Der Fußball in der Corona-Krise: Ein Modell zur Fortführung

Saisonabbruch und Aufstockung der Ligen: Ein simples Modell für die neue Saison im deutschen Profifussball


Nach Informationen des Kicker-Magazins macht beim DFB momentan die Idee einer zweigleisigen dritten Liga für die neue Saison die Runde. Dabei würde der Vorschlag durchaus zum Deutschen Fußball Bund passen: Statt ein Problem zu lösen, schafft man einfach ein zusätzliches. Unser Autor Wolfram Wuttke sieht die Thematik hingegen wesentlich einfacher und verweist auf ein Modell für die ersten drei Ligen, welches keinen Verein sportlich benachteiligt und nebenbei sogar den Regionalligisten endlich direkte Aufsteiger ermöglicht.

Grundannahmen für die aktuelle und kommende Saison

Die aktuelle Saison wird abgebrochen. Dabei soll möglichst kein Verein durch Abstieg benachteiligt werden. Die jetzigen Tabellenstände gelten als Abschlusstabellen. Die ersten drei Ligen werden allesamt aufgestockt, jede spielt weiterhin mit einer geraden Anzahl an Klubs. Die zusätzlich benötigten Spieltermine werden durch Verkürzung bzw. Abschaffung der Winterpause aufgefangen. Die Aufstockung der Ligen wäre keine Übergangslösung, sondern sollte zukünftig genauso beibehalten werden. Zusammengefasst könnte die Aufteilung für die aktuelle und kommende Saison wie folgt aussehen:


Aktuelle Saison:

  • Bundesliga: Kein Absteiger, zwei Aufsteiger aus der zweiten Liga
  • Zweite Liga: Kein Absteiger, vier Aufsteiger aus der dritten Liga, zwei Aufsteiger in die Bundesliga
  • Dritte Liga: Kein (ggf. ein, dazu später mehr) Absteiger, sechs bzw. fünf) Aufsteiger aus den Regionalligen, vier Aufsteiger in die zweite Liga
  • Regionalligen: Je ein direkter Aufsteiger (+ ein weiteres Team)

Ab Saison 2020-21:

  • Bundesliga: 20 Vereine (3 direkte Absteiger)
  • Zweite Liga: 20 Vereine (3 direkte Aufsteiger, 3 direkte Absteiger)
  • Dritte Liga: 24 (22) Vereine (3 direkte Auf- und 5 direkte Absteiger)
  • Regionalligen: Je ein direkter Aufsteiger

Folgen und Auswirkungen für die einzelnen Ligen

Bundesliga: Aufstockung auf 20 Vereine

Es gibt keinen Absteiger und die beiden Tabellenersten der zweiten Liga, der VfB Stuttgart und Arminia Bielefeld steigen in die erste Liga auf. Meisterschaft und internationale Plätze werden gemäß der aktuellen (eingefrorenen) Tabelle vergeben.


In die kommende Saison startet die Bundesliga mit 20 Teams, genauso wie es die anderen europäischen Topligen in England, Spanien, Frankreich und Italien ohnehin schon längst tun. Mit Blick auf den Terminkalender kann eine Verkürzung bzw. eine Abschaffung der Winterpause neuen Raum für Spieltermine schaffen. Die Winterpause ist ohnehin ein Relikt aus einer Zeit, als es im Dezember noch heftig zu schneien pflegte und Spiele witterungsbedingt ausfallen mussten. Dank Klimawandel, Rasenheizungen und nahezu komplett überdachten Tribünen sollte es im Dezember und Januar ohnehin nicht mehr zu Spielabsagen kommen. Englische Wochen könnten für weitere Entzerrung sorgen. Durch die Wiederabschaffung der Montagsspiele hätte man auch Termine am Dienstag und Mittwoch frei. Dies dürfte auch im Sinne der TV-Sender sein, die nun ohnehin mehr Spiele zu übertragen hätten.


Zweite Liga: Aufstockung auf 20 Vereine

Auch in der zweiten Liga sollte es in dieser Saison keinen Absteiger geben. Lediglich Stuttgart und Bielefeld verlassen die Liga Richtung Oberhaus, dafür kommen vier Aufsteiger aus der 3. Liga dazu. Das klingt zunächst einmal unverhältnismäßig viel, macht aber, spätestens mit Blick auf die 3. Liga und vor allem auf die Regionalligen, Sinn.


In der nächsten Saison steigen dann drei Teams direkt auf und drei Teams direkt ab. Relegationspiele für den Tabellendritten bzw. -achtzehnten wären ebenfalls möglich. Auch hier der internationale Vergleich: Das Unterhaus in Frankreich und Italien beherbergt jeweils 20 Klubs, in Spanien sind es 22 und in England gar 24.


Dritte Liga: Mehr Teams, mehr Spiele, mehr Zuschauereinnahmen

In dieser Saison gibt es auch in der 3. Liga keine Absteiger sowie vier Aufsteiger in die 2. Liga. Somit wären der MSV Duisburg, der SV Waldhof, die SpVgg Unterhaching und der SV Meppen zweitklassig. Aus der Regionalliga steigen sechs Teams auf. Damit wäre die Anzahl der Drittligisten gerade (24) und erstmals könnte aus jeder Regionalliga der Meister direkt aufsteigen.


In die nächste Saison geht die 3. Liga dann mit 24 Teams, von denen drei auf- und fünf absteigen. Damit wäre gewährleistet, dass weiterhin alle Regionalliga-Meister direkt aufsteigen.


Alternative: Lässt man Jena als Tabellenletzen absteigen und fünf statt sechs Vereine aufsteigen, hätte man in der nächsten Saison 22 (statt 24) Mannschaften in der 3. Liga. Die Anzahl der Auf- und Absteiger (drei bzw. fünf) bliebe bestehen. Einerseits wäre die Lösung, Jena als einziges Team im deutschen Profifußball absteigen zu lassen sehr hart gegenüber den Thüringern. Andererseits sind sie aber auch die einzigen, die ohnehin nur noch rechnerische Chancen auf den Klassenerhalt gehabt hätten.


Bei sechs (bzw. vier) zusätzlichen Spielen benötigt gerade die 3. Liga zusätzliche Spieltermine. Neben der bisherigen Winterpause bieten auch Länderspielwochenenden, englische Wochen, ein früherer Saisonstart oder ein späteres Saisonende ausreichend Spielraum, um diese zu absolvieren.


Unter den Profiligen ist die dritte Liga diejenige, deren Budget deutlich mehr von Zuschauereinnahmen abhängt, als es - dank TV-Geldern - in 1. und 2. Liga der Fall ist. Die zusätzlichen Heimspiele wären also im Sinne der Drittligisten. Auch Magenta-TV als übertragendes Medium der Liga wäre sicher froh über zusätzliche Spieltage und Einnahmen. Wobei sich aus Zuschauersicht gleichzeitig die Frage stellt, ob sich der Sender dies auch mehr kosten lassen würde.


Regionalliga: Alle Meister steigen endlich direkt auf

Die ursprüngliche Aufstiegsregelung hätte einen Direktaufstieg der Meister aus den Ligen Nord, Südwest und Bayern vorgesehen. Die Meister aus den Staffeln West und Nordost hätten erst in die Relegation gemusst, um dort den vierten Aufsteiger zu ermitteln.


Nun kann aus jeder Liga ein Team direkt aufsteigen und ein weiterer sechster Aufstiegsplatz wäre noch frei. Friert man also auch hier die Tabellen ein, so ergibt sich in vier von fünf Ligen ein klares Bild: Mit dem 1. FC Saarbrücken (Regionalliga Südwest) und dem VfB Lübeck (RL Nord) steigen zwei alte Traditionsvereine auf in die 3. Liga auf. Aus der RL Bayern kommt Türkgücü München hoch. Aus der RL West würde der Tabellenzweite SC Verl aufsteigen, da der Tabellenerste Rödinghausen aus Kostengründen sich erst gar nicht für die 3. Liga meldete. Knifflig ist die Situation einzig in der Regionalliga Nordost: Die VSG Altglienike ist hier mit besserer Tordifferenz vor Lok Leipzig punktgleich Tabellenerster. Allerdings haben die Leipziger zwei Spiele weniger absolviert. Lässt man hier beide Teams aufsteigen, wäre auch gleichzeitig die Frage beantwortet, aus welcher Liga der sechste Aufsteiger kommen soll. Bei nur fünf Regionalliga-Aufsteigern wäre die Entscheidung zwischen Altglienicke und Leipzig definitiv nicht leicht zu fällen.

Auswirkungen für den FCK

24 (bzw. wie Falle des Abstiegs von Jena: 22) Teams in der dritten Liga bedeuten 23 (bzw. 21) Heimspiele. Bei gleichbleibenden Dauerkartenpreisen könnte der Verein seinen Dauerkarteninhabern hier einen Bonus von vier (bzw. zwei) Spielen ohne Aufpreis bieten, was den Dauerkartenabsatz weiter stabil halten könnte. Gleichzeitig können bei den zusätzlichen Heimpartien weitere Tagestickets abgesetzt werden. Auf der Ausgabenseite stehen leicht erhöhte Reisekosten und Stadionnebenkosten (Ordner, Strom, Wasser, Rasenheizung, etc.) bei den zusätzlichen Spielen im Fritz-Walter-Stadion.


Mehr Spiele erfordern einen größeren Kader. Hier sollte der FCK gegenüber vielen Ligakonkurrenten im Vorteil sein: Der Kader ist schon in der aktuellen Saison sehr breit. Zudem spielt die zweite Mannschaft in der Oberliga, was für einen Drittligisten das sportliche Maximum darstellt. Der Unterbau des Vereins hat u.a. mit Anis Bakhat, Mohamed Morabeth, Jonas Scholz, Leon Hotopp, Jonas Singer und nicht zuletzt Antonio Jonjic jede Menge Spieler, die bereits im Profikader standen und denen der Sprung nach oben durchaus zuzutrauen ist. Zuguterletzt spielt die A-Jugend in der U19-Bundesliga Süd/Südwest ebenfalls in der höchstmöglichen Spielklasse und rangiert dort oberhalb der Abstiegsplätze. Es sollten also genügend Youngster mit den Hufen scharren, im Profikader Einsatzzeiten zu bekommen.


Für die Fans verspricht das Modell leider etwas weniger Emotion auf den Rängen: Kein Derby mehr gegen den SV Waldhof und auch der erwartbare Abstieg des Karlsruher SC, der mit zwei weiteren Prestigeduellen verbunden wäre, bleibt in der kommenden Saison ebenfalls aus. Die Auswärtsfahrten nach Meppen, Duisburg und in den Hachinger Sportpark entfallen leider außerdem. Dafür kann sich der FCK, nach mehr als 27 Jahren, noch einmal Ligaduelle mit dem 1. FC Saarbrücken liefern.

Was gegen das Model spricht: Mangelnde Solidarität

Das Modell ist einfach, nachvollziehbar und benachteiligt sportlich niemanden. Was spricht also dagegen? Hinsichtlich der sportlichen Fairness sicherlich nichts.


Bekanntlich sind die TV-Gelder in der Bundesliga und zweiten Liga die Haupteinnahmequelle. Mehr Vereine pro Liga bedeuten weniger Fernsehgelder pro Verein. Die Vereine dort müssten sich also zunächst bereit erklären, dass ihr Stück vom 'TV-Geld Kuchen' zukünftig rund 10% kleiner ausfällt. Teilweise würde dies durch zusätzliche Zuschauereinnahmen wieder aufgefangen, aber wohl nicht ganz. Andererseits wären DAZN, Eurosport, Sky und Co., mit denen die DFL nun ohnehin noch verhandeln muss, sicherlich daran interessiert, ein wenig mehr der „Ware Fußball“ im Angebot zu haben. Gleiches sollte für Magenta-TV in der 3. Liga gelten. Ende März verkündeten Vertreter von Bayern München, Borussia Dortmund, Bayer Leverkusen und RB Leipzig eine Solidaritätsaktion, im Rahmen derer sie Klubs der 1. und 2. Bundesliga mit 20 Millionen unterstützen wollen. Wir werden sehen wie weit ausgeprägt die Solidarität am Ende wirklich ist.


Und zuguterletzt die entscheidende Frage, die vor allem alle Vereine abwärts der dritten Liga betifft: Wie sieht eigentlich der Beitrag des DFB in der Corona-Krise aus? Lediglich die Ankündigung für Drittligisten das Lizensierungsverfahren für ein Jahr auszusetzen, war aus der Otto-Fleck-Schneise zu vernehmen. Die Maßnahme ist ohnehin umumgänglich, sonst hätte der Fußball-Bund wohl einem Großteil der Drittligisten die Lizenz für die kommende Saison verweigern müssen. Geld hat die Entscheidung den Verband freilich nicht gekostet. In seinem letzten DFB-Finanzbericht vom 18. Juli 2019 weist der Deutsche Fußball Bund ein stattliches Eigenkapital von über 150 Millionen Euro sowie Gesamtrücklagen i.H.v. 132,3 Millionen Euro aus. Dass der DFB planen würde, auch nur einen geringen Teil seines Vermögens für die jenigen, die er eigentlich vertreten sollte zu verwenden, war bisher nicht zu vernehmen.


Quelle: Treffpunkt Betze