[quote] Der taktisch clevere Aufsteiger SV Darmstadt 98 verdient sich das 0:0 beim 1. FC Kaiserslautern. Im Verfolgerduell der Zweiten Liga kann der FCK sein schnelles Umschaltspiel nicht kultivieren und tritt auf der Stelle. Torszenen sind Mangelware.
Das Warten hat sich gelohnt. Viele der knapp 5000 mitgereisten Fans des SV Darmstadt 98 waren am Freitagabend erst kurz vor dem Anpfiff der Fußball-Zweitliga-Partie beim 1. FC Kaiserslautern auf ihren Plätzen auf der Osttribüne des Fritz-Walter-Stadions. Zu groß war der Andrang in zu kurzer Zeit, sodass es mit der Einlassprozedur ziemlich schleppend voranging – das altbekannte Flaschenhalsprinzip. Spätestens beim Schlusspfiff von Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus aber war die Verstimmung über das lange Anstehen vor Spielbeginn vergessen: Die „Lilien“ verdienten sich vor 36.013 Zuschauern auf dem Betzenberg ein 0:0, was ihre Fans nach dem ersten Punktspiel beider Klubs seit mehr als 30 Jahren zu Freudengesängen veranlasste.
Aufsteiger Darmstadt erarbeitete sich das sechste Auswärtsremis im siebten Saisonspiel in der Fremde mit Fleiß, ebenso langen wie effizienten Laufwegen und Cleverness, die eher an ein routiniertes Spitzenteam erinnerte als an einen Aufsteiger. „Darmstadt hat sehr gut gestanden, und wir haben an diesem Tag nicht mehr verdient“, sagte FCK-Kapitän Srdjan Lakic. Teamkollege Markus Karl ergänzte: „In den entscheidenden Momenten haben wir dann auch noch die falschen Entscheidungen getroffen – der falsche Pass, der falsche Laufweg.“
Wie die anderen beiden Aufsteiger 1. FC Heidenheim und RB Leipzig mischen die „Lilien“ die Zweite Liga gründlich auf, führen die Gruppe der Neulinge an. Darmstadt ist in der Tabelle Überraschungsdritter, knapp vor dem FCH. Die Lauterer dagegen haben es mit ihrem schon fünften Unentschieden in Serie, dem siebten in dieser Saison, verpasst, an Darmstadt vorbeizuziehen und den Topteams Ingolstadt und Düsseldorf dichter auf die Pelle zu rücken.
FCK-Trainer Kosta Runjaic sah gegen seinen ehemaligen Klub, mit dem er 2011 den Drittliga-Aufstieg schaffte, erneut ein großes Ballbesitz-Plus für sein Team. Sehr selten aber gelang es den Lauterern, das Spiel schnell und gefährlich zu machen. Vor allem die Kreativkicker Kevin Stöger und Amin Younes konnten sich nicht entfalten, leiteten durch Ballverluste gar manche der wenigen, jedoch gut vorgetragenen „Lilien“-Angriffe ein.
Der Aufsteiger hatte mehr Großchancen als der FCK, Florian Jungwirth aber köpfte über das Tor (29.), und später vereitelte der Lauterer Keeper Tobias Sippel eine Darmstädter Doppelchance mit zwei tollen Reflexen (65.). Die größte Gelegenheit für den FCK gab Amin Younes vom Fuß, er traf nur das Außennetz (47.). „Wir haben es fast nie geschafft, den vertikalen Pass in die Spitze zu spielen, haben fast keine Spielzüge kreiert“, resümierte Lakic.
„Darmstadt hat souverän gestanden und unsere Pässe abgefangen“, sagte FCK-Innenverteidiger Willi Orban, der mit seinem U21-Kollegen Dominique Heintz 98-Torjäger Dominik Stroh-Engel gut im Griff hatte. „Aber das fünfte Unentschieden in Folge kann uns nicht zufriedenstellen“, meinte Orban. „Wir müssen es wieder schaffen, schneller zu spielen. Und wir müssen unsere Standards verbessern“, sagte Mittelfeldmann Ruben Jenssen.
„Das war unser schwächstes Heimspiel. Andererseits hat unsere junge Mannschaft Stabilität bewiesen, wir sind zu keiner Phase richtig ins Schwimmen gekommen. Das ist auch ein Entwicklungsschritt“, sagte FCK-Chefcoach Runjaic, „wir sind auf dem richtigen Weg, und den gehen wir weiter.“ Die nächste Aufgabe wartet am kommenden Sonntag (13.30 Uhr) beim FC St. Pauli.
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Spitzenwerte
Der 1. FC Kaiserslautern kann in die Fußball-Bundesliga aufsteigen. Das können auch neun andere Klubs.
Statistik gewinnt keine Spiele, Ballbesitz allein garantiert keine Tore: Auch mit 71 Prozent Ballbesitz kam der 1. FC Kaiserslautern gegen den clever und beherzt verteidigenden SV Darmstadt 98 im Topspiel der Zweiten Fußball-Bundesliga nicht über ein 0:0 hinaus. Die Fakten trüben die Bilanz und die Stimmung ein: Es war das siebte Remis im 14. Saisonspiel, das fünfte Unentschieden in Folge. Gegen alle drei Aufsteiger (1. FC Heidenheim, RB Leipzig und nun Darmstadt) spielten die Lauterer unentschieden. Darmstadt 98 (24 Punkte) und die unheimlich heimstarken Heidenheimer (23) rangieren schon vor dem FCK (22), Leipzig dürfte seinen 20 Zählern heute gegen den FC St. Pauli drei weitere hinzufügen. Bis zu Greuther Fürth auf Rang zehn können alle Vereine aufsteigen.
„Diese Mannschaft kann aufsteigen“, adelte auch Dirk Schuster, der Erfolgstrainer der „Lilien“, die Roten Teufel. Stimmt. Sie werden es aber nicht, wenn die Gier auf Tore, die Entschlossenheit vor dem gegnerischen Gehäuse, die Wucht der Angriffe nicht größer wird. Auch am Freitag ergötzten sich Amin Younes und Kevin Stöger zu sehr an ihrem Spiel, ohne Zug zum Tor. So schwer es gegen eine so gut, so kompakt verteidigende Mannschaft ist: Auch aus der zweiten Reihe darf geschossen werden. Wenn so wenig und dann auch noch so miserabel geflankt wird, kann sich kein Mittelstürmer in Szene setzen. Bemerkenswert aber, wie sich Willi Orban und Dominique Heintz gegen den routinierten Torjäger Dominik Stroh-Engel behaupteten.
Fraglos: Es war das bislang schwächste Heimspiel des FCK in dieser Saison. Diese willige, spielstarke Mannschaft besitzt aber sehr viel Potenzial. Diese Jungs können es besser. Viel besser.
Rheinpfalz am Sonntag