Kommentar: Eine Bankrotterklärung für den gesamten Verein

Manchmal im Leben holen einen Vorahnungen ein. Als ich am Sonntag, dem 01. Dezember 2019 die Jahreshauptversammlung des 1. FC Kaiserslautern verließ, war meine Gefühlswelt gespalten. Eigentlich hätte ich vollauf zufrieden und glücklich sein können. Die Menschen, denen ich bei den Nachwahlen zum Aufsichtsrat meine Stimme gegeben hatte, hatten es eins zu eins in die Gremien geschafft. Das Team rund um Markus Merk würde in Zukunft in Aufsichtsrat und Beirat die Geschicke des Vereins überwachen. Und dennoch beschrieb ich in meinem Kommentar schon damals ein bedrückendes Gefühl. Ein Gefühl, dass zu oft schon Heilsbringer und Versöhner kurze Zeit später genauso vom Berg gejagt worden sind, wie ihre verschmähten und in Ungnade gefallenen Vorgänger.


Dass es aber so schnell geht, damit konnte niemand rechnen. Eines vorneweg: In diesem Kommentar geht es nicht darum, für eine „Seite“ Partei zu ergreifen. Allein das solche Begrifflichkeiten rund um den Betzenberg wieder nötig geworden sind, ist eine Bankrotterklärung. Es geht um eine nüchterne Einordnung einer Thematik, die leider fast nur noch emotional und undifferenziert behandelt wird. Das fängt schon damit an, dass unterschlagen wird, dass vergangenen Mittwoch ein FCK-unabhängiges Gremium getagt und einstimmig über einen für den Verein enorm wichtigen Sachverhalt abgestimmt hat. Kein Beirat, und auch kein Aufsichtsrat.


Weder hat der vorläufige Gläubigerausschuss etwas mit jahrelang entstandenem und im Verborgenen lodernden Betze-Geklüngel zu tun, noch der vom Gericht bestellte Sachwalter Andreas Kleinschmidt. Bei so manchen Behauptungen in den letzten Tagen und Wochen – etwa sei Kleinschmidt der Handlanger gewisser Leute in Bexbach, oder Gläubiger wie Quattrex hetzten dem FCK jetzt – quasi als Rache – Heidenheim auf den Hals, um ihm gleich drei Leistungsträger abzuwerben (Anm. d. Red.: Heidenheim hat Interesse an Kühlwetter, Pick und Sickinger bekundet), kam ich mir manchmal eher vor wie auf einer sogenannten Hygienedemo, als in einem FCK-Forum. Und auch die Behauptung, die regionalen Investoren warteten nur darauf, Flavio Becca als Ankerinvestor zu präsentieren, könnte nicht mehr an den Haaren herbeigezogen sein. Nachdem dies schon Rainer Keßler gegenüber Treffpunkt Betze dementierte, verwies auch Markus Merk diese Behauptung ins Reich der Märchen.

Das Kernproblem heißt "Vertrauen": Doch wem tut man unrecht?

Zuweilen ist es auch erstaunlich bis erschreckend, wie wenig Vertrauen Fans und Mitglieder offensichtlich nur noch in offizielle Gremien besitzen. Da können Markus Merk oder Rainer Keßler, die noch vor einem halben Jahr als Versöhner und „Retter“ gewählt und gefeiert worden sind, eigentlich sagen was sie wollen. Geglaubt wird es ihnen nicht mehr. Im Gegenteil: Gar Lügen und Machtgelüste werden ihnen unterstellt. Sicher, das kommt nicht von ungefähr. FCK-Fans und Mitglieder wurden in den letzten 20 Jahren immer wieder belogen und betrogen. Doch kann das „Team Merk“ hierfür etwas?


Wenn es in einer offiziellen Pressemitteilung heißt, dass „letztendlich ausschließlich die Gruppe der regionalen Investoren die Vorgaben zu Bonitätsprüfung, zu Geldwäsche, zu Compliance sowie zu den Regularien und Statuten des DFB und der Satzung des FCK erfüllen konnte“ und auch Markus Merk noch einmal betont, man habe versucht das Angebot von Horst Peter Petersen mit dem der regionalen Investorengruppe zu kombinieren, es sei aber schlicht nicht möglich gewesen, dann kann das ein Beiratsvorsitzender eigentlich nicht klarer ausdrücken. Auch wenn es mancher FCK-Fan oder Aufsichtsrat gerne hätte: In einem professionell geführten Unternehmen oder Fußballverein gehören Details aus Verhandlungen nicht an die Öffentlichkeit. Und schon gar nicht in einem laufenden Insolvenzverfahren. Aber was ist in Kaiserslautern schon noch professionell.


Obendrein kann niemand nachvollziehbar erklären, welches Motiv FCK-Gremien sowie Gläubigerausschuss haben sollten, ein wirklich nachhaltig besseres Angebot für den Verein abzulehnen. Selbst Jörg E. Wilhelm, größter Merk-Kritiker und Dubai-Verfechter, antwortet darauf angesprochen, er könne nur spekulieren. Spekulationen, die den Fritz Walter Klub keinen Zentimeter voranbringen, die Basis aber (wieder einmal) zutiefst spalten.

Becca als Teufel und Petersen als Retter? Die Widersprüche vom Betzenberg

Überhaupt sind in diesen Tagen auffallend viele Paradoxe rund um den Betzenberg zu vernehmen. Da kritisieren Mitglieder die Vereinsführung dafür, Angebote nicht gematched zu haben. Schließlich könne man doch 75% der Anteile der insolventen KGaA an den Ankerinvestor Horst Peter Petersen vergeben, und zusätzlich 25% an regionale Investoren. Zweifelsfrei: Das ist ein Ansatz. Und vielleicht ist es sogar der nachhaltigere und bessere. Aber wenn dieselben Leute dann von der Notwendigkeit einer Fan-Säule sprechen, oder dazu ermahnen, das geschaffene 4-Säulen-Modell zu beherzigen, dann widerspricht sich das.


Ein Widerspruch ist auch die Tatsache, dass manche Fans – aber auch gewisse Medienvertreter, die im vergangen Jahr Flavio Becca (zu Recht) noch aufs heftigste kritisierten und dezent zum „abhauen“ aufforderten, jetzt nahezu ohne jede nähere Information einem ihnen völlig unbekannten Herrn Petersen „ihren“ Verein in die Hände geben würden. Einzige Informationsquelle: Die Tweets und „Klartext“-Schreiben von JörgE. Wilhelm.


Keine Frage: Vielleicht hat Herr Petersen hehre Absichten, vielleicht ist sein Sport-Konzept überzeugend und würde den FCK nach vorne bringen. Aber „vielleicht“ sollte in solch einem sensiblen Prozess keine Entscheidungsgröße sein. Auch deshalb mahne ich an: Denkt nicht schwarz-weiß, bleibt kritisch und hinterfragt. Aber zu allen Seiten.


Davon abgesehen wirkt es nicht sonderlich seriös, dass zwar auf der einen Seite Jörg E. Wilhelm medial sehr präsent für Petersen wirbt, dieser aber bis zuletzt nicht aus dem Schatten getreten ist. Wenn sich ein potentieller Investor nicht einmal in der entscheidenden Gläubigersitzung persönlich vorstellt – oder wenigstens per Videokonferenz, dann schafft das nicht gerade Vertrauen. Das hat selbst Flavio Becca vergangenes Jahr besser hinbekommen, der sogar die Mannschaft im Trainingslager besuchte.


Auch das Argument, Petersen wolle seinen Namen medial nicht „verbrennen“ falls die Gremien sich gegen ihn entschieden, greift zu kurz. Denn sein Name ist seit Wochen bekannt, wurde mittlerweile auch indirekt vom Verein bestätigt. Wieso also nicht Aussagen richtig stellen, wenn sie doch – wie der Aufsichtsratsvorsitzende der KGaA Jörg E. Wilhelm im SWR-Interview erklärt hat, teilweise schlicht gelogen sein sollen. Unter anderem bezog Wilhelm sich hierbei darauf, dass Angebot von Petersen habe sehr wohl mit allen verbandsrechtlichen Regularien in Einklang gestanden und sei außerdem sofort annahmefähig gewesen. So aber bleiben verunsicherte Fans und Mitglieder zurück, der Vorwurf der Täuschung steht im Raum und den Schaden hat nur einer: Der FCK.

Mitglieder ausgrenzen geht gar nicht! - Der FCK gibt ein beschämendes Bild ab

Doch wie gesagt: Es ist wichtig, die Sache reflektiert zu betrachten. Und so macht in der Causa Insolvenzverfahren eigentlich niemand eine glückliche Figur.


Gremienmitglieder von Sitzungen auszuschließen, oder sie nicht zu informieren, gehört sich nicht nur nicht, es ist vereinsschädigend. Ebenso wenig wie man einen Aufsichtsratsvorsitzenden zum Rücktritt auffordert. Gerade das „Team Merk“, das in Person von Rainer Keßler bereits am eigenen Leib Druck und Rücktrittsforderungen erlebt hat, stand eigentlich dafür, nie wieder mit solchen Mitteln arbeiten zu wollen. „Es darf auf keinen Fall wieder passieren, dass sich in der öffentlichen Wahrnehmung wie vergangenes Jahr verschiedene Parteien bilden, die sich feindlich gegenüber stehen“, sagte Rainer Keßler noch vor drei Wochen im Interview mit Treffpunkt Betze. Genau das aber ist passiert. Schlimmer denn je.


Und auch die Pressemitteilung nach Wilhelms Äußerungen im SWR mag aus Vereinssicht zwar verständlich sein, ist in der Außenwirkung aber ein Desaster. Per Unterlassungserklärung Maulkörbe zu verteilen und einem Aufsichtsratsvorsitzenden gar mit Vereinsausschluss zu drohen (was aktuell laut Satzung so gar nicht möglich ist), verstärkt bei Fans nur das Gefühl: Ihr habt doch etwas zu verbergen. Kommunikation wäre auch hier das Zauberwort.


Überhaupt drängten sich nach der Pressekonferenz des Vereins vergangenen Mittwoch einige Fragen auf: Wieso äußert sich der Klub überhaupt zu diesem Zeitpunkt? Der vermeintlichen Entscheidung zu Gunsten der regionalen Investoren liegt „nur“ ein sogenannter „Letter of Intent“ – zu Deutsch eine Absichtserklärung, zu Grunde. Ein ausgehandeltes Vertragswerk steht noch aus. Die gleiche Situation spielte sich bereits ein Jahr zuvor ab, als sich die damaligen Geschäftsführer Michael Klatt und Martin Bader für Flavio Becca und gegen eine regionale Offerte entschieden. Das Ende ist bekannt: Becca investierte nicht. Und so konnten auch am Mittwoch weder Zahlen präsentiert werden, noch stellten sich regionale Investoren der Öffentlichkeit vor. Doch genau das wird in Zukunft nötig sein. Denn Vertrauen und Transparenz müssen am Betzenberg mindestens genauso dringend geschaffen werden, wie der Klub sportlichen Erfolg benötigt. Es bedingt einander sogar.

Die "Regionalen" müssen jetzt Vertrauen schaffen

Denn viele Fans trauen dem „regionalen Braten“ nicht. Zum einen weil die kolportierte Summe von circa 8 Millionen Euro dem Verein nur kurzfristig hilft, vor allem aber weil für sie Personen wie Dieter Buchholz ein rotes Tuch sind. Buchholz, von 2006-2008 selbst glückloser Aufsichtsratsvorsitzender des FCK, hat den Roten Teufeln in den letzten 20 Jahren zwar immer wieder finanziell unter die Arme gegriffen, hinter den Kulissen aber auch immer wieder seinen Einfluss geltend gemacht. Jedoch nie offen, immer verdeckt. Nicht zuletzt galt die alte FCK-Führung rund um Patrick Banf als seine. „FCK-Geklüngel“ gilt in Kaiserslautern auch als Synonym für seinen Namen. Schwer vorzustellen, wie sich das mit dem Wunsch nach Ruhe und Kontinuität verbinden lassen soll.


Doch der 1. FC Kaiserslautern kann sich eben auch nur noch bedingt aussuchen, von wem er sich helfen lässt. Die 2018 gegründete KGaA ist insolvent. Rekordverdächtig nach nur zwei Jahren. Der Ausgliederungsprozess verlief bislang desaströs, von Bundesliga und Champions League wurde schwadroniert, in der Realität konnte das 4-Säulenmodell bisher so gut wie gar nicht gefüllt werden.


Und so kommt es, bei aller berechtigten Kritik in der aktuellen Bewertung viel zu kurz, dass der FCK einem Schuldenschnitt und somit zumindest der Chance, einen wirtschaftlichen Neuanfang zu starten, ein großes Stück näher gekommen ist. Keine Frage, zu „verdanken“ ist dies auch den gelockerten Corona-Regularien, aber am Ende zählt das Ergebnis.


Das Ziel jedoch, mit dem das „Team Merk“ im Dezember 2019 eigentlich angetreten ist, nämlich den FCK nach den desaströsen „BBK-Jahren“ zu versöhnen, zu einen und wieder als Familie erstrahlen zu lassen, ist Stand heute krachend gescheitert. Wieder wird über Anwälte miteinander kommuniziert, gedroht und mit Vorwürfen um sich geschmissen.


Wie soll auf einem Boden, der so mit Zwietracht, Eitelkeit und Machtspielerei vergiftet ist, je sportlicher Erfolg wachsen? Bekommt der Verein das nicht endgültig in den Griff, kann er den Schädling namens Seilschaften und Klüngelei nicht endlich restlos bekämpfen, wird die noch so zarteste sportliche Pflanze, die Spieler, Trainer und Funktionäre zu pflanzen versuchen, eingehen und verwelken, bevor sie nur einen Tag geblüht hat. Die Hoffnung stirbt in Kaiserslautern ja bekanntlich zuletzt. Doch irgendwann stirbt eben auch sie.


Quelle: Treffpunkt Betze

Kommentar: Gerrit