noch kopfballstärker als seine beiden Konkurrenten im Abwehrzentrum. Unübersehbare Schwächen hat der Frankfurter hingegen im Spielaufbau, wo Kraus und Hainault ihm allerdings auch keine Lichtjahre voraus sind. Nur waren sie zu Beginn der Siegesserie im Team und fortan logischerweise gesetzt. Ob der Coach hier in der Winterpause wirklich die Karten noch einmal neu mischen wird?


Einen wirklich heftigen Absturz erlebte Jo Matuwila. Als "Aggressive Leader" und Publikumsliebling in die Saison gestartet, war er ab dem zweiten Spieltag in der Innenverteidigung gesetzt. Seine Aussetzer bei der 1:3 Niederlage bei 1860 und eine nervöse Halbzeit gegen Jena kosteten Matuwila nicht nur den Stammplatz. Fortan spielte er unter Schommers keine einzige Minute mehr und war meist noch nichtmal im 18-köpfigen Spieltags-Kader zu finden.


Grundsätzlich sollten sowohl Matuwila als auch Gottwalt locker mit Kraus und Hainault mithalten können. Es ist allerdings gut möglich, dass Boris Schommers dies völlig anders einschätzt. In diesem Fall sollte man hier einen erfahrenen Innenverteider aus einer höheren Spielklasse verpflichten, der die Mannschaft führen kann. Gleichzeitig sollte man in diesem Falle Matuwila oder Gottwalt durch eine Ausleihe Spielpraxis ermöglichen und das Gehalt einsparen.

Zwei Außenverteidiger, die niemals fehlen dürfen

Erinnert sich noch jemand an die 1:4 Auswärtsniederlage des FCK letzte Saison in Rostock, bei der Dominik Schad ausnahmsweise als Linksverteidiger auflaufen musste? Es war höchstwahrscheinlich das letzte schwache Spiel des gebürtigen Aschaffenburgers. Seitdem gibt es bei ihm eigentlich nur zwei Optionen: Entweder er spielt stark oder herausragend. Ein schlechtes Spiel hat er diese Saison noch nicht abgeliefert - noch nichtmal beim 1:6 in Meppen, wo ansonsten wirklich jeder seiner Teamkameraden komplett versagte.


Auf der linken Seite ist Philipp Hercher defensiv noch nicht ganz so stark wie sein Pendant auf rechts, liefert aber zuverlässig gute Leistungen ab und hat zudem Vorteile in der Offensive. Beide Spieler lassen hinten sehr wenig anbrennen und geben offensiv kontinuierlich Vollgas. Schwierig wird es erst, wenn einer der beiden Außenverteidiger ausfällt. Momentan ist weit und breit kein Back-up in Sicht.


Entweder nutzt Boris Schommer hier das Trainingslager um Nachwuchskräfte aus der zweiten Mannschaft, wie beispielsweise Flavio Botiseriu einzubauen, oder der Verein sieht sich nach einem "ambivalenten" Mann für beide Außenbahnen um, idealerweise einem "beidfüßigen Hercher".

Zu viele Torhüter?

Absolut kein Handlungsbedarf herrscht im Tor, wo Lennart Grill in dieser Saison zwar selten, wenn, dann aber auch spektakulär patzt. Alles in allem spielt der 20-jährige zweifelsfrei eine Topsaison. Dahinter steht mit Advo Spahic ein weiterer Torwart, der sich letzte Saison in Cottbus bereits als Stammtorhüter bewiesen hat. Und besteht darüber hinaus überhaupt irgendein Zweifel daran, dass Gerry Ehrmann aktuell schon die nächsten Torhütertalente in der zweiten Mannschaft und der A-Jugend auf deren verheißungsvolle Profikarriere vorbereitet?


Zu Jahresbeginn kehrt zudem Jan-Ole Sievers nach seinem Japan-Abenteuer mit schmerzhaftem Abstieg aus der 2. japanischen Liga zurück zum Betzenberg, wo aktuell kein Platz für ihn in Sicht ist. Grundsätzlich wäre eine weitere Ausleihe des bis 2021 an den FCK gebundenen Torhüters für alle Seiten die beste Option. Da Sievers im japanischen Unterhaus keine Möglichkeit hatte, sich potentiell interessierten Vereinen hierzulande zu präsentieren, ist er, und damit auch der Verein, in einer schwierigen Situation.

Das Schicksal der Aussortierten

Nicht nur das Timing der Lauterer Siegesserie, die exakt mit der Aussortierung von Christoph Hemlein, Janek Sternberg und Antonio Jonjic begann, spricht gegen die drei Verbannten. In erster Linie ist es die Tatsache, dass keiner von ihnen auch nur ein wirklich gutes Saisonspiel abgeliefert hat. Zudem sind Hemlein und Sternberg erfahrener und teurer als viele Ihrer Teamkollegen. Ihre Degradierung macht daher den Weg für jüngere Spieler frei. Ihr Abgang könnte dem Verein zudem finanziellen Spielraum für Neuzugänge ermöglichen.


Hemleins Kontrakt endet am Saisonende, Sternberg steht noch bis 2021 beim FCK unter Vertrag. Selbst wenn sich Interessenten in der 3. Liga finden, bleibt es fraglich, ob sie die Gehälter der beiden bezahlen wollen bzw. können, ohne das sich der FCK hier finanziell beteiligen muss.


Komplett anders ist die Lage bei Antonio Jonjic. Der pfeilschnelle Außenspieler ist grundsätzlich mit jeder Menge Talent gesegnet. Allerdings hat er sich in dieser Saison nicht wirklich weiterentwickelt, sondern spielt weiterhin sehr fehlerbehaftet. Im Gegensatz zu beiden vorher genannten Spielern könnte Jonjic durchaus nochmal, von den Amateuren aus, am Betzenberg durchstarten, wobei ihm evtl. auch eine Leihe gut tun könnte.

Hält die neue Team-Hierarchie?

Den klassischen Führungsspieler gibt es im Kader der Roten Teufel in der aktuellen Saison bekanntlich (wieder) nicht. Im Rahmen der vorhandenen Möglichkeiten hat Trainer Schommers mittlerweile bestmöglich Einfluss auf die Hierarchie genommen: Nach der Aussortierung von Hemlein und Sternberg scheint Carlo Sickinger die neue Kapitänsbinde richtig gut zu tun, sicherlich nicht selbstverständlich für einen 22-jährigen, der zu Anfang der letzten Saison noch fünftklassig spielte.


Unterstützt wird er dabei von Kühlwetter, Bachmann, Pick, Schad, Hainault und Kraus, die ebenfalls sichtbar Verantwortung auf dem Feld übernehmen. Fraglich ist, ob dieses Gebilde auch dann noch Stand hält, sollte die Mannschaft nochmal ein Leistungstief ereilen. Ein erfahrener Führungsspieler würde dem Team sicherlich weiterhelfen. Mit der Winterpausenverpflichtung von Jan-Ingwer Callsen-Bracker, von der Tribüne des Bundesligisten FC Augsburg kommend, hat der Verein hier vor zwei Jahren schon gute Erfahrungen gemacht.

Neuzugänge oder Nachwuchsspieler? Oder beides?

Es ist sicherlich nachvollziehbar, dass der ehemalige Jugendtrainer Boris Schommers bisher auf den Einbau von Nachwuchsspielern komplett verzichtet hat. Schließlich musste er zunächst die Defensive stabilisieren und die Mannschaft in die Spur bekommen. Nun ist dieser Schritt absolviert und auch in dieser Saison Jahr werden wieder Nachwuchsspieler die Möglichkeit erhalten, sich im Wintertrainingslager in der Türkei zu beweisen. So wie sich die Amateure zuletzt präsentierten, gibt es hier durchaus hoffnungsvolle Kandidaten.

Um in der Tabelle noch einmal oben anzugreifen, werden auch externe Neuzugänge gebraucht. Auf den Außenbahnen muss definitiv nachgebessert werden, eventuell im Sturmzentrum und in der Innenverteidigung, idealerweise durch einen Führungsspieler. Jedem Neuzugang sollte auf der entsprechenden Position auch ein Abgang entgegenstehen. Darüber hinaus muss der Verein versuchen, Abnehmer für Sievers, Hemlein und Sternberg zu finden. Leicht wird das nicht, denn wahrscheinlich liegen alle unsere potentiellen Streichkandidaten gehaltsmäßig deutlich über dem Ligadurchschnitt. Ohne finanzielle Zugeständnisse wird der FCK hier sicher nicht immer auskommen. Die Schlange der Interessenten wird ohnehin recht überschaubar sein.

Lassen wir uns also von der Wunschliste des Trainers und deren Umsetzung durch Geschäftsführer Sören-Oliver Voigt und Sportdirektor Boris Notzon überraschen.


Quelle: Treffpunkt Betze