Freitod - letzter Ausweg oder feiger Rueckzug?

  • Das Ereignis, welches dieser Diskussion zugrunde liegt, beherrscht diesen Tag. Angeraten wäre mMn, diese Debatte nicht gerade in solcher Zeitnähe zu diesem tragischen Ereignis zu führen und nicht mit einer solchen Wucht (teilweise ..).

    2 Mal editiert, zuletzt von sandberg ()

  • Hi sandberg,


    richtig, es gibt bestimmt bessere Zeitpunkte, aber es war leider kaum noch zu vermeiden. Hätte auch gerne noch gewartet. Die Diskussionen gingen ja gestern Abend schon los und wir mussten den Besen rausholen. Dann lieber hier einen neuen Thread zum diskutieren als im Trauerthread. Ich musste mich sogar dafür rechtfertigen, warum ich gebeten habe dies im Enke Thread zu unterlassen. Es scheint aber viele User zu geben, die dringend darüber sprechen wollen und diesen Raum möchten wir auch bieten. Man muss ja auch nicht mitdebattieren.



    Gruß

    sàwàddee kráb

  • Respekt, wer sich das jetzt alles durchgelesen hat


    Sooo klingt das aber schon gleich ganz anders, SaZa.


    Das unterschreib ich, alles.

  • Als Erstes: Ich gebe SaZa und Sandberg völlig Recht! Dennoch schreibe ich jetzt auch was dazu, weil ich es schwierig fände, wenn die Grundstimmung hier jetzt von Trauer in Wut kippen würde.


    Es ist aus meiner Sicht nie sinnvoll, das innere Erleben eines Menschen von außen zu bewerten; erst recht nicht bei diesem Thema. Depression ist eine Krankheit! Von einem Menschen in dieser Situation zu verlangen, dass er die Konsequenzen seines Handelns für Andere mit bedenkt, wird dessen innerer Wirklichkeit nicht gerecht. Man muss das innere Erleben von den Konsequenzen des Handelns unterscheiden. Die Konsequenz des Suizids kann für andere Menschen verheerend sein ohne dass der so handelnde Mensch selbst egoistisch gedacht haben muss. In seiner inneren Wirklichkeit hatte er vielleicht einfach keine Wahl mehr, weil er mit seinen Kräften am Ende war. Wer weiß, wie viele Male ihn der Gedanke an die Konsequenzen für Familie und Freunde von diesem fatalen Schritt schon abgehalten hat; und jetzt ist der neueste depressive Schub halt genau einer zu viel. Die Hinterbliebenen, durch die Tat Traumatisierten und auch die Rettungskräfte sehen sich mit den verheerenden Konsequenzen dieses Schritts konfrontiert und da ist Wut eine absolut verständliche Emotion. Wer diese Wut dann aber auf den "Täter" projeziert, geht dabei immer davon aus, dass diesem eine Wahl geblieben wäre, dass er sich auch für das Leben hätte entscheiden können. Aber genau das muss vom inneren Erleben des so Handelnden her nicht zutreffen.
    Hinter der Wut liegt meistens die Trauer. Und es ist m. E. angemessener, den Toten zu betrauern und mit den durch seine Tat in Mitleidenschaft gezogenen Menschen mitzufühlen, als in der absolut verständlichen ersten Wut auf den "Täter" stecken zu bleiben. Das Schlüsselwort zum Begreifen der Situation ist "Tragik", nicht "Schuld".

    Einmal editiert, zuletzt von Newtrial ()

  • "Selbstmord" oder "Selbstmörder" - mir sind diese Bezeichnungen hinsichtlich der in der Gesellschaft für den zweiten Wortteil vorzufindenden berechtigten konkreten Inhalte / Wertungen für die Beschreibung eines solchen Tuns problematisch.

  • "Selbstmord" oder "Selbstmörder" - mir sind diese Bezeichnungen hinsichtlich der in der Gesellschaft für den zweiten Wortteil vorzufindenden berechtigten konkreten Inhalte / Wertungen für die Beschreibung eines solchen Tuns problematisch.


    Auch da gebe ich Dir völlig Recht. Ich editiere meinen Beitrag daraufhin gleich noch mal.

  • "Selbstmord" oder "Selbstmörder" - mir sind diese Bezeichnungen hinsichtlich der in der Gesellschaft für den zweiten Wortteil vorzufindenden berechtigten konkreten Inhalte / Wertungen für die Beschreibung eines solchen Tuns problematisch.


    Für mich nicht. Ein Mord ist nunmal eine geplante Sache und das trifft es auf den Punkt, denn wie schon oben geschrieben, ist es in den seltensten Fällen eine Kurzschlusshandlung. Und das sollte man sich immer vor Augen halten. Wobei Freitod auch nicht besser klingt.

    Zitat

    Armer Mann trifft reichen Mann und sehn sich an. Da sprach der Arme zum Reichen: "Wär ich nicht arm, wärst Du nicht reich!"


    Bertolt Brecht

  • Ein Onkel von mir hat sich aus dem 4. Stock seines Wohnhauses gestürzt, in dem er jahrelang wohnte und ihn mindestens 20 Mitbewohner sehr gut kannten....
    Auch das war furchtbar, da es ja nicht ein anonymer Fall war.
    In einem Selbstmörder herrscht ein seelisches Chaos, das sich jeder "normalen" Beurteilung entzieht.
    Wir alle sollten uns kein Urteil anmaßen, das ist meine Meinung zu diesem Thema.

    :schild: Eigentlich ist alles gesagt...nur noch nicht von jedem :teufel:

  • "Selbstmord" oder "Selbstmörder" - mir sind diese Bezeichnungen hinsichtlich der in der Gesellschaft für den zweiten Wortteil vorzufindenden berechtigten konkreten Inhalte / Wertungen für die Beschreibung eines solchen Tuns problematisch.


    Genau vor dem Problem stand ich auch als ich meinen langen Beitrag geschrieben habe. Synonyme für Selbstmord gibt es ja, aber nicht für Selbstmörder - was willst du denn anstelle von Selbstmörder, außer einer langen Umschreibung, sagen?


    Dann nochmal zu Robert Enke. Ich finde es erschreckend, dass man in der heutigen Zeit sich nicht trauen kann, zuzugeben, dass man Depressionen hat - eine ganz schlimme Krankheit, nur eben nicht sichtbar. Aus Angst vor Konsequenzen, in seinem Fall aus Angst seine Adoptivtochter weggenommen zu bekommen, oder seinen Job zu verlierern. In so einer beschissenen Gesellschaft leben wir. Alle müssen funktionieren, alle müssen Alles können. Nur keine Schwächen zeigen. Psychische Krankheiten sind in unserer Leistungsgesellschaft sowieso nicht anerkannt und werden oft belächelt. "Komm, reiß dich mal zusammen, Weichei!" sind noch die nettesten Aussagen. Dann noch die ganz Schlauen mit ihren "nett" gemeinten Ratschlägen: "Das wird schon wieder. Ach der Arme, er hat doch alles, ich versteh das nicht". - Zum Kotzen.

    sàwàddee kráb

  • Ich finde es erschreckend, dass man in der heutigen Zeit sich nicht trauen kann, zuzugeben, dass man Depressionen hat. Aus Angst vor Konsequenzen,


    Ich glaube, da gibt es im Moment ne Kampagne (fragt mich nicht von wem) - habe nämlich die Tage im Vorbeigehen eine Werbesäule in Saarbrücken wahrgemommen, auf dessen Plakat zwei junge Menschen abgebildet waren und die Krankheit Depressionen als "Slogan" hatte.
    Hab mich aber nicht weiter drum gekümmert - wenns einen nicht selber betrifft (eigene Person, Familie, Umfeld) ist sowas (meist) nur eine "Werbung" unter vielen.

    Alles nur subjektive Wahrnehmungsdefizite! :kritisch: