Sascha Hildmann: "Wir müssen die Widerstände in dieser Liga brechen"

Er ist seit Werner Liebrich in den 1960er Jahren der erste „echte“ Lautrer auf der Trainerbank des FCK und lebt seinen Verein wie kaum einer vor ihm. Treffpunkt Betze traf Trainer Sascha Hildmann zum großen Exklusivinterview.


In Teil 1 des ausführlichen Exklusivinterviews sprachen wir mit dem Trainer über seine tägliche Arbeit, Schwerpunkte der Saisonvorbereitung und die Kennzeichen einer guten Fußballausbildung.


Treffpunkt Betze: Hallo Sascha, die Sommervorbereitung ist gerade abgeschlossen. Die neue Saison hat angefangen. Machst du derzeit auch mal Feierabend?


Sascha Hildmann: Als FCK-Trainer hast du eigentlich nie Feierabend. Ich bekomme abends um 11 noch Anrufe. Abschalten kann man da eigentlich nur schwer. Es ist aber kein Stress im eigentlichen Sinne. Es ist meine Arbeit, die mir sehr viel Spaß macht. Egal was passiert, ich gehe nach wie vor sehr gerne hier her. Die Belastung ist natürlich hoch, aber das ist für mich okay.


Treffpunkt Betze: Das klingt beinahe schon nach einem echten Fußball-Workaholic.


Sascha Hildmann: Ich würde sagen das trifft schon zu.


Treffpunkt Betze: Allgemein wird ja der Druck auf Fußballtrainer immer größer. Jetzt ist der FCK auch noch dein Heimatverein. Wie gehst du mit diesem ständigen Leistungsdruck um? Kann man ihn überhaupt auf irgendeine Art kanalisieren?


Sascha Hildmann: Das muss man auf jeden Fall. Ich muss versuchen, mir meine Freiräume zu nehmen, sonst würde ich krank. Ich versuche – wenn ich dann einmal ruhigere Momente habe – Fischen zu gehen oder beim Joggen den Kopf etwas frei zu bekommen. Auch ein Essen mit der Familie kann schon ausreichen. Doch irgendwann kommst du mit den Gedanken auf den Fußball zurück, also lange währen diese Pausen nicht. Aber diese „Oasen“ musst du dir schaffen.

Fulltime-Job Marke Betzenberg - Ein Traumjob der entschädigt

Treffpunkt Betze: Wie sieht eigentlich dein Alltag als Trainer aus? Welche Aufgaben stehen im Vordergrund? Mit welchen Aufgaben beschäftigst du dich regelmäßig?


Sascha Hildmann: Ich komme ungefähr gegen 8:15 Uhr auf das Trainingsgelände und verlasse dieses oftmals auch erst nach 20 Uhr. Zu den Aufgaben gehört natürlich in erster Linie die Trainingsvorbereitung, die eigentliche Trainingsarbeit. Dann werden zudem viele Gespräche geführt, ob mit Physios, Spielern oder meinem Trainerstab. Und im Zuge der Spielvor – und Nachbereitung natürlich Videoschulung und Videoanalysen. Und nicht zuletzt kommt dann noch die Pressearbeit, die ist wirklich immens, das denkt man als Außenstehender vielleicht gar nicht.


Treffpunkt Betze: Das hört sich wirklich nach einem Fulltime-Job an.


Sascha Hildmann: Definitiv. Aber ich will mich wie gesagt nicht beschweren. Wir haben natürlich auch Pausen. Es ist und bleibt mein absoluter Traumjob. Aber du hast eben keine festen Arbeitszeiten. Da kann schon mal nachts um 12 der Boris Notzon anruft (lacht).


Treffpunkt Betze: Wagen wir nochmal einen Blick zurück. Am 6. Dezember 2018 bist du hier angetreten. Die wenigen Monate seitdem dürften wahrscheinlich als die turbulentesten des Klubs in die Vereinsgeschichte eingehen. Wie fällt deine persönliche Bilanz als Trainer in all diesen Monaten aus?


Sascha Hildmann: Das ist eine schwierige Frage. Die Bilanz fällt sicher zweiseitig aus. Es wird rund um den FCK unheimlich viel in Dinge hineininterpretiert, was ich so in der Art und Weise noch nie erlebt habe. Aber natürlich habe ich auch die positiven Seiten kennenlernen dürfen. Ich habe sehr viel schöne Spiele erleben dürfen. Der Derbysieg gegen Karlsruhe, der hat wahnsinnig Bock gemacht. Die Fans, die alles für den Verein geben ebenso. Das entschädigt dann für viel und ist eine enorme Triebfeder und Motivation für meine Arbeit.

Hildmann fordert Demut vor der 3. Liga: "Der Abstieg hätte nie im Leben passieren dürfen!"

Treffpunkt Betze: Was glaubst du ist ein Grund dafür, dass die Stimmung bei einem Verein wie dem FCK so schnell umschlagen kann? Positiv wie negativ betrachtet.


Sascha Hildmann: Zunächst einmal muss man festhalten, dass die Stimmung nicht überall negativ ist. Wir haben bei unseren Spielen in der Vorbereitung kein einziges böses Wort gehört. Natürlich gibt es hier und da in den sozialen Netzwerken Leute, die in einer Art und Weise reagieren, die mir sehr befremdlich ist. Aber die FCK-Fans sind nun einmal sehr emotional, vor allem nach einem schlechten Spiel. Genauso euphorisch können sie aber auch sein, wenn es dann mal gut läuft.


Grundsätzlich muss man, um das Ganze zu verstehen, etwas weiter ausholen. Das Schlimmste was dem Verein passiert ist war der Abstieg in die 3. Liga. Früher sind die Spieler dann geblieben, sind aufgestiegen und Deutscher Meister geworden. Das ist heute unmöglich. Du bekommst heute einen komplett neuen Kader und diese meist jungen Spieler bekommen dann, wenn es nicht läuft, den kompletten – absolut verständlichen – Frust der Fans ab. Diese Mannschaft kann aber für die Vergangenheit nichts. An der Stelle finde ich müssten wir etwas sensibler sein, auch etwas demütiger was die 3. Liga angeht. Du gewinnst nicht im Vorbeigehen gegen Rostock oder Magdeburg.


Treffpunkt Betze: Die Zeit bis zum Saisonstart war unfassbar kurz. Wie müssen wir uns eure Vorbereitung im Allgemeinen vorstellen?


Sascha Hildmann: Die Pause war extrem kurz, das stimmt. Wir haben eine ganz klare Struktur in der Vorbereitung, nach der wir Trainingsschwerpunkte setzen. Durch die geringe Pause verlierst du zwar nicht so viel Substanz in Sachen Ausdauer, trotzdem musst du die Ressourcen, die da sind, festigen und verbessern. Wir werden in dieser Saison wieder viele Widerstände haben. Jedes Stadion wird wieder voll sein, die Gegner werden bis unters Dach motiviert sein, haben gegen uns nichts zu verlieren. Daher haben wir sehr hart trainiert, um hierfür eine gute Basis zu haben. Wenn in der 88. Minute noch ein Spiel gedreht werden muss, dann musst du dafür auch körperlich gerüstet sein. Daher sind die ersten zehn Tage viel Ausdauer und Krafttraining gemacht worden. Die letzten 1,5 Wochen haben wir dann viel gruppen- und individualtaktische Dinge besprochen und einstudiert und nun in der Endphase stand die Mannschaftstaktik im Mittelpunkt.


Treffpunkt Betze: Mit FCK-Talenten wie Morabet, Gözütok, Bakhat oder Hotopp hast du insgesamt 7 junge Spieler ins Trainingslager mitgenommen. Wo stehen diese Jungs derzeit? Und wer hat die größtmögliche Chance auf den Profikader?


Sascha Hildmann: Alle haben das sehr gut gemacht. Sie haben das höhere Niveau direkt super angenommen. Anas Bakhat war ja auch schon im Winter-Trainingslager dabei und hat sich da von einer sehr guten Seite gezeigt. Von daher: Warum sollten sie keine Option für den Profikader sein. Ihr kennt mich ja. Ich werfe die Jungs gern ins kalte Wasser (lacht).

Der FCK soll wieder zur Heimmacht werden: "Darauf haben wir den Fokus gelegt"

Treffpunkt Betze: Zu Beginn deines Traineramts beim FCK sprachst du davon zu wissen, welche Art Fußball auf den Betze erwartet wird. Für uns heißt das, mutiges Pressing mit offensiver Spielausrichtung und vor allem einer Körpersprache, die dem Gegner verrät: „Hier gibt es heute nicht zu holen“. Blicken wir auf die Heimstatistik der vergangenen Saison könnte man zum Entschluss kommen, die Umsetzung ist in weiten Teilen nicht gelungen?


Sascha Hildmann: Absolut, wir wollen unbedingt mehr Heimspiele gewinnen in der neuen Saison. Wir haben gegen Haching, Meppen und Jena letztes Jahr je vier Tore gemacht, das war schon sehr munter. Aber ohne Zweifel müssen wir das festigen. Zudem waren wir sehr anfällig bei gegnerischen Kontern. Die Gegner stehen hier auf dem Betze meistens sehr defensiv, verteidigen gut und da haben wir uns oft sehr schwergetan. Hier brauchen wir eine noch bessere Balance zwischen Angriffsmut und Absicherung.


Treffpunkt Betze: Du sprichst die Fehleranalyse des letzten Jahres schon an. Schnelligkeitsdefizite in Abwehr und Mittelfeld, hohe Anfälligkeit bei Kontern, mangelnde Chancenverwertung, ungefährliche Standards, fehlende Passgenauigkeit vor allem im letzten Drittel. Waren das die prägnantesten Schwächen des letzten Jahres, die maßgeblich dafür verantwortlich waren, dass keine konstant guten Leistungen entstehen konnten?


Sascha Hildmann: Die Gründe hierfür sind vielfältig. Die Konstanz – die Fähigkeit einfach mal drei, vier Spiele am Stück zu gewinnen – ist ganz eng damit verbunden, in jedem Spiel 100% Leistung auf dem Platz abzurufen. Und das ist uns zu selten gelungen. Diese 100% benötigst du aber gegen Gegner, die gegen uns immer 100% abrufen, weil sie topmotiviert sind, weil es ihr Spiel des Jahres ist. Uns muss es diese Saison gelingen, auch die Gegner, die gegen uns ihr bestes Spiel machen, zu brechen. Hier sind wir wieder beim Thema Widerstände. Das wird brutal schwer, aber hier haben wir in der Vorbereitung extrem den Fokus daraufgelegt. Diese Liga ist so unfassbar stark. Wenn man meine Trainerkollegen fragt, sagen alle durch die Bank weg, dass es mit die stärkste 3. Liga Europas ist. Und es stimmt.


Treffpunkt Betze: Der KSC hat sich unter anderem durch seine enorme Stärke bei Standards in die zweite Liga gespielt. Beim FCK hingegen hätte die Effektivität bei ruhenden Bällen kaum geringer sein können. Inwieweit soll hierbei auch Andri Bjarnason helfen dieses Problem zu lösen?


Sascha Hildmann: Andri ist aus Schweden hierher gekommen, darüber sind wir alle sehr froh. Aber wir dürfen hier nicht gleich wieder Wunderdinge erwarten. Die ganze Familie muss erst einmal ankommen. Er zeigt auf dem Platz große Präsenz. Er macht den Ball sehr gut fest, ist immer anspielbar und besticht durch seine Kopfballstärke. Das wird uns ganz sicher weiterhelfen. Aber bitte: Lasst den Jungen ankommen!

Sascha Hildmann, der Förderer: "In der Jugend muss die Ausbildung im Vordergrund stehen"

Treffpunkt Betze: Dass du gerne junge Spieler ins kalte Wasser wirfst hast du letztes Jahr eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Bleiben wir mal bei diesem Themenbereich. Was zeichnet für dich eine gute Ausbildung aus, worauf kommt es auch beim FCK in der Arbeit im NLZ besonders an, wie eng sind die U-Bereiche mit deiner Mannschaft verzahnt?


Sascha Hildmann: Ein ganz wichtiges Thema, definitiv. Ganz allgemein gefasst träumt natürlich jeder davon, dass in einem Verein von der A-Mannschaft bis zu den Junioren das selbe System, die selbe Philosophie gespielt und gelebt wird. Das lässt sich aber in der Realität nicht eins zu eins umsetzen. Diese Betrachtung ist oberflächlich. Jede Mannschaft hat eigene Charaktere, hat ihre Eigenheiten, auf die du eingehen musst. Nehmen wir unsere Mannschaft. Ich möchte flexibel sein, möchte ein 4-4-2 oder ein 3-5-2 praktizieren. Dazu möchte ich Mittelfeldpressing, situatives Angriffspressing und Pressing bei Kopfbällen sehen, das ist mir wichtig. Diese komplexen Themen kann ich von meiner U21 aber noch nicht in diesem Umfang erwarten. Ich kann es natürlich anreißen. Ich kann sagen, der FCK spielt so, aber ich muss dann auf die Besonderheiten meiner Jugendmannschaft, die davon abweichen, und die dort vorhandenen Spielertypen eingehen. In der U21 muss die Ausbildung im Vordergrund stehen.


Treffpunkt Betze: Was muss ein Jugendspieler im NLZ denn mitbringen, damit er für dich und deine Vorstellung von Fußball für den FCK in Frage kommt?


Sascha Hildmann: Als erstes muss ein Jugendspieler beim FCK sehr viel Mentalität mitbringen. Es muss jemand sein, der charakterlich einwandfrei ist, der Bock auf Fußball hat und der bereit ist, sich zu quälen und jedem Ball nachzujagen. Neben der individuellen fußballerischen Qualität, die natürlich stimmen muss, ist das ein Punkt, der aus meiner Sicht beim FCK noch wichtiger ist, als bei manch anderem Verein. Die Ausbildung hier beim FCK ist sehr gut. Die Spieler kommen in sehr guter Verfassung aus dem NLZ, wenn sie zu uns kommen.


Treffpunkt Betze: Inwieweit ist es schwieriger geworden, Spieler zu finden, die diese Mentalität noch an den Tag legen? Was hat sich da im Laufe der Jahre verändert?


Sascha Hildmann: Hier kommen wir zu einem Grundproblem, dass wir im deutschen Fußball haben. Wir müssten wieder mehr die Eigenverantwortung der Spieler fordern, eigene Entscheidungen auf dem Platz zu treffen. Hier wird teilweise zu viel von den Trainern vorgegeben. Wenn wir Spielzüge eintrainieren und der Spieler löst die Situation auf einmal anders, dann darf ich ihm als Trainer nicht diese Freiheit nehmen und mit ihm schimpfen, sondern ich sollte das fördern. Diese Dinge sind aus meiner Sicht aktuell die größten Defizite im Juniorenbereich.


Im morgigen zweiten Teil unseres großen Exklusivinterviews: Sascha Hildmann über den Saisonstart gegen Unterhaching, seine taktischen Pläne und seine Vorstellung von erfolgreichem Fußball.


Quelle: Treffpunkt Betze